Altersunterschiede

Eine Liebe ohne Grenzen

Ein ungewöhnliches Paar erzählt von seiner Beziehung: Christ ist 28 Jahre alt, Marie 46

Foto: Massimo Rodari

Es war in einer Filmagentur, als sie sich das erste Mal trafen. Sie war neu an dem Arbeitsplatz, erwartete nicht viel von dem Job - bis sie ihn sah, den Auszubildenden. ",Ach, das sind ja nette Kollegen hier', dachte ich so bei mir", erzählt sie und lacht. Kokett streicht Marie* ihre dunkelblonden Haare aus dem Gesicht, ihre blauen Augen strahlen. "Es war sofort ein Kontakt da, das hat man selten." Auch Chris* erinnert sich gern an die ersten Momente. Da das ganze Team immer lange habe arbeiten müssen - "so bis drei, vier Uhr morgens", - habe man sich schnell besser kennengelernt. "Wir haben viel miteinander geredet, vor allem über deine vielen Reisen...", erinnert er sich, und man hört Bewunderung in seiner Stimme. "Wir hatten beide dieses Gefühl, dass wir uns schon lange kennen."

Doch trotz dieser Vertrautheit dauerte es einige Wochen, bis sich Marie und Chris näherkamen. "Mir wäre nie der Gedanke gekommen, dass da mehr sein könnte", sagt Marie. "Das war auch wie ein Verbot für mich, ein totales Tabu." Sie habe nicht zuletzt Angst gehabt, sich lächerlich zu machen. Weil alles "so verrückt, so spinnig" war. Der Grund: Marie ist 46 Jahre alt, Chris 28.

Große Altersdifferenzen, unterschiedlicher Kultur- oder Bildungshintergrund: Gegensätze können eine Beziehung bereichern. Doch stehen ungewöhnliche Paare auch vor besonderen Herausforderungen. Gerade wenn die Unterschiede schon äußerlich sichtbar sind - wie bei Alter, Gewicht, Größe -, müssen die Partner nicht nur ihre eigenen Bedenken, sondern auch Zweifel und Sticheleien ihres Umfelds aushalten. "Es braucht Mut, Selbstbewusstsein und gute Argumente, sich in seiner Unterschiedlichkeit als Paar zu präsentieren", sagt Holger Dammit, Psychologe und Paarberater aus Berlin.

Bei Marie und Chris war es der Jüngere, der die Beziehung schließlich zum Laufen brachte. Als er eine Woche lang in Rom urlaubte, simste ihm Marie: "Ach, wärst du nur zehn Jahre älter!". Er antwortete voller Überzeugung: "Was sind schon zehn Jahre!" Das gab Marie die Sicherheit, den Gedanken an eine Partnerschaft und ihre Gefühle für ihn überhaupt erst zuzulassen. "Alles ist so selbstverständlich von dir gekommen", sagt sie und schaut nun ihrerseits bewundernd. "Ich hatte immer das Gefühl, dass dir der Altersunterschied wirklich egal ist, dass du tatsächlich mich siehst. Dadurch hast du die Beziehung ein großes Stück weit getragen."

"Du machst mich so friedlich"

Chris und Marie sitzen in einem Café in Prenzlauer Berg. Sie trägt ein lässig geschnittenes pinkes T-Shirt, er einen grau melierten, dicken Kapuzenpulli. Sie fallen nicht auf in diesem Ambiente, höchstens durch ihre Attraktivität. Der braunäugige Chris sitzt da wie ein Fels. Er strahlt Ruhe aus und wählt seine Worte mit Bedacht. Marie ist offen und lebendig, die Sätze sprudeln nur so aus ihr heraus. Wenn sie es merkt, bremst sie sich, sagt auffordernd zu Chris: "Oder möchtest du das erzählen?" Doch korrigiert sie ihn sofort, wenn er sich ihrer Ansicht nach nicht richtig erinnert. "Nein! Das kam doch Wochen später!", platzt es dann aus ihr heraus.

Chris nimmt Maries Zwischenrufe widerspruchslos hin. Ihre Impulsivität ist schließlich etwas, das er an ihr schätzt. "Du bist so fröhlich und spontan und super-jung geblieben", sagt er: "Du planst nicht und trotzdem funktioniert immer alles." Er selbst sei da ganz anders, "mehr so ein Ruhiger, ein Kopfmensch". Marie sagt, dass genau das ihr gefalle. "Du machst mich so friedlich. Bei dir fühle ich mich beschützt." Und diese bedingungslose Liebe erst: "Diese Festigkeit, dass du sagtest: Das ist die Frau, die ich liebe. Dafür tue ich alles und dafür stelle ich mich auch hin gegen andere. Das fand ich sehr mutig und erwachsen - und unfassbar liebevoll."

Tag und Nacht verbrachten Marie und Chris bald zusammen. Sie kochten gemeinsam, redeten, hörten Musik. Chris sprach von einem gemeinsamen Kind. Als "total unkompliziert" empfanden beide die Zweisamkeit - und genossen ihr Geheimnis. "Niemand ahnte, dass wir ein Paar sind, auch bei der Arbeit nicht. Man würde ja auch keinen Weihnachtsmann mit einem Osterhasen zusammenstecken!", sagt Marie und grinst.

Die Probleme begannen, als sie ihr Umfeld in die Beziehung einweihten. "Als ich deine Freunde traf, hatte ich sehr lange viele Zweifel, ob das wirklich Freunde werden können", sagt Chris. "Es ging da um so Sachen, wann das Boot einen neuen Anstrich braucht..." Marie nickt. "Du bist sehr stolz. Ich hatte das Gefühl, dass du meintest, du könntest nicht mithalten." Den eigenen Wert zu erkennen sei schwierig. Das sei ihr bei seinen Freunden genauso gegangen. Bei spontanen Einladungen zu ihnen habe sie gedacht: 'Mensch, ich hab' meine Haare doch nicht gewaschen.' "Ich habe mich unwohl gefühlt, da hat bestimmt der Altersunterschied eine Rolle gespielt. Ich habe Treffen gemieden, denn sie waren für mich eine Überwindung." Bald unternahm Chris keine Versuche mehr, Marie zu seinen Freunden mitzunehmen. Mehr noch: Auch er selbst traf sie immer seltener. Stattdessen bemühte er sich, zu ihren Freunden einen Draht zu finden, was ihm bei einigen gelang.

Auch die Beziehung zu den Eltern war nicht ganz einfach. Weniger zu Chris' Mutter, die nur fünf Jahre älter ist als Marie. "Spannend" habe sie die Beziehung gefunden, meint Chris; Marie beschreibt ihr Verhältnis zu ihr als "freundschaftlich". "Doch dein Vater hatte ein totales Problem mit uns. Das war wie eine Wand." Vielleicht habe es an seiner eigenen Geschichte gelegen, dass er Angst hatte, sein Schicksal wiederhole sich. "Mein Vater ist Afghane. Er wurde enterbt, weil er eine Deutsche geheiratet hat", erklärt Chris. Sein Vater wisse daher, wie es sei, ausgeschlossen zu werden, weil eine Beziehung angeblich nicht passt. Das Grundsatz-Gespräch, das er sich mit seinem Vater vorgenommen hat, ist bis heute nicht zustande gekommen. Marie dagegen hat mit ihrer Mutter, die verwitwet ist, viel geredet. Die Sorgen konnte sie der 73-Jährigen dennoch nicht nehmen. "Meine Mutter war immer beunruhigt. Ich glaube, die Existenzangst hat sie bedrängt. Sie machte sich finanzielle Sorgen um mich."

Marie und Chris beginnen, von ihrer Beziehung in der Vergangenheit zu sprechen. Nicht ohne Grund: Im Oktober haben sich die beiden getrennt, nach mehr als fünf Jahren. Vielleicht kann man den Grund in einem einzigen Satz zusammenfassen, einem Satz, den Marie selbst formuliert: "Chris, du hast Recht: Du hast mein Leben gelebt, nicht mehr deins."

Irgendwann kam das Unwohlsein

Vielleicht lag es daran, dass Marie die Aktivere der beiden ist. Dass sie gern gestaltet und Verantwortung übernimmt und Chris das bis zu einem gewissen Grad auch gefällt. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Marie so viel älter ist und ihr Erfahrungshorizont die Beziehung dominiert hat. Vielleicht lag es auch an den Freunden und der Familie, wo immer wieder einer leise oder auch laut fragte: "Bist du dir wirklich sicher?"

Vielleicht war es von allem ein bisschen. Fest steht: Irgendwann fühlten sich beide in der Beziehung nicht mehr wohl. Chris sagt: "In meiner nächsten Beziehung sehe ich mich mehr in deinem Part, als Macher." Und er gibt zu: "Ich habe wenig Impulse gegeben, das hat dir gefehlt." Über eine gemeinsame Zukunft habe es allenfalls "flüchtige Gedanken" gegeben, richtige Auseinandersetzungen nie. Marie sagt: "Ich wünsche mir eine ähnlich innige Beziehung, aber dass ich im Alltag mehr auf Augenhöhe mit meinem Partner bin." Und: "Ich habe viel Druck aufgebaut. Ich sehe nun, wie viel ich wollte."

Auseinander gehen Marie und Chris in Freundschaft und voller Dankbarkeit. Durch Maries Ermutigung hat Chris es gewagt, sich selbstständig zu machen. "Und ich bin offener und spontaner geworden", sagt er. "Die Beziehung hat mich verändert." Auch Marie hat von Freunden die Rückmeldung bekommen, dass Chris ihr gut getan habe. "Er hat in mir eine Seite geweckt, die verloren gegangen war: das Zarte, Weiche, Sanfte", sagt sie. Liebevoll schaut sie Chris an. Und ergänzt: "Normalerweise kämpfe ich, aber jetzt lasse ich los. Das ist mein Liebesbeweis."

* Namen geändert

"Es war wie ein Verbot für mich, ein totales Tabu"

Marie über ihre Liebe zu einem fast 20 Jahre jüngeren Mann