Intersexualität

Das dritte Geschlecht

Ist es ein Junge oder ein Mädchen? Manchmal lässt sich die Frage nicht so einfach beantworten

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Sie wollten sich überraschen lassen. Als der Arzt mit dem Ultraschallgerät über den runden Bauch von Katharina fuhr, schauten sie und Daniel im entscheidenden Moment weg. Sie wollten nicht wissen, ob das Kind, das sie erwarteten, ein Junge oder ein Mädchen ist. "Auf jeden Fall nicht, bevor es auf der Welt war", sagt Katharina heute und lacht ein bisschen. Überrascht wurden sie tatsächlich. Keine Stunde nach der Geburt kam ihre Hebamme zu ihnen und sagte: "Es gibt da eine Komplikation. Wir wissen nicht, ob Ihr Kind weiblich oder männlich ist." Dann sagte sie noch etwas von einer Genitalgeschwulst und ließ die beiden alleine.

Im ersten Moment waren Katharina und Daniel - die in Wirklichkeit anders heißen - so entgeistert, dass sie die Tragweite der Aussage nicht verstanden haben. Genaue Zahlen, wie viele Kinder geboren werden, deren Geschlecht sich nicht eindeutig bestimmen lässt, gibt es nicht. Eine vorsichtige Schätzung wäre eines von tausend Neugeborenen. Es gibt aber auch deutlich höhere oder niedrigere Schätzungen, je nachdem welche Ausprägungen von Intersexualität, einem "Dazwischen" zwischen den Geschlechtern, dazu gezählt werden.

Katharina und Daniel hatten auf jeden Fall noch nie davon gehört. Sie hatten Angst, das Kind sei krank. Sie schrieben ihren Freunden eine SMS mit den üblichen Größen und Gewichtsangaben. Schon eine der ersten Glückwünsche war mit der Frage verbunden: Wie heißt es denn? Einen Jungen wollten sie Karl nennen, ein Mädchen Luisa. Und jetzt?

X statt M oder F

Bislang entschieden andere, ob so ein Kind ein Mädchen oder ein Junge wird. Meist die Mediziner. Und, wie Interessensvertreter intersexueller Menschen kritisierten, heimlich, versteckt, ohne die Eltern mit einzubeziehen oder aufzuklären. Das Kind wird der kulturellen Praxis angepasst, nach der die Welt binär aufgeteilt ist. Ein Mensch ist entweder männlich oder weiblich. Dazwischen gibt es nichts. Doch der Deutsche Ethikrat hat sich vorgenommen, die Situation von Menschen zu verbessern, die sich nicht klar dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen lassen. Im Februar 2012 will der Rat der Bundesregierung dazu Vorschläge präsentieren. Ob man ohne die Zustimmung des Kindes medizinisch eingreifen darf, auch wenn das Leben des Säuglings oder Kleinkindes gar nicht unmittelbar bedroht ist, ob man vielleicht auch einen weiteren Eintrag als Geschlecht zulässt. In Australien geht das bereits. Statt M(ale) oder F(emale) kann in einem Pass auch ein X stehen.

Die Bremer Juraprofessorin Konstanze Plett, die den Ethikrat berät, unterstützt eine Änderung. Man soll wählen können, ob und wie man sein Geschlecht definiert. Es gibt Beispiele von Kindern, die aufwachsen, ohne dass ihre Eltern ihnen eine Geschlechtsidentität zuschreiben. Wie das achtjährige Kind einer Frau, die sich in den Medien Karin Plattner nennt. In Interviews erzählt Plattner, dass ihr Kind sich mal als Mädchen, mal als Junge fühle und dass es gar kein großes Problem mit seiner Verortung habe, wie das Umfeld befürchtet hatte. Plattner entschied sich, ihr Kind nicht operieren zu lassen, als die Ärzte ihr erklärten, wie sie eine künstliche Scheide anlegen würden und dass ihr Kind eventuell keine sexuellen Empfindungen haben werde.

In einem dritten Geschlechtseintrag sehen Kritiker aber auch die Gefahr einer weiteren Diskriminierung. Wie sollen Betroffene Flugtickets buchen, Visa beantragen? Ergänzt man die Zweiteilung männlich/weiblich um die Kategorie "andere", was geschieht dann mit dem Eherecht, was mit der Frauenförderung? Die Piratenpartei, die sich mit einer Unterstützung der Rechte Intersexueller hervorgetan hat, muss sich diesen Fragen stellen. Möglich wäre, den Eltern mehr Zeit für die Entscheidung zu geben, was genau sie beim Standesamt melden wollen. Bislang sieht das Gesetz vor, dass das Kind spätestens nach einer Woche eingetragen werden muss. Mit Namen und Geschlecht. Man kann das natürlich hinauszögern. Aber irgendwann muss man sich entscheiden. Nur wie? Auf Grundlage welcher Empfehlungen?

Studien, die sich mit der Lebensqualität behandelter sowie nicht behandelter Intersexueller beschäftigen, haben bislang nicht genug Teilnehmer gehabt, um allgemeingültige Schlüsse daraus zu ziehen. Die bisherigen Untersuchungen zeigen anhand einzelner Beispiele, dass manche Menschen mit der Geschlechtsangleichung glücklich sind und dass anderen unfassbares Leid zugefügt wurde. Und sie zeigen, dass es Menschen gibt, die aus den verschiedensten Gründen einfach so belassen wurden, wie sie sind, und dass es ihnen gut geht damit.

In dem kleinen Krankenhaus, in dem Katharina ihr Kind zur Welt brachte, war das Personal mit der Situation überfordert. Sie rieten zu Tests, zur Konsultation von Experten, und vor allem drängten sie darauf, die Eltern sollten möglichst früh Abweichungen anpassen. Ein Kind kann nicht selbst entscheiden, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Aber können es die Eltern? Daniel und Katharina schien das falsch. Sie hatten immer Eltern werden wollen, die ihr Kind in seinen Eigenheiten fördern. Und jetzt sollte der erste Schritt ihrer Erziehung sein, einen Säugling einer Norm anzupassen, die ihnen selbst nichts bedeutete? Katharina konsultierte das Internet und sah Zeichnungen von kleinen Nasen, die mal zum Penis ausgebaut, mal zur Klitoris reduziert wurden. Im Internet tauschen sich intersexuell Geborene aus, die eine kleine Odyssee zwischen den Operationssälen hinter sich haben. Hier trifft man auch Claudia Kreuzer, die warnt, die Operationen führten zu einer Störung der Persönlichkeit, zu lebenslangen Traumata der Betroffenen, die Experten selbst wüssten viel zu wenig über die Folgen ihrer Behandlungen, der hormonellen wie der operativen, und könnten so die Eltern auch gar nicht aufklären. Kreuzer spricht von einer "Tabuisierung und Täuschung" seitens der Mediziner. Oder Lucie Veit, die Operationen ohne medizinische Indikation "Menschenversuche" nennt. Beide haben den Ethikrat in seiner Entscheidungsfindung beraten.

Insgesamt hat das Gremium die Meinung von 40 Wissenschaftlern eingeholt, 200 Betroffene befragt sowie über 400 Kommentare per Online-Diskussion gesammelt. Es gibt auch den Bericht einer "Eveline", die erzählt, wie sie als Teenager bei jedem Arztbesuch ihre Genitalien von Medizinern begaffen lassen musste, und von Eltern, die ertragen müssen, wie ihr Kind zur Attraktion gestempelt und von Arzt zu Arzt gereicht wird. Lucie Veith sagt, 58 Prozent aller betroffenen Kinder hätten bevor sie vier Jahre alt seien bereits eine Operation hinter sich.

Was sagen die anderen Kinder?

Das Kind von Katharina und Daniel ist noch kein Jahr alt. Sie haben es Toni genannt, das lässt ihnen Raum. Sie haben ihr Kind als weiblich registriert und versuchen, Geschlechtszuschreibungen zu vermeiden. "Das ist schwieriger, als ich dachte", erzählt Katharina. "Ich kenne Frauen, die sind so stolz, einen Jungen zu haben, dass sie grundsätzlich 'mein Sohn' sagen." Viele Mütter redeten wahnsinnig gerne darüber dass sich ihre Mia wie eine Diva aufführe und wie ihr Luis zu Autos greife, obwohl sie ihm das gar nicht nahelegten. In zwei, drei Jahren wird die Welt des Marketings in Form von rosa Lillifee-Prinzessinen und schwarzen Käpt'n Sharkys auf Toni einprasseln. Selbst wenn sich Toni gesund und glücklich als jemand entwickelt, der eben Junge und Mädchen ist, wie werden die anderen Kinder damit umgehen? Eine Besucherin einer öffentlichen Diskussion der Arbeitsgruppe Intersexualität des Deutschen Ethikrats beantwortet diese Frage mit einer Gegenfrage: "Warum wollen wir die Menschen verändern und nicht die Gesellschaft?"

"Ich kenne Frauen, die sind so stolz, einen Jungen zu haben, dass sie grundsätzlich 'mein Sohn' sagen."

Katharina, Mutter von Toni