Weihnachtsessen

Familie Nachtigal beschert die Einsamen

Ein Berliner Pfarrer und seine Frau laden zum 18. Mal Alleinstehende zu einem festlichen Weihnachtsessen ein

Es wird ein rauschendes Fest. Und am Ende sollen alle fröhlich nach Hause gehen. Es sieht so aus, als hätte Familie Nachtigal aus Pankow auch in diesem Jahr wieder Erfolg mit diesem Plan und ihrer speziellen Art, den Heiligen Abend zu feiern. Seit 18 Jahren feiern sie das Familienfest mit Hunderten fremder Menschen. "Das ist für uns kein Opfer", sagt Werner Nachtigal (49). "Wir können uns kein besseres Weihnachtsfest vorstellen." Seine Frau Birgitta (47) und seine Tochter Dana (18) nicken zustimmend.

"Viele Menschen sind an Weihnachten besonders unglücklich, weil sie niemanden haben, mit dem sie feiern können", sagt Birgitta Nachtigal, die normalerweise als Krankenschwester arbeitet.

Rund 300 Menschen werden am Sonnabend im großen Saal des Hotels Intercontinental in Tiergarten erwartet. Sie haben sich vorher namentlich angemeldet und werden sich wohl festlich anziehen. Es sind völlig verschiedene Menschen aus allen Teilen der Stadt: Studenten, Senioren, Alleinerziehende mit Kindern, Reisende, die es nicht mehr zu ihrer Familie nach Hause schaffen, Väter, die getrennt von ihren Kindern leben. Diejenigen, die kommen, tun das aus verschiedenen Gründen: "Das sind ganz unterschiedliche Schicksale: Es kann eine Witwe sein, die kurz zuvor ihren Mann verloren hat, es kann der junge Karrieretyp mit Mitte 30 sein, der plötzlich feststellt, dass er eigentlich alleine ist. Jeder, der niemanden hat, ist herzlich willkommen." Sie erzählt von einer Frau, die vor 15 Jahren einen Zeitungsartikel über das Festessen der Nachtigals las und aufgehoben hat, weil sie sich dachte, "vielleicht bin ich ja irgendwann auch einsam". In diesem Jahr ist die Dame zum ersten Mal dabei.

Statt alleine zu sein, besuchen sie eine festliche Gala mit Buffet, Live-Musik und vielen Menschen, denen es ähnlich geht. "Wir sorgen dafür, dass definitiv keine depressive Stimmung aufkommt. Wir haben schon erlebt, dass ein trauriger, verlassener, junger Mann hier strahlend wieder hinausgegangen ist.", sagt Birgitta Nachtigal und man merkt ihr an, wie stolz sie ist, dieses Ziel jedes Jahr zu erreichen. Für Kinder gibt es ein musikalisches Betreuungsprogramm. Gesponsert wir die Veranstaltung unter anderem vom Hotel Interconti, das kostenlos seinen Saal zur Verfügung stellt. Ein Brautausstatter kümmert sich um die Dekoration, Berliner Gastronomen liefern die Lebensmittel. Das einzige, was selbst bezahlt werden muss sind die Getränke.

Werner Nachtigal ist Pfarrer - und in seiner Funktion eine Art mobiler Pastor. "Ich bin nicht der Pastor, der am Sonntagmorgen in der Kirche steht", sagt er und lächelt. Das ganze Jahr über ist er auf Veranstaltungen auf der ganzen Welt unterwegs, um die Botschaft weiterzugeben. 2011 war er sogar auf allen fünf Kontinenten. Er setzt sich für gemeinnützige Aktionen ein, hält große Gottesdienste und organisiert Charity-Veranstaltungen, wie zum Beispiel die Aktion "Winter2go", bei der mehr als 2000 Weihnachtsmänner sich auf einem öffentlichen Platz in Städten versammeln und Geschenke verteilen. Noch in dieser Woche war er in Afrika unterwegs - eine Woche war er in Lagos in Nigeria.

Christliche Nächstenliebe leben

Zeit für Gemütlichkeit bleibt wenig. "Gemütlich würde nicht zu mir passen", sagt Nachtigal. Er wolle etwas bewegen, viel erreichen und er hat noch viel vor.

Doch jetzt geht es erst einmal um die Gala für einsame Menschen. Das Hotel stellt zwar den Saal, aber um alles andere kümmern sich die Nachtigals - beziehungsweise die 50 bis 60 ehrenamtlichen Helfer, die mit ihnen kochen, ausschenken, Musik spielen oder saubermachen. Zwei Weihnachtsmänner leisten den Feiernden Gesellschaft. Zu Gospel- und Popmusik gibt es Gans, Rotkohl und Klöße und zum Schluss ein Dessert, das dieses Jahr eine Überraschung des Kochs ist.

Auch Tochter Dana hilft mit, wo sie kann. Sie steht an der Tür und empfängt die Gäste. Nach der Feier hilft sie beim Aufräumen. Das kann unter Umständen ganz schön lange dauern: "Manchmal wird es erst vier Uhr nachts, bis wir nach Hause kommen."

Sie, ihre Schwestern (18 und 19) und ihr Bruder (14) können sich Weihnachten ohne die Gala gar nicht vorstellen. "Zweimal ist sie ausgefallen und wir haben für uns alleine zu Hause gefeiert", erzählt Dana. "Das war total langweilig. Wir sind es gewöhnt, das Fest mit anderen zu feiern. Es ist viel schöner. Es ist so, als feiere eine große Familie. Wir singen alle zusammen Weihnachtslieder, es ist eine friedliche Atmosphäre und ein tolles Gefühl. Es ist eine geniale Atmosphäre." Mittlerweile kenne sie viele der Gesichter, es kämen aber auch immer neue Leute. "Und sie sind alle unglaublich dankbar. Viele sind gerührt von dem, was sie beim Fest erleben. Manche rufen bald darauf an, bedanken sich noch mal und wollen sich am liebsten gerne für das nächste Jahr wieder anmelden."

Besinnlichkeit gibt es für die Nachtigals dann ab Januar, wenn alle Feiertage vorbei sind. "Wir kennen kein Plätzchenbacken, keine besinnliche Weihnachtszeit, aber wir vermissen sie auch nicht. Wir sind glücklich mit unserem Weihnachtsfest", sagt Werner Nachtigal. Natürlich sei der Stress der Vorbereitung manchmal so groß, dass er die Vorfreude überlagere. Auch, wenn die ganze Familie mithilft, jeder Aufgaben übernimmt und die Kinder ihre Eltern unterstützen. "So Ende November, Anfang Dezember, bevor alles losgeht, denke ich mir, warum tu ich mir das eigentlich an", sagt Birgitta Nachtigal. "Aber wenn dann die Tür aufgeht, freue ich mich so wahnsinnig, dass ich wieder genau weiß, warum."

Denn: "Egal, wo sie herkommen, ob sie reich am, alt oder jung sind - wir wollen die Menschen erreichen, die unter ihrer Einsamkeit leiden", sagt Birgitta Nachtigal. Es gibt zwar keinen Gottesdienst an diesem Abend. Aber ihr Mann und sie wollen mit ihrem Handeln christliche Werte wie Nächstenliebe und respektvollen Umgang vermitteln, sagt sie. "Jesus wurde an diesem Tag geboren. Da können wir doch nicht vor Menschen, die auf der Suche nach Liebe sind, die Tür zu machen."