Interview

"Im Porträt spiegeln sich menschliche Erfahrungen"

Porträtmalerei hat eine ungeheure Anziehungskraft. Die Resonanz auf die Ausstellung "Gesichter der Renaissance" im Berliner Bode-Museum hat es gerade wieder gezeigt: Eine Viertelmillion Besucher wollte die Bildnisse sehen.

Warum menschliche Porträts so faszinierend sind und wie diese Kunstform entstanden ist, erklärt Dr. Matthias Bruhn, Kunsthistoriker am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität Berlin, im Gespräch mit Beatrix Fricke.

Berliner Morgenpost: Wieso fasziniert Porträtmalerei die Menschen?

Dr. Matthias Bruhn: Gesichter sind Ausdrucks- und Identifikationsflächen, in ihnen spiegeln sich Gedanken und Emotionen. Instinktiv beginnen Menschen, in ihnen zu lesen und mit ihnen zu kommunizieren. Bildnisse übernehmen diese identifikatorische Kraft und gestalten sie meist noch weiter aus, verdichten menschliche Erfahrungen, Erinnerungen und Handlungen zu einem ästhetischen Erlebnis.

Berliner Morgenpost: Wie ist die Porträtmalerei entstanden?

Dr. Matthias Bruhn: In der Geschichte lassen sich Anfänge selten benennen. In jedem Fall haben schon die frühesten Kulturen Figuren von Menschen dargestellt, und auf Stelen oder Zahlungsmitteln finden sich Bildnisse als Siegelform ja schon seit der Antike selbstverständlich. Malereien haben in geringerer Zahl überdauert, sind aber ebenfalls seit den frühen Hochkulturen verbreitet, siehe das Beispiel Ägyptens.

Berliner Morgenpost: Und was ist mit den Gemälden, wie wir sie aus dem Museum kennen? Wer ließ sich porträtieren und aus welchem Grund?

Dr. Matthias Bruhn: Die Produktion von Kunst war und ist immer eine Geldfrage. Daher waren die Auftraggeber von Gemälden stets vermögendere Personen, also Fürsten oder reiche Bürger. Sie hatten dabei das Ziel, sich selbst und die Ansprüche ihrer Familie oder ihres Hauses in Erinnerung zu halten. Mit dem Wachstum des Wohlstands vermehrte sich diese Kunstform. So waren im reichen Holland des 17. Jahrhunderts Bildnisse von Stadtbürgern in Tausenden von Haushalten zu finden.

Berliner Morgenpost: Welche Bedeutung hatte die Porträtmalerei früher, welche heute?

Dr. Matthias Bruhn: Sie hat stets der Erinnerung und Selbstdarstellung gedient, aber die Mittel und auch das Publikum haben sich verändert. Schon vor Jahrhunderten sind Bürger jedenfalls auch in Ateliers gegangen, um sich nicht nur porträtieren zu lassen, sondern um von der Hand eines bestimmten Künstlers gezeichnet zu werden. Tatsächlich kennen wir heute die meisten Dargestellten nicht mehr, wissen aber, dass sie von Rembrandt oder Van Dyck gemalt worden sind.

Berliner Morgenpost: Was zeichnet ein gutes Porträt denn aus?

Dr. Matthias Bruhn: "Ähnlichkeit" wird von Künstlern als die einfachste Übung angesehen, die Darstellung des Ausdrucks oder Innenlebens ist weit anspruchsvoller. Veritable Strategen erfordert es, mit einem Bildnis auch Ideen, politische Programme oder Ansprüche sichtbar zu machen. Bildnisse sind auch zu allen Zeiten umgeformt oder sogar zerstört worden, gerade weil sie mehr als nur das Gesicht zeigen. Selbst eine Totenmaske, vom Körper direkt abgeformt, ist ein Eingriff, ein Kunstwerk, und so auch jedes Foto.

Berliner Morgenpost: Heute wird ja kaum mehr gemalt, sondern eher fotografiert. Können Fotos gemalte Porträts ersetzen? Oder würden Sie sich eine Renaissance von diesen wünschen?

Dr. Matthias Bruhn: Zu jeder Zeit gab es verschiedene Medien, und jedes Verfahren hat einem anderen gegenüber Vorteile. Die Fotografie war eine Erfindung von Malern, und sie wurde von der Malerei auf allen Ebenen überformt. Wer heute zum Pinsel greift, tut dies im vollen Bewusstsein, dass es Fotografie gibt - aber auch, dass diese sich im Laufe von 150 Jahren stark verändert hat. Dass sich Staatsoberhäupter heute noch malen lassen, wird oft als Nostalgie angesehen, doch sollte die Transformationskraft von Malerei nicht unterschätzt werden. Alle Künste haben also ihre Eigenart, und auch weil diese durch ihre Alterung deutlicher hervortreten, sehen wir sie - oder uns selbst darin - gerne wieder.