Jugendamt

Wenn Pflegekinder erwachsen werden

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Annette Kuhn

Foto: Heiko Laschitzki

Mit dem 18. Geburtstag fällt die Unterstützung des Jugendamts meist weg. Eine Berlinerin erzählt von ihrem Behördenmarathon

Miese auf dem Konto - damit hatte Erika Posehn bislang nicht zu kämpfen. Die 67-Jährige hat es immer verstanden, gut zu wirtschaften. Aber Ende des vergangenen Jahres war sie dann doch in den roten Zahlen: "Weihnachten musste diesmal kleiner ausfallen als sonst."

Die gelernte Krankenschwester hat zwei Töchter und einen behinderten Pflegesohn großgezogen, zusätzlich immer wieder Kinder zur Kurzzeitpflege aufgenommen. Nachdem sie Witwe geworden war und einen Schlaganfall überstanden hatte, gründete sie noch einmal vor zwölf Jahren eine zweite Familie, als sie die beiden Schwestern Janine und Sarah bei sich aufnahm. Mit dem Geld, das sie vom Jugendamt für die Pflegetöchter bekam, und mit ihrer Rente kamen die drei immer gut über die Runden. Bis jetzt, bis auf einmal die Zahlungen für Janine eingestellt wurden.

Im Frühjahr vergangenen Jahres hat die 20-Jährige ihr Fachabitur gemacht und sich für einen Ausbildungsplatz zur Veranstaltungskauffrau beworben. "Inzwischen habe ich wohl schon 50 Bewerbungen rausgeschickt" - eine Zusage zum Ausbildungsstart im September war nicht dabei. Um nicht untätig herumzusitzen, entschloss sich Janine, im Herbst einige Monate als Au-pair in die USA zu gehen: "Ich wollte mit der Auslandserfahrung und der Verbesserung meiner Englischkenntnisse meine Chancen für einen Ausbildungsplatz erhöhen." Ihre Pläne besprach sie mit dem Job-Center, das nach Ende der Schulzeit für sie Ansprechpartner war und bei dem sie Beihilfe für Miete und Lebensunterhalt beantragte. Der zuständige Sachbearbeiter sah offenbar kein Problem darin, unterstützte Janine in ihren Plänen und sicherte ihr mündlich Unterhaltszahlungen zumindest bis zu ihrem Auslandsaufenthalt zu.

Hin- und hergeschoben

Tatsächlich aber bekam sie nur noch für einen Monat Geld. Danach wurden die Zahlungen mit Verweis auf ihren anstehenden Auslandsaufenthalt eingestellt. "Grundsätzlich gibt es eine Präsenzpflicht", erklärt René Dreke von der Arbeitsagentur Berlin Mitte dazu, "das heißt, der Jugendliche muss in Ortsnähe erreichbar sein." Nur wenn die Vermittlungsstelle den Auslandsaufenthalt als notwendig betrachtet, könnten Leistungen bei einem Auslandsaufenthalt weitergezahlt werden. Eine zeitliche Überbrückung bis zum Beginn einer Ausbildungsaufnahme würde dazu aber nicht zählen. Erika Posehn ärgert das, schließlich wollte Janine nicht einfach nur herumsitzen und warten, sondern die Zeit sinnvoll nutzen und sich weiter qualifizieren. Aber das reichte offenbar nicht als Argumentation. Das Job-Center zahlte nicht mehr, sondern stattdessen die Pflegemutter.

Kein Einzelfall, weiß Ellen Hallmann von "Familien für Kinder", der zentralen Anlaufstelle für Pflegeeltern in Berlin. Das Jugendamt zahlt für Pflegekinder bis zum 18. Lebensjahr. Sollen die Zahlungen dann noch weiterlaufen, muss der Jugendliche nachweisen, dass er nicht allein leben kann. Dass er zum Beispiel nicht mit Geld umgehen kann oder dass er zu unselbstständig ist. Das wird in einer halbjährlichen sogenannten Helferrunde mit Pflegekind, Pflegeeltern und Vertretern des Jugendamtes überprüft. Man müsse die Pflegekinder unfähiger machen, als sie sind, hat Erika Posehn daraus ihre Lehre gezogen. Aber eigentlich widerstrebt ihr das, das sei doch demotivierend. In der Praxis laufen die Zahlungen vom Jugendamt meist weiter, solange das volljährige Pflegekind noch zur Schule geht, erklärt Ellen Hallmann. Aber der Spardruck auf die Jugendämter sei hoch, daher würden die Jugendlichen spätestens nach dem Schulabschluss meist an die Job-Center überwiesen. Janine ist auch schon bei den Helferrunden nach ihrem 18. Geburtstag gefragt worden, ob sie nicht bei ihrer Pflegemutter ausziehen und sich einen 400-Euro-Job suchen wollte. Dann hätte sie für die weitere Unterstützung ihres Lebensunterhaltes Hartz IV beantragen können und wäre in die Zuständigkeit des Job-Centers gefallen. Janine fand die Aussicht zu jobben, statt zur Schule zu gehen, durchaus verlockend. Auch wenn sie den Verdienst nicht selbst hätte behalten können, weil er auf die Unterhaltszahlungen angerechnet worden wäre.

Engagement wird wenig beachtet

Aber Erika Posehn war dagegen. "Janine hatte es nicht immer leicht in der Schule, hatte Nachhilfe. Wenn sie gejobbt hätte, dann hätte sie jetzt vielleicht kein Fachabi", erklärt Janines Pflegemutter, "und damit viel schlechtere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt". Erika Posehn will ihren Pflegetöchtern eine gute Grundlage für ihr weiteres Leben schaffen. Daher legt sie auch großen Wert darauf, dass sie eine gute Schulausbildung bekommen und versucht den beiden alles zu ermöglichen, "damit aus ihnen einmal funktionierende Mitglieder unserer Gesellschaft werden". So hat Erika Posehn auch ihre eigenen Ersparnisse dafür hingelegt, dass die Pflegetöchter Nachhilfestunden bekamen und ihren Führerschein machen konnten - die Mittel vom Jugendamt hätten dafür nicht gereicht.

Erika Posehn betont, dass sie dies gern gemacht hat, aber jetzt ärgert sich die Pflegemutter, wie wenig Beachtung ihr Engagement findet. Es sei doch eine Leistung, die Kinder bis zum Abitur begleitet zu haben. Die Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren so wenig Positives erlebt haben, die mit acht bzw. zehn Jahren von ihrer alkoholkranken Mutter in Pflege gegeben wurden und erst einmal hin- und hergeschoben wurden, bis sie bei Erika Posehn landeten. Gerade diesen Kindern müsste doch vermittelt werden: Du schaffst das. Und sie ärgert sich darüber, dass auf einmal keiner für Janine zuständig sein will. Weder das Jugendamt, noch das Job-Center. "Dabei ist das doch das letzte, was Pflegekinder brauchen können, dieses Gefühl, hin- und hergeschoben zu werden", erklärt auch die Sozialpädagogin Ellen Hallmann.

Allerdings sei der Druck auf die Behörden nicht hoch, weil in den meisten Fällen - wie auch bei Janine - die Pflegeeltern einspringen und ihr Problem nur selten nach außen tragen. "Pflegeeltern fühlen sich moralisch verpflichtet, sie verschulden sich eher, als dass sie um Hilfe bitten", hat Ellen Hallmann in vielen Fällen erlebt. Sie kennt keine Pflegeeltern, die ihre Pflegekinder nach der Volljährigkeit allein gelassen haben. Auch für Erika Posehn käme das nie in Frage: "Die beiden Mädchen sind mir doch längst genauso ans Herz gewachsen wie meine eigenen Kinder, ich würde sie nie vor die Tür setzen".

Im September ist Janine in die USA geflogen. Geplant hatte sie bis zum Sommer dieses Jahres zu bleiben, in der Hoffnung, dann einen Ausbildungsplatz zu haben. Aber überraschend wurde sie schon jetzt zu zwei Vorstellungsgesprächen eingeladen. "Da habe ich nicht lange gezögert, sondern mein Au-pair abgebrochen und bin auf eigene Kosten zurückgeflogen - meine Ausbildung war mir wichtiger." Seit Anfang Dezember ist sie wieder in Berlin. Da sie von den USA aus nur schwer Kontakt zum Job-Center aufnehmen konnte, hat ihre Pflegemutter versucht, für sie alles zu regeln, damit sie dann zumindest wieder Unterstützung bekommt. Doch obwohl sie von Janine alle Vollmachten hatte, wurde Erika Posehn abgewiesen. Sie solle sich nicht einmischen, hieß es, es gebe ja keine verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen. Also musste sie warten, bis ihre Pflegetochter wieder zurück war und einen Termin bei ihrem zuständigen Sachbearbeiter bekam. Wieder vergingen Tage und Wochen, ohne dass Geld floss. "Meine Reserven sind inzwischen aufgebraucht, auch als Janine in den USA war, liefen doch viele Kosten weiter." Auch die Einliegerwohnung in ihrem kleinen Haus in Rudow bekam sie für die kurze Zeit, in der Janine weg war, nicht vermietet.

Inzwischen hat sich der Zorn der Rentnerin allerdings gelegt. Das Job-Center hat zumindest rückwirkend für Dezember Miete und Lebensunterhalt für ihre Pflegetochter gezahlt. Um am 6. Februar wird Janine ihre Ausbildung beginnen, als angehende Veranstaltungskauffrau, ihrem Wunschberuf. Doch Erika Posehn hofft, dass sie mit ihrer zweiten Pflegetochter, der 18-jährigen Sarah, nicht noch einmal so einen Behördenkampf erlebt - finanzielle Reserven dafür hätte sie nun auch nicht mehr.