Der Berliner Maler Daniel Wiesenfeld

Das Leben auf Leinen

Der Berliner Maler Daniel Wiesenfeld porträtiert Familien und Kinder wirklichkeitsgetreu in Öl. Die Nachfrage ist groß

Foto: Massimo Rodari

Etwas verlegen sitzt sie auf dem Stuhl, den Oberkörper steif, die Hände in den Schoß gelegt. Ihre rechte Hand hält die linke still, sonst würde sie wohl nervös umherflattern in diesem besonderen Moment. Er dagegen scheint die Situation zu genießen. Entspannt umfasst er ihren Rücken, die linke Hand liegt auf ihrem Unterarm. Silke Rumpelhardt lächelt, als sie das Porträt ihrer Eltern betrachtet. "Man sieht darauf ihre Persönlichkeit sehr gut", sagt sie. "Mein Vater ist ein in sich ruhender Mensch, meine Mutter dagegen sehr agil. Sie findet ganz offensichtlich nur schwer eine ruhige Position, er sitzt dagegen da wie ein Grandseigneur." Nun muss die 38-Jährige lachen. Sie erinnert sich an den Moment, als sie ihrem Vater zu dessen 65. Geburtstag den Gutschein überreichte. Den Gutschein darüber, gemeinsam mit seiner Ehefrau gemalt zu werden. Lebensgroß. Von einem echten Künstler. In Öl. In diesem Moment sei ihr Vater, anders als üblich, gar nicht gefasst gewesen. Eher verunsichert. "Obwohl - verunsichert: Das trifft es nicht ganz. Vielmehr: überrascht. So ein Porträt: Das überhöht einen Menschen ja irgendwie."

Die Liebsten auf Leinwand: Was vor Jahrhunderten die einzige Möglichkeit war, ein Stück bleibende Erinnerung an die Familie zu schaffen, ist in Zeiten digitaler Bilderfluten zu etwas Besonderem geworden. Wer heute einen Moment festhalten und teilen will, simst ein Handybild, postet eine Videobotschaft oder mailt ein digitales Fotoalbum. Doch gerade das hat den Wert und die Wertschätzung des gemalten Bildes gesteigert. Es ist etwas Außergewöhnliches, porträtiert zu werden - auch, weil durch den Prozess des Malens etwas Einzigartiges entsteht. "Das Licht, die Farben, die Seele im Blick ...", schwärmt Silke Rumpelhardt. "Das alles hätte man in einem Foto meiner Eltern gar nicht so festhalten können. Malerei hat etwas Bezauberndes."

Daniel Wiesenfeld räuspert sich. Es ist kühl in seinem Atelier in der Tempelhofer Ullsteinstraße, dennoch trägt er nur einen dünnen schwarzen Overall über Hemd und Hose. Er nimmt mit dem Pinsel ein wenig Farbe von der Palette, vergewissert sich noch einmal mit einem Blick auf das Foto in seiner Hand, was zu tun ist. Dann setzt er die Borsten auf der Leinwand an, korrigiert mit feinem Strich eine Falte des Pullovers der kleinen Franzi. Es ist die Tochter eines Freundes, die der Maler gerade in Arbeit hat. Der 42-jährige gebürtige Amerikaner hat sich auf Kinder- und Familienporträts spezialisiert. Von ihm stammt auch das Porträt der Eggers.

"Es geht mir darum, mit meinen Porträts eine Geschichte zu erzählen", sagt Daniel Wiesenfeld. Nicht das Repräsentative sollten sie darstellen, sondern das Subtile. So wie beim Ehepaar Eggers: "Ich habe in den beiden viel gesehen. Ich wollte zeigen, wie sie sich einander zuwenden, sich selbst als Paar genügen." Ein gutes Porträt sei immer wieder überraschend, man werde von ihm angezogen wie von einem Magneten, findet Wiesenfeld. Um dies zu erreichen, müsse man Präsenz in das Bild bringen. Präsenz und Lebendigkeit.

Alles steht in Beziehung

"Am besten ist es, wenn eine Art Atmen oder Zittern ins Bild kommt", sagt der Künstler, der von den Alten Meistern fasziniert ist und bereits mit 15 Jahren wusste, dass er Maler werden möchte - genauso wie sein mittlerweile verstorbener Vater und seine Schwester. "Das Malen, das war bei uns in der Familie wie essen, schlafen oder trinken", sagt Daniel Wiesenfeld. "Es gehörte einfach dazu, weil mein Vater zuhause malte."

Bis Daniel Wiesenfeld mit einem Bild zufrieden ist, kann es dauern - bis zu vier Wochen. Mindestens 20 Schichten legt er auf die Leinwand auf, bis er die Farb- und Lichtverläufe stimmig findet. Dabei geht er mehr und mehr ins Detail. "Das ist, wie wenn man durch Türen geht. Aber weil alles in Beziehung steht, mache ich auch ständig etwas kaputt." Gerade an Porträts sei er schon oft verzweifelt. Davon bekämen die Kunden aber nichts mit: "Diese Arbeiten gebe ich nicht ab." Zudem sind die Auftraggeber nur selten beim Malprozess dabei. Selbst die Modelle nicht - vor allem nicht die Kleinsten.

"Früher habe ich alle Personen vom Leben gemalt, auch die Kinder", erzählt der Künstler. "Doch das wurde zur Tortur. Vielleicht eine Stunde saßen sie still, dann konnte man froh sein, wenn sie überhaupt im Zimmer blieben." Wiesenfeld schmunzelt. Um die Kinder bei der Stange zu halten, habe er sich Geschichten ausgedacht, sei ihnen hinterher gewandert - bis er auf das Fotografieren gekommen sei. Heute besucht der Maler die Familien mit seiner Kamera. Später malt er die Porträts in Ruhe in seinem Atelier - nach einem Foto. Dabei hat er es sich zur Gewohnheit gemacht, den ausgesuchten Abzug vor den Eltern geheim zu halten. "Manch ein Foto sieht banal aus, birgt aber großes Potenzial", findet er. "Das ist manchmal schwer zu vermitteln."

Auch Familie Schwertner aus Schlachtensee wurde vom Ergebnis der Fotosession mit ihren Söhnen überrascht. Drei Jahre ist es her, dass sie Porträts von Tonio und Jo-David bei Daniel Wiesenfeld in Auftrag gaben. 14 und zehn Jahre waren die Jungs damals alt. "Sie waren gerade am Übergang vom Kind zum Jugendlichen, diesen Moment wollte ich festhalten", sagt Eva Schwertner. Ein Ölgemälde, meint sie, ist dafür ideal: "Es bleibt frisch, während sich ein Foto verlebt." Jo-David, heute 13, gefällt sein Porträt bis heute. Er findet sich gut getroffen. "Ich sehe fröhlich darauf aus, und das bin ich auch." Spannend habe er es gefunden, gemalt zu werden - und stolz sei auch ein wenig gewesen. "Die Wertschätzung für ein Gemälde ist einfach eine andere als für ein Foto", erläutert sein großer Bruder. Der 17-jährige Tonio findet sein Porträt ebenfalls gelungen - "obwohl ich das, was ich darauf anhatte, heute ganz bestimmt nicht mehr anziehen würde". Zwar beschäftigt er sich kaum mit den Bildern. "Die hängen da halt", sagt er und nickt kurz mit dem Kopf Richtung Wand. "Aber wenn ich ausziehe, ist es bestimmt schön, dass da noch was da bleibt von uns für die Eltern."

Ein ähnlicher Gedanke ist es wohl, der Silke Rumpelhardt bewegt. Die Reproduktion des Porträts ihrer Eltern hängt im Speisezimmer der Familienvilla in Dahlem - dort, wo auch zwei weitere Ölgemälde die Wände schmücken: Mutter und Vater ihres Ehemannes. "Wir nutzen das Speisezimmer, wenn wir Gäste haben", sagt Silke Rumpelhardt. "Und dann ist es einfach schön, wenn unsere Eltern dabei sind."

Ganz in Gedanken vertieft blickt Silke Rumpelhardt auf die Bilder. Dann schüttelt sie ihren Kopf, kurz, als wolle sie sich wecken. Sie geht auf die Küchentür zu, öffnet diese und zeigt auf eine ganze Galerie an Schwarz-Weiß-Fotografien über dem Fliesenspiegel. Es sind die Frauen aus ihrer Familie und aus der ihres Mannes, jede von ihnen abgelichtet in jugendlichem Alter. "Es war gar nicht so einfach, die alten, teilweise verblichenen Bilder so herrichten zu lassen. Aber es hat sich gelohnt. Die Frauen aus meiner Familie: Sie tun mir gut, sie stärken mich", sagt Silke Rumpelhardt, und ihre Augen leuchten. Unvermittelt denkt man an Daniel Wiesenfeld und seinen Wunsch nach Präsenz und Lebendigkeit. Diese kunstvoll aufbereiteten Porträts besitzen beides nicht nur unmittelbar - sie geben diese Wirkung offenbar auch an ihre Besitzerin weiter.

Kindliche Unreflektiertheit einfangen

Die Mutter einer zweijährigen Tochter, die in Kürze ein weiteres Mädchen erwartet, spielt mit dem Gedanken, die beiden auch einmal porträtieren zu lassen. "Dieses ganz Unreflektierte einzufangen, das Kindern eigen ist: Das wäre wunderbar."

Daniel Wiesenfeld hätte nichts dagegen, einen solchen Auftrag anzunehmen. "Ich liebe es, Kinder zu malen. Sie sind für mich eine Metapher für Unschuld und Tagträumerei", sagt er. Zudem könne er sich durch die Porträt-Auftragsarbeiten leisten, auch eigene, frei gestaltete Bilder zu malen, die sich nicht verkaufen lassen, erklärt er. An die 100 Gemälde hat der Künstler mittlerweile verkauft, rund 1500 Euro kostet eines seiner Porträts in Öl.

Dass er figurativ und narrativ malt, kommt Wiesenfeld heute zugute. "Auf der Akademie musste ich mich dafür rechtfertigen, denn das galt als reaktionär", erinnert er sich. "Jetzt sind die Menschen glücklich, wenn sie sich in meinen Bildern wieder erkennen." Die meisten seien vom Ergebnis sogar positiv überrascht, sagt er und lächelt. "Na ja, ich bin ja auch sehr streng mit mir."

Und genau deshalb hat sich Daniel Wiesenfeld an zwei Modelle auch noch nicht gewagt: seine eigenen Kinder Ben (6) und Yael (2). "Ach", sagt er. "Schon oft habe ich bei ihrem Anblick gedacht: Was für ein Moment. Den muss ich festhalten. Aber dann... dann warte ich doch immer ab. Bis ich vielleicht eines Tages noch besser male."

Daniel Wiesenfeld findet man über die "Berliner Sippschaften". Die Agentur stellt auch den Kontakt zu weiteren Künstlern her, die in anderen Stilen und mit anderen Materialien porträtieren. www.berliner-sippschaften.de , Tel. 69 58 23 70.