Literatur

"Meine Mama ruiniert mich mit ihrer Liebe"

Einen Sohn hat sich die Mutter von Doris Lessing gewünscht, dass sie ein Mädchen bekommt, ist eine schlimme Enttäuschung - wie sie ihrer Tochter selbst erzählt. Noch als Erwachsene leidet die Schriftstellerin unter der Kälte ihrer Mutter.

Anna Werfel liebt und bewundert ihre "Tiger-Mami" Alma Mahler - die aber verachtet ihr Kind, hadert mit ihrem Leben als Ehefrau und Mutter. Die Fotografin Annemarie Schwarzenach schreibt als 27-Jährige: "Meine Mama (...) ruiniert mich mit ihrer Liebe." Und Marie Curie verzweifelt manchmal an der Aufgabe, Familienleben und wissenschaftliche Laufbahn unter einen Hut zu bringen. An ihren Bruder schreibt die Nobelpreisträgerin 1905: "Ich habe viel Arbeit, mit dem Haushalt, den Kindern, dem Unterricht und dem Laboratorium, und ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll."

Berühmte Mutter-Tochter-Paare der Geschichte stellen Ulrike Ley und Susanne Sander in ihrem Buch "Zwischen Liebe und Konflikt. Mütter und Töchter" vor. Viele der Themen, mit denen sich die porträtierten Frauen von damals auseinandersetzen, sind bis heute aktuell. Der Wunsch, eine möglichst perfekte Mutter, ein Vorbild für die Tochter zu sein, prägt Müttergenerationen noch immer. Und auch der Versuch der Töchter, die Liebe der Mutter zu erringen und sich gleichzeitig von ihr abzugrenzen, ist zeitlos.

Dennoch sind die Geschichten der 14 Frauenpaare Spiegel ihrer Zeit: Vicky, Tochter der englischen Königin Victoria I., erfüllt als Ehefrau des späteren deutschen Kaisers Wilhelm I. die Aufgabe ihrer Eltern, die Beziehungen zwischen Deutschland und England zu intensivieren. Die begabte Katia Pringsheim, deren Großmutter Frauen den Weg an die Universitäten ebnete, ordnete sich dem Wunsch ihrer Mutter Hedwig Pringsheim unter - und heiratete Thomas Mann. Anna Seghers kehrte ihrer großbürgerlichen jüdischen Herkunft den Rücken, das Verhältnis zu den Eltern blieb trotzdem eng. Über den Tod ihrer Mutter jedoch sprach die Schriftstellerin fast nie: Zeitlebens litt sie darunter, dass sie ihre Mutter nicht rechtzeitig aus Deutschland holen konnte - Hedwig Reiling wurde 1942 deportiert.

Die Autorinnen betonen in ihrem Vorwort, sie wollten nicht bewerten: "Es gibt keine Mütterschelte und keine Töchterschelte." Denkanstöße können die Texte dennoch sein: Für Töchter, sich mit dem Verhältnis zur eigenen Mutter auseinanderzusetzen. Und für Mütter, sich mit der Frage zu beschäftigen: Was für eine Mutter will ich sein?

Ulrike Ley, Susanne Sander: "Zwischen Liebe und Konflikt. Mütter und Töchter". Knesebeck, 24,95 Euro