Silvester

Partys wie früher - nur ein Traum

Wer will noch ein Glas Kindersekt? So richtig gut passen Silvester und Kinder nicht zusammen, findet unsere Autorin

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Man soll ja, vor allem jetzt am Jahresende, die Dinge ganzheitlich betrachten. Also die guten wie die schlechten Seiten bedenken. Und erst nach sorgfältiger Abwägung, wenn überhaupt, in das übliche selbstmitleidige Gejammer ausbrechen. Fangen wir also mit den guten Seiten an.

Wer Kinder hat, hat kein Coupé. - Halt. Falsch. Wer Kinder hat, der darf sich übers Jahr verteilt an vielen traditionellen Festen erfreuen. Weihnachten: wäre nichts ohne die aufgeregte, rotbäckige Bande. Keine Weihnachtslieder, keine stundenlangen Geschenkeschlachten, kein Flüchten zu Mamas, wenn der gemietete Weihnachtmann an die Tür klopft. Nur höflich gelangweilte Erwachsene vor kargen Tannenzweigen, die sich natürlich vernünftigerweise alle gegenseitig nichts schenken. Ostern: ohne Kinder einfach nur ein langes Wochenende. Karneval ohne Kinder: albern. Halloween ohne Kinder: nervtötender Ami-Schwachsinn. Sankt Martin ohne Kinder: inexistent. Adventszeit, Geburtstage, Familienfeiern ohne Kinder: sinnlos, nichtssagend, öde. Eigentlich gibt es nur einen einzigen Festtag im Jahr, an dem Eltern nicht das sichere Gefühl haben, zum glücklicheren Teil der Menschheit zu gehören. Ein Tag im Jahr, an dem sie ein klein wenig mit dem Elterndasein hadern. Und das ist Silvester.

Auf der Tanzfläche nur Kinder

Wobei, ich rede hier natürlich nur von mir. Meine Idealvorstellung von Silvester ist nämlich irgendwo zwischen später Pubertät und früher Adoleszenz stecken geblieben. Das heißt, ich assoziiere mit Silvester immer noch Partys, wie sie in "La Boum" oder "Sonnenallee" gefeiert werden: kurze Kleider, hohe Hacken, viel Alkohol, brüllend laute Musik, torkelnde Menschen, knutschende Paare. Dazu gehört auch, dass man um vier Uhr morgens natürlich kein Taxi kriegt. Und dann, die hohen Hacken verfluchend, kilometerweit nach Hause staksen muss. Das erste Gefühl am Neujahrsmorgen sollte sein: Kopfschmerzen. Das zweite: Lust. Gegen 17 Uhr wird geduscht, es folgt ein kalorienhaltiges Katerfrühstück. So und nicht anders fängt man frohes neues Jahr an. Finde ich.

Die Realität sieht seit zwölf Jahren anders aus. Ich fasse mal kurz meine Silvester 1999 bis 2010 zusammen: schwanger, Baby, Kleinkind, wieder schwanger, Baby, Kleinkind, und nochmal das Ganze. Rechnerisch kann es zwar nicht ganz hinkommen, aber gefühlt war ich entweder immer kurz vor oder kurz nach einer Entbindung. Oder ich habe noch gestillt. Oder ich habe schon wieder gestillt. Jedenfalls haben wir selten darüber diskutiert, wer das Auto nach Hause fährt.

Weil man in Clubs mit Kleinkindern eher selten reingelassen wird, verbringen wir Silvester mittlerweile meistens mit Leuten, die im gleichen Lebensabschnitt feststecken. Diese netten Menschen wohnen in Wohnungen, die so ähnlich aussehen wie unsere: Wohnungen, in denen auch überall Spielzeugkisten, Gummistiefel und Wäscheständer rumstehen. Dort wird dann ein Büfett aufgetischt, dazu wahlweise Apfel- oder Weißweinschorle gereicht. Die Musik läuft nur knapp oberhalb von Zimmerlautstärke. Es darf auch getanzt werden. Allerdings hopsen auf der Tanzfläche immer nur Grundschüler, während drumherum milde lächelnde Eltern sitzen, die mit der einen Hand ihre Handykameras bedienen und mit der anderen müde Kleinkinder umfassen.

Jedes Jahr gibt es einen elterlichen Plan für diese Nacht. Der Plan sieht vor, dass die kleineren Kinder irgendwann müde werden und einschlafen. Der Plan sieht weiterhin vor, dass die großen Kinder vom vielen Feiern und Toben so müde sind, dass sie am Neujahrstag ausnahmsweise mal bis 9.15 Uhr schlafen. Ist der Plan jemals aufgegangen? Nein. Wachen die Kinder noch früher auf als sonst, sind dafür aber quengelig? Ja.

Aber Moment, soweit waren wir ja noch gar nicht. Es ist also Mitternacht, keines der Kinder schläft, wir packen sie uns deshalb Brad-Pitt-Angelina-Jolie mäßig seitlich auf die Hüften und gehen auf die Straße. Wenigstens ein paar Böller anzünden, ein bisschen in den Himmel gucken und feuerwerkssentimental werden. Darauf haben sich doch alle so gefreut. Draußen aber geht das Feuerzeug nicht an und die Finger sind klamm und die Rakete fliegt in die falsche Richtung und es ist kalt und dunkel und rauchig und laut.

Das Feuerwerk - verpasst

Drei Knallfrösche später heult der Nachwuchs bereits herzzerreißend. Also wieder zurück in die Häuser, Kinder beruhigen, dabei noch ein bisschen sehnsüchtig in Richtung Fenster schielen. Wieder nichts gesehen vom Funkenregen. Na toll.

Hallo! Ganzheitlich wollten wir die Sache doch betrachten! Also gut. Der Rest ist sowieso schnell erzählt: Wir verpacken die Kinder in Jacken, Mützen, Schals, dann werden sie im Laufschritt zum Auto getragen. Die Fahrt nach Hause führt durch Berliner Kriegswirren. Von rechts und links und oben und unten kommt Beschuss. Ganz ehrlich: Ich hab Angst. Bloß noch heim. 1.30 Uhr: Halb ziehen wir die Kinder, halb sinken sie hin in ihre Betten. Und wir? Die Nacht ist noch so jung. Ich bin noch gar nicht müde. Wir könnten jetzt eigentlich locker noch tanzen gehen. Oder hoch auf die Dächer klettern. Oder erst tanzen und dann auf die Dächer. Oder umgekehrt.

Stattdessen sitzen wir flüsternd auf der Couch und trinken ein halbes Gläschen Sekt miteinander. Vier Stunden haben wir jetzt vermutlich Ruhe, so lange dauert der kindliche Tiefschlaf. Dann werden sie uns mit den üblichen Guten-Morgen-Dialogen wecken: "Ich hab Hunger." "Mir ist langweilig." "Wann steht ihr endlich auf?" Am besten bestellen wir jetzt schon eine Pizza und legen eine DVD ein, vielleicht versorgen sie sich dann ausnahmsweise mal bis 7.30 Uhr selbst.

Aber selbst wenn der Silvesterabend wie immer ein halber Reinfall war und der morgige 1. Januar vermutlich eher schleppend verläuft, fängt doch ein Jahr an, auf das wir uns eigentlich ziemlich freuen. Weil es ausgelassene Schwimmbadbesuche geben wird und lustige Ausflüge und schöne Urlaube. Natürlich auch Streit und Türknallen. Aber auch haufenweise Küsschen. Umarmungen. Und selbstgemalte Herzchenbilder. Und "Ich-hab-dich-lieb"-Bekenntnisse. Ich euch auch.