Interview

"Irgendwann fährt jedes Kind mit, manches früher, manches später"

Wie Eltern und Kinder sich auf eine bevorstehende Kita- oder Klassenreise vorbereiten können - darüber sprach Britta Klar mit der Berliner Psychologin Sabine Deitschun.

Berliner Morgenpost: Die erste Trennung vom Kind - das ist etwas Besonderes. Sowohl für die Eltern, als auch für den Nachwuchs. Kann man so eine Trennung vorher proben?

Sabine Deitschun: Kinder zwischen drei und fünf Jahren sind sehr unterschiedlich entwickelt und leben in sehr unterschiedlichen familiären Umgebungen. Während einige Eltern früh unterstützen, dass die Kinder auch mal von einem Babysitter ins Bett gebracht werden oder mal woanders schlafen, meinen andere Eltern, die Kinder sollten möglichst lange möglichst ausschließlich in der sicheren Atmosphäre bei Ihnen bleiben. Danach richtet es sich, welche Vorerfahrungen die Kinder mit zeitweiser Trennung von den Eltern haben. Extra üben für diesen Anlass braucht man nicht. Wenn man es befürwortet, dass die Kinder auch mal einige Zeit ohne Eltern sind, hat man dies schon langsam eingeführt. Außerdem reagiert jedes Kind anders auf Trennung, so dass einige mit den Kitareisen und der damit einhergehenden Trennung keine größeren Schwierigkeiten haben, für andere es aber gar nicht in Frage kommt. "Probieren" ist eigentlich immer besser, als vermeiden.

Berliner Morgenpost: Wenn das Kind aber sagt, dass es gar nicht mitfahren möchte?

Sabine Deitschun: Wenn das Kind sagt, es möchte nicht mit, sollten die Eltern in Ruhe herausfinden, warum dem so ist. Es ist sicher gut, das Kind zu etwas Neuem zu ermutigen, aber "zwingen" und Ängste übergehen ist nicht erforderlich. Je nach Angst kann man sie entkräften: Manchmal sind die Kinder schon beruhigt, wenn der beste Freund mit kommt und klar ist, dass sie im Notfall abgeholt werden könnten.

Berliner Morgenpost: Gibt es Tipps gegen die Ängste der Eltern? Diese Mutter sprach ja von einer Angst, dass jemand "von außen" kommen könnte.

Sabine Deitschun: In Gesprächen mit anderen befreundeten Eltern kann man herausfinden, ob die eigenen Ängste übertrieben sind. Mit anderen zusammen kann man zum einen die eigene "Norm" überprüfen und die Wahrscheinlichkeit der Ereignisse besprechen. Das "von außen" jemand Kinder entführt, ist sehr, sehr selten. Die Erzieher werden, wenn die Mutter es thematisiert, sicherlich die örtlichen Gegebenheiten beschreiben. Wichtig ist, sich die eigenen Ängste einzugestehen. Denn sie übertragen sich meist direkt auf das Kind. Wenn ein Elternteil ängstlich ist und eigentlich lieber das Kind zu Hause behalten möchte, merkt das Kind dies vielleicht schon am ängstlichen Blick bei dem Thema und wird dann oft selbst auch ängstlich.

Berliner Morgenpost: Gibt es Unterschiede beim Loslassen des Kindes zwischen Müttern und Vätern?

Sabine Deitschun: Ich vermute, dass Vätern mehr unterstellt wird, sie seien mutiger und könnten besser loslassen. Ich würde sagen, dass es eher auf die Persönlichkeit und darauf, wie die Eltern selbst aufgewachsen und erzogen worden sind, ankommt, als auf das Geschlecht.

Berliner Morgenpost: Wie lässt sich Heimweh beim Kind eindämmen oder gar vermeiden?

Sabine Deitschun: Zum Beispiel mit der Haltung: ein bisschen Heimweh ist normal und kommt nur am Anfang oder am ersten Abend kurz, danach wird's besser und lustiger und spannender auf der Kitareise. Immer beruhigend sind die gewohnten Kuscheltiere als Begleitung und vielleicht ein kleiner, symbolischer Gegenstand: ein kleines Stofftierchen oder Tuch, oder ein Heimwehvergeh-Stein oder den Schlüsselanhänger der Mutter ... Da können alle kreativ werden. Warum nicht mal eine Heimwehvergeh-Socke? Die wird sicher helfen, wenn das Heimweh kommen sollte.

Berliner Morgenpost: Auch in der Schulzeit stehen immer wieder Trennungen an. Was sind die Unterschiede zwischen Kita-Reisen und Klassenfahrten?

Sabine Deitschun: Bei Klassenfahrten sind die Kinder ja schon etwas älter und das bedeutet, dass die Gleichaltrigen wichtiger geworden sind. Bei Kita-Reisen sind die Kinder noch viel stärker erwachsenenorientiert. Bei der Klassenfahrt zieht die Gemeinschaft mit den Mitschülern meist mehr - das kann allerdings auch mehr Angst machen, nämlich dann, wenn sich ein Kind in der Klasse nicht wohl fühlt. Insgesamt ist es günstig, wenn alle bei diesem Thema gelassen bleiben. Irgendwann fährt (fast) jedes Kind mit, manches früher, manches später. Und die Eltern liegen immer richtig, wenn sie die Kinder ermutigen und probieren lassen.