Das erste große Abenteuer

Wenn einer eine (Kita-)Reise tut

Für Kinder ist es das erste richtig große Abenteuer, für die Eltern eine Übung im Loslassen. Eine Mutter erzählt von ihren Ängsten - und warum ihre Tochter trotzdem mitfahren darf

Foto: Reto Klar

Zum Glück ist noch Zeit, bis es losgeht. Und die brauche sie auch, sagt Nancy Thiel. "Das ist ein Lernprozess für mich", sagt die 36-jährige Mutter aus Kreuzberg. "Es ist ein bisschen so, als würde man mich ins kalte Wasser schmeißen. Aber da müssen wir durch - wir alle." Sie schüttelt den Kopf und muss lachen. Das höre sich alles so dramatisch an, so, als stünde etwas Großes bevor. Aber ein wenig ist es ja auch so: Ihre Tochter Larissa (5) fährt zum ersten Mal mit der Kita weg. Drei Tage. Es ist die erste längere Trennung von Mutter und Tochter.

"Klar hat sie auch schon mal woanders übernachtet", sagt die gelernte Immobilienkauffrau. "Aber das war dann immer innerhalb der Familie und nur für eine Nacht. Das ist etwas anderes." Wenn die elfjährige Cousine bei Larissa ist, dann fühlt sich das aufregend an. So, als habe sie eine größere Schwester. Die funktioniert auch mal kurz als Mama-Ersatz. "Aber ihre Cousine kann sie ja schlecht mitnehmen", sagt die Mutter. Die Reise ist für den kommenden April geplant. "Das darf man ja kaum laut sagen", presst Nancy Thiel zwischen den Zähnen hervor. Es geht nicht ans andere Ende der Welt, sondern bloß ins Berliner Umland. Aber sie gibt "ihr Baby" das erste Mal aus ihrem "Wirkungskreis". So fühle es sich zumindest an. "Ich kann nicht sofort da sein, wenn es ihr nicht gut geht, wenn sie geärgert wird", sagt sie.

Leo muss mit

In der Kita wird die bevorstehende Reise immer mal wieder thematisiert. "Larissa weiß schon jetzt ganz genau, was sie alles mitnimmt", sagt Nancy Thiel. Leo, das Lieblingskuscheltier. Hosen, Pullis, Socken. Und dann noch ein bisschen "Prinzessinnenkram". Für Larissa sei das aber eher wie das Spiel "Ich packe meinen Koffer ...". Nichts Reales. Noch nicht. 15 Kinder sind in ihrer Kita-Gruppe. Die Kleinen sind zwischen drei und fünf Jahre alt. Auf einem Elternabend wurde das Thema erstmals besprochen. Eine Liste wurde herumgereicht. Wer sich eintrug, verpflichtete sich und musste kurz danach auch die Anzahlung leisten. Eine Mutter sagte einen Satz, den Nancy Thiel sich einprägte und den sie sofort unterschreiben würde: "Ich habe schon für dämlichere Sachen Geld in den Sand gesetzt." Rund 110 Euro kostet die Reise pro Kind. Nur eine Mutter sagte für ihre Tochter gleich ab.

Dass die Kinder abgeholt werden könnten, wenn es gerade am Abend gar nicht ginge, weil das Heimweh nach Mama und Papa zu groß ist, wurde gleich klar gestellt. Nancy Thiel ist sich sicher, dass sie und ihr Mann Ralf die Kleine holen müssen. Und das habe gar nichts mit mangelndem Vertrauen in ihre Tochter zu tun. "Sie wird weinen, wenn es darum geht, ins Bett zu gehen. Da bin ich sicher. Und ich glaube nicht, dass sie dann jemand beruhigen kann. Da ist sie so sturköpfig!", sagt die Mutter. Und diese Vorstellung, dass ihre kleine Tochter sich abends nach ihr sehnt, dass sie weint, sich allein fühlt, macht Nancy Thiel zu schaffen.

"Meistens ist diese Sorge völlig unbegründet", weiß Christa Watzke (63) aus ihrer langjährigen Erfahrung als Kitaleiterin. "Die Eltern müssen uns Erzieherinnen in dieser Situation einfach vertrauen. Sie müssen daran glauben, dass die Kinder bei uns in guten Händen sind." Wird in ihrer Kita das Thema Reise zum ersten Mal angesprochen, machen unter den Eltern Listen die Runde, auf denen Gewohnheiten der Kinder akribisch notiert werden. "Der eine braucht zu Hause um 23 Uhr noch eine Flasche mit Tee, ein anderer muss zum Einschlafen Händchen halten", sagt Christa Watzke, "aber erfahrungsgemäß brauchen die Kinder das auf der Reise mit uns fast nie."

Aber es ist nicht nur das, was Nancy Thiel schlaflose Nächte bereitet. "Am allermeisten Angst habe ich davor, dass etwas von außen kommt, was eine Gefahr darstellt", sagt Nancy Thiel. Genauer, das sieht man der besorgten Mutter an, mag sie es gar nicht ausdrücken. Zu schlimm wäre die Vorstellung, dass Larissa etwas geschehen könnte. Man würde eben so viel lesen und hören, sagt sie. Und das klingt fast ein wenig entschuldigend. Doch die Sorge bleibt. "Das ist ein großes Freizeitareal, auf dem die Kinder da sind. Da sind sie nicht allein und es gibt viele Faktoren, die nicht beeinflussbar sind."

Moment des Abschieds

Das ist der Moment, an dem sich Larissas Papa zu Wort meldet. Bisher hatte er sich zurückgehalten, es wirkte so, als sei die Kita-Reise "Mamas Ding". Doch nun sagt er mit fester Stimme: "Ich finde es wichtig, dass Larissa da mitfährt. Wichtig für ihre sozialen Bindungen an die anderen Kinder und ihre Erzieherinnen." Und es sei wichtig, mal von den Eltern weg zu sein. "Es ist doch auch eine Art Wertsteigerung für zuhause: Sie freut sich auf uns!" Er meint es aufrichtig, das merkt man. Er hat sich Gedanken gemacht. Es sind keine Floskeln, nur, um seiner Frau das Thema leichter zu machen. "Natürlich, das weiß ich ja auch", sagt Nancy Thiel. "Irgendwie freue ich mich ja auch auf diese Erfahrung - ich freue mich für sie und auch für mich. Aber wenn ich an den Moment des Abschieds denke - oje. Da wird meine ganze Konzentration darauf liegen, nicht zu weinen."

Christa Watzke kennt auch diese Situation ganz genau. Diesen Moment, wenn Mütter ihre Kinder zum ersten Mal loslassen müssen. Die Leiterin der Kita "Im Grünen" in Johannisthal fährt seit zwölf Jahren jedes Jahr für eine Woche mit ihren Kita-Kindern nach Brandenburg. "Das sind immer so 170 Kinder zwischen drei und sechs Jahren", sagt Christa Watzke. Jedes Jahr im Juni fahren vor der Kita "Im Grünen" zwei Doppeldeckerbusse vor, die aufgeregten Kinder steigen ein, Eltern bleiben winkend zurück. "Sie sind es, die Probleme haben loszulassen", sagt Christa Watzke, "die Kinder kommen prima klar. Tränen gibt es bei uns nicht. Die Kinder haben Vertrauen zu den Erzieherinnen und kennen sich untereinander." Höchstens fünf Kinder seien in den vergangenen zwölf Jahren abgeholt worden, so erzählt sie, "allerdings nicht, weil sie Heimweh bekommen haben, sondern weil sie krank geworden sind".

Schon Wochen vorher ist die Kita-Reise das große Thema. "Die Kinder planen, was sie mitnehmen", sagt Christa Watzke, "sie erinnern sich gegenseitig an die Taschenlampe und das Kuscheltier. Die ganze Gruppe wächst zusammen." Auch deshalb versucht Christa Watzke, zweifelnden Eltern Mut zu machen. "Für die Kinder ist es so toll", sagt die Kitaleiterin, "sie wachsen an so einer Reise."

Nancy Thiel weiß das - theoretisch. Und deshalb versucht sie, ihre Bedenken fortzuwischen. Lächelnd sagt sie: "Wenn es klappen würde, das wäre schon schön. Ein schönes Geschenk. Denn Larissa käme an meinem Geburtstag von der Reise zurück."