Alkoholismus

Die süchtige Familie

Es war am vergangenen Wochenende. Sylvie* besuchte ihren neuen Partner Hubert in seiner Wohnung, auch einige seiner Freunde kamen. Die Stimmung war entspannt - bis eine Flasche Wein geöffnet wurde. "Das ist ja eigentlich das Normalste von der Welt, so ein Glas Wein am Abend", sagt Sylvie und lächelt schief.

"Aber in mir ... in mir hat sich in diesem Moment etwas verkrampft." Hilflos, fast schon verloren schaute die 40-Jährige in die Runde. "Ich weiß noch nicht, was ich mit dieser Erfahrung mache", schiebt sie hinterher und wiederholt nachdenklich: "Es hat sich verkrampft ...ja, verkrampft hat es sich ..."

Jetzt ist es Mittwochabend. Sylvie sitzt mit zwölf anderen Frauen und Männern in einem Zimmer in der Waldhaus Klinik in Zehlendorf. Jede Woche findet dort ein Treffen von Al-Anon statt, einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholkranken. Vor 60 Jahren entstanden die Familiengruppen in den USA, seit 1967 gibt es sie auch in Deutschland. Allein in Berlin existieren 47 Gruppen. Erfahrungen austauschen, sich unterstützen, die gemeinsamen Probleme lösen: Das ist das Ziel von Al-Anon. Das Programm basiert auf den Zwölf Schritten und Zwölf Traditionen, die von den Anonymen Alkoholikern übernommen und angepasst wurden.

Als ich mit meinem Ex-Freund zusammenkam, habe ich gesehen, dass er Alkoholiker ist. Aber ich dachte: Ich krieg' das hin. Er war ein liebevoller Mensch. Meistens hat er abends getrunken. Er hat gekocht für uns und dabei angefangen, Wein zu trinken. Er hat offen zu mir gesagt: Ich trinke den Alkohol nicht wegen des Geschmacks, sondern wegen der Wirkung.

Wenn er getrunken hat, hat er sich verändert. Er war dann nicht mehr zugänglich, hatte auch Ausfälle, wurde gewalttätig. In mir hat sich dann alles verkrampft. Ich war nüchtern, habe den ganzen Wahnsinn nüchtern miterlebt. Ich habe mir an den Abenden vorgenommen: Morgen rede ich mit ihm. Aber am nächsten Morgen haben wir wieder schön zusammen gefrühstückt, es war harmonisch - und ich habe nicht geschafft, etwas zu sagen. Ganz oft habe ich diese Schleife gedreht.

Während Sylvie erzählt, hören ihr die anderen still zu. Bei dem einen oder anderen gibt es ein wissendes Nicken, ein lautloses Seufzen. Man kennt die Achterbahn aus Hoffnung und Verzweiflung aus eigenem Erleben. Nach Schätzung der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V. sind 1,7 Millionen Menschen hierzulande alkoholabhängig. Die "Trunksucht" ist als Krankheit offiziell anerkannt. Längst ist jedoch wissenschaftlich erwiesen, dass immer auch das soziale Umfeld von der Krankheit mit betroffen ist: Partner, Kinder, Eltern, Freunde, Kollegen. Nicht selten sind sie co-abhängig. Co-Abhängige verstricken sich übermäßig in die Probleme des Alkoholkranken. Sie wollen ihn verstehen und bekehren, entschuldigen ihn und suchen nach Rettung. Doch mit ihrem Verhalten verlängern sie die Sucht nur - und geben sich selbst häufig vollständig auf. "Dies kann so weit führen, dass Co-Abhängige sich selbst nicht mehr fühlen und wahrnehmen - zumindest in der Beziehung zum Süchtigen, oft aber auch darüber hinaus", schreibt der Psychologieprofessor Jörg Fengler. Co-Abhängige stammen oft selbst aus Suchtfamilien und haben sich dort problematische Rollenmuster angeeignet. Etwa 60 Prozent der Partnerinnen von Alkoholikern haben einen suchtkranken Vater oder eine suchtkranke Mutter, hat die Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V. ermittelt.

Ich bin co-abhängig. Ich hatte in dieser Beziehung zu meinem Ex-Freund immer diese Erwartungen, dass bestimmte Dinge möglich sind - obwohl ich eigentlich wusste, dass sie es nicht sind. Ich sehe als mein größtes Problem dieses Verleugnen. Immer wieder enttäuscht werden und doch erwarten. Eine Freundin hat mal zu mir gesagt: Erwartungen sind vorweg genommene Depressionen. Als Angehöriger ist man nicht nur Opfer, man hat selbst ungesunde, kranke Verhaltensweisen.

Wenn wir zum Beispiel mit Freunden zu einem Lagerfeuer gegangen sind, dachte ich: Wie romantisch. Aber dann hat er angefangen zu trinken und es war natürlich nicht mehr romantisch und ich war riesig enttäuscht. Mein Ex-Freund hat auch mit anderen Frauen rumgemacht, wenn er getrunken hat. Einmal waren seine Eltern dabei und haben zu mir gesagt: Jetzt hab' dich doch nicht so. Eine gesunde Frau würde sagen: Also bitte. Aber ich habe meiner Wahrnehmung nicht getraut und auch meinen Gefühlen nicht.

Das mit dem Verleugnen kommt aus meiner Kindheit. Meine Mutter hat getrunken. Aber weil mein Vater extensiv getrunken hat, ist ihr Alkoholproblem neben seinem kaum aufgefallen. Nach außen war immer alles okay, ist es bis heute. Es gibt ein Haus, ein Auto, Arbeit. Aber für mich gefriert dort das Wasser im Glas.

Als ich fünf Jahre alt war, haben sich meine Eltern getrennt. Sie waren sehr gewalttätig miteinander. Mein Vater ist zum Beispiel mit der Schere durch ihren Kleiderschrank gegangen, wenn er betrunken war. Ich habe mich für meinen Vater sehr geschämt und mich vor ihm geekelt. Er ist richtig verwahrlost, wurde später entmündigt. Nach der Trennung bin ich für zwei Jahre weggegeben worden zu meinen Großeltern. Da war ich auch noch von meiner Schwester getrennt. Und mein Opa hat auch getrunken. Ich war sehr einsam. Es gab kaum Bekannte oder Freunde.

Pause. Die erste Hälfte des zweistündigen Treffens von Al-Anon im Zehlendorfer Krankenhaus ist vorbei. Die "Meetings" unterliegen strengen Regeln. Man redet sich mit Vornamen an, bewahrt Stillschweigen über alles, was im Raum geschieht. Jeder erzählt, was ihn gerade bewegt. Bei Lorena ist es der Nebel draußen. Der gefalle ihr, meint sie, der bremse das Tempo auf den Straßen so schön ab. Fred erzählt vom Gitarrenunterricht, den er begonnen hat. Seine Augen strahlen. Dann spricht die Gruppe über so genannte Al-Anon-Literatur: Texte und Erfahrungsberichte andere Angehöriger werden gelesen.

Heute geht es um die Beziehung von Eltern zu ihren erwachsenen Kindern. Melanie erzählt, dass sie sich vor dem bevorstehenden Besuch ihres erwachsenen, alkoholkranken Sohnes und dessen Familie ein wenig fürchtet. Sie will sich so gern mit ihm austauschen, ehrlich sein, nicht mehr alle Gefühle überspielen. Aber wird das möglich sein? Antonia sagt, wie sehr sie es bedauert, nicht stärker für ihre Kinder präsent gewesen zu sein, als diese klein waren. "Sie erinnern sich daran, wie ich geschrien und getobt und die Pullen in den Ausguss geleert habe", erzählt sie. "Aber wie der Alte im Keller lag, völlig neben sich, das wissen sie nicht mehr." Traurig schaut sie auf die Tischplatte vor sich.

Einer gibt dem anderen das Wort, jeder in der Runde wird gehört. So entsteht eine Gemeinschaft aus Leidenden und Hoffenden. Doch auch wenn alle ähnliche Probleme haben - lösen soll und muss sie jeder allein. Es ist tabu, dass sich die Teilnehmer Ratschläge erteilen oder auch nur andere Beiträge kommentieren.

Mit der Trennung habe ich mich sehr schwer getan. Vor meinem Ex-Freund war ich schon einmal verheiratet. Schon als das zu Ende war, hatte ich gedacht: Jetzt findest du nie wieder einen Mann. Tunnelblick. Ich sah nicht, wie viele andere Möglichkeiten das Leben bietet.

Das Erleben der Gewalt zwischen meinen Eltern hat mir geholfen, schließlich doch aus der Beziehung auszusteigen. Als ich selbst Gewalt erlebt habe, hatte ich das Gefühl: Diesen Film kennst du doch. Das ist doch das Drama, in dem sich die Eltern prügeln - nur dass die Schauspieler gewechselt haben. Ich wusste noch nicht genau, was zu tun ist, aber ich hatte einen klaren Moment, dass etwas passieren muss. Ich bin dann den Jakobsweg gegangen. Und zu Al-Anon. Das hat mir sehr geholfen. Ich fühle hier sehr viel Freiheit, keinen Druck, keinen Zwang. Eine Zeit lang bin ich vier Mal pro Woche in ein Meeting gegangen. In den Treffen lassen die Menschen ihre Masken fallen. Das gefällt mir. Es gibt hier kein Allheilmittel, das glücklich macht. Aber wir können gemeinsam lernen hinzuschauen und auf diese Weise wachsen.

Es ist 21 Uhr. Die Frauen und Männer erheben sich und sprechen gemeinsam den "Gelassenheitsspruch": "Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann", sagen sie. "Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."

Ein bisschen befremdlich wirkten die Treffen vielleicht für Außenstehende, meint Stephanie geradezu entschuldigend. Das Spirituelle, die Regeln, die wenig repräsentativen, da aus eigenen, freiwilligen Zuwendungen finanzierten Räume ... "Aber irgendetwas ist in diesen Meetings", sagt sie. "Da ist etwas im Raum: Lebendigkeit, Kraft, Energie."

Das Ende der Beziehung zu meinem Ex-Freund ist fünf Jahre her. Jetzt habe ich mir richtig vorgenommen, in eine neue Beziehung zu gehen. Ich will Nähe dulden. Vertrauen geben. Die Angst vor Ablehnung aushalten. Wenn ich zum Beispiel eine SMS schreibe und nicht sofort eine Antwort bekomme, da könnte ich verrückt werden. In solchen Momenten spüre ich meine Co-Abhängigkeit. Ich rede mir dann Mut zu. Nicht verkrampfen, andere Möglichkeiten sehen.

Mein Leben heute ist nicht mehr Chaos und Drama, sondern leiser und bunter. Ich bin nicht mehr einsam. Ich traue mich, Grenzen zu setzen und Forderungen zu stellen. Stolz bin ich nicht auf mich. Das Wort hat für mich zu viel mit Leistung zu tun. Ich bin jetzt glücklich und zufrieden. Ich kann mir jetzt auch vorstellen, selbst ein Kind zu haben.

Trinken kommt für mich nicht infrage. Wenn ich auf einer Feier sage: 'Nein danke, ich trinke keinen Alkohol', dann ernte ich oft einen blöden Spruch. Aber ich will ehrlich sein, keine Ausreden erfinden. Das ist Grundlage für mein Wachstum. Ich wünsche mir, dass das Thema Sucht mehr publik wird. Wir sind eine durch und durch süchtige Gesellschaft. Dabei geht es anders. Rauchen ist mittlerweile an vielen Orten verboten, aber das Trinken nicht.

Manchmal fragen mich Menschen: 'Wie lege ich einen Alkoholiker trocken?' Dann sage ich: 'Tu was für dich selbst.'

*Alle Namen geändert