Interview: Pro Familia

"Jugendliche können Realität vom Film unterscheiden"

| Lesedauer: 7 Minuten

Was tun, wenn die eigenen Kinder Pornos konsumieren? Darüber sprach Antje Hildebrandt mit dem Sexualpädagogen Ringo Stephan (33) von pro familia Berlin. einen Leitfaden für Eltern und Lehrer herausgegeben.

Berliner Morgenpost: Was raten Sie Eltern, die ihren zwölfjährigen Sohn ertappen, wie er im Internet Pornos konsumiert?

Ringo Stephan: Ich rate ihnen, ehrlich zu sein und das Kind in einer günstigen Situation anzusprechen - und zwar nicht vorwurfsvoll, sondern interessiert.

Berliner Morgenpost: Ist es den meisten Jugendlichen nicht peinlich, mit ihren Eltern über Sex zu sprechen?

Ringo Stephan: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen unser Gesprächsangebot total gerne annehmen. Bei Eltern kommt es darauf an, wie das Thema Sexualität generell in der Erziehung behandelt wurde. Wer mit seinen Kindern sehr offen über das Thema gesprochen hat, für den ist es wahrscheinlich kein Problem. Wichtig ist: Man kann das Kind nicht zwingen, darüber zu reden.

Berliner Morgenpost: Pornografie im Internet ist auch für Minderjährige jederzeit verfügbar. Wächst tatsächlich eine "Generation Porno" heran?

Ringo Stephan: Wir denken das nicht. Der Zugang ist natürlich wesentlich einfacher geworden. Früher musste man achtzehn Jahre alt sein, um sich Videos oder Zeitschriften aus dem Erotik-Shop zu leihen. Unsere Erfahrungen zeigen aber, dass der Konsum von Pornografie gar nicht so hoch ist, wie viele denken. Nur jeder zweite Jugendliche schaut sich regelmäßig Pornos an. Angesichts dieser Zahl kann man nicht von einer Generation Porno sprechen.

Berliner Morgenpost: Heute schauen die meisten Jugendliche Pornos, bevor sie selber Sex gehabt haben. Entsteht da nicht ein verzerrtes Bild von Sexualität?

Ringo Stephan: Jugendliche können sehr wohl die Realität vom Film unterscheiden. Deshalb ist es ja so wichtig, mit ihnen über Pornos zu sprechen. Zu fragen: Warum haben die Darsteller solche Körper? Warum stöhnen die so laut?

Berliner Morgenpost: Bilder von allzeit bereiten und omnipotenten Testosteron-Monstern sind nicht geeignet, eigene Unsicherheiten zu verstärken?

Ringo Stephan: Wenn sie unkommentiert blieben, kann das bei den Jüngeren schon passieren. Doch sobald Jugendliche selber Sex haben, merken sie sehr schnell, dass Pornografie reine Fiktion ist. Den Sex, den die Jugendlichen im Porno sehen, möchten sie nicht mit dem eigenen Partner haben.

Berliner Morgenpost: Was macht Sie da so sicher?

Ringo Stephan: Wenn wir mit Jugendlichen über Sex reden, stellen wir fest, dass da ganz traditionelle Werte vorherrschen. Es geht um Zärtlichkeit und Romantik und darum, den Partner fürs Leben zu finden. Pornografie bietet zwar neue Anreize, ist aber kein Maßstab für die eigene Sexualität.

Berliner Morgenpost: Woher kommt das Klischee von einer sexuell verwahrlosten Jugend, die angeblich nicht mehr weiß, was Liebe ist?

Ringo Stephan: Es gibt ja immer Randbereiche. In sozial benachteiligten Familien kann es schon sein, dass sich Pornografie auswirkt. Auf den Großteil der Jugendlichen trifft das aber nicht zu.

Berliner Morgenpost: Ist das tatsächlich eine Frage der Bildung?

Ringo Stephan: Jein. Unsere Studie zeigt zwar: Je niedriger der zu erwartende Bildungsabschluss ist, desto höher ist der Konsum von Pornografie. Die Jugendlichen lernen aber unabhängig von ihrem Bildungshintergrund, mit dem Thema umzugehen. Die Werte und Normen gehen zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten also nicht so weit auseinander, wie das oft suggeriert wird.

Berliner Morgenpost: Sie und Ihre Kollegin Anna Lena Schnaars haben dieses Bild 2009 mit einer Umfrage unter 693 Jugendlichen kritisch hinterfragt. Die überraschendste Erkenntnis?

Ringo Stephan: Das war weniger das Ergebnis der Studie als die Offenheit der Jugendlichen. Die sind sehr wohl bereit, über das Thema Pornografie zu sprechen. Nebenbei hat die Studie selber gezeigt, dass nur fünfzig Prozent der Jugendlichen regelmäßig Pornos konsumieren.

Berliner Morgenpost: Schauen Jungs und Mädchen Pornos aus denselben Motiven?

Ringo Stephan: Nein. Jungs nutzen Pornos eher zur Selbstbefriedigung. Das liegt aber in der Natur der Sache. Die marktübliche Pornografie ist für Männer gemacht. Mädchen spricht sie nicht so an. Die geben eher Neugier oder Spaß als Motive an. Sie gucken Pornos nicht allein, sondern in der Clique. Und sie lachen sich darüber tot.

Berliner Morgenpost: Hierzulande ist der Konsum von Pornos unter 18 Jahren gesetzlich verboten. Machen sich Eltern strafbar, wenn sie ihren Kindern den Zugang zu einschlägigen Seiten nicht sperren?

Ringo Stephan: Eltern haben die Aufsichtspflicht über ihre Kinder. Es gibt zwar eine ganze Reihe von Filterprogrammen, aber hundertprozentigen Schutz bieten die alle nicht. Der Aufsichtspflicht ist schon Genüge getan, wenn die Eltern mit ihren Kindern darüber sprechen.

Berliner Morgenpost: Woher rührt die Unsicherheit der Eltern?

Ringo Stephan: Wir kriegen in Beratungsgesprächen immer wieder mit, dass Eltern ganz oft nicht wissen: Was machen ihre Kinder, nachdem sie Pornos konsumiert haben? Sie haben Angst davor, dass ihre Kinder sehr früh Sex haben und das nachzuspielen versuchen, was sie im Porno sehen. Sie fürchten, dass sie auf Verhütungsmittel verzichten und Rollenbilder aus den Filmen übernehmen. Wenn wir Jugendliche fragen, warum ihre Eltern Vorbehalte gegen Pornos haben, zählen sie überraschenderweise genau diese Punkte auf. Das zeigt uns, dass sie das schon ganz gut reflektieren.

Berliner Morgenpost: Sie erörtern dieses Thema auch regelmäßig mit Schulklassen. Welche Fragen bewegen die Jugendlichen?

Ringo Stephan: Das hängt vom Alter ab. Die jüngeren Jungs sind am Anfang der Pubertät oft verunsichert von den Pornodarstellern. Die haben durchtrainierte Körper, ausgeprägte Geschlechtsorgane und sehr, sehr lange Sex. Wir beantworten diese Fragen, indem wir uns mit der körperlichen Entwicklung beschäftigen und zum Beispiel klären: Wie lang ist der Penis eines erwachsenen Durchschnittsmannes? Es beruhigt Jugendliche, wenn sie mitkriegen, dass das gecastete Schauspieler sind.

Berliner Morgenpost: Ihre Kollegin hat gesagt, die am häufigsten gestellte Frage von Mädchen ist, welche Geräusche sie beim Sex machen sollen.

Ringo Stephan: Das ist ganz natürlich. Weil der Porno erregen soll, wird alles auf die Spitze getrieben - auch die Geräusche. Jugendliche empfinden das teilweise schon als Karikatur von Sex.

Tipps gibt eine neue Broschüre, der Beratungsstelle pro familia. "Jugend + Porno= Erwachsenenpanik?" (2 Euro, zzgl. Versandgebühren, erhältlich beim Landesverband Berlin, Kalckreuthstr. 4, 10777 Berlin oder unter sexualpaedagogik.berlin@profamilia.de