Kinder

Vom Glück und Leid der späten Väter

Viele Männer über 60 entscheiden sich bewusst für ein Kind - in einem Alter, in dem andere Großvater werden. Experten sprechen von einer Verschiebung des "Alters-Limes".

Als die Frau zum Mann sagte: "Du, ich will Kinder", hatte er ein Problem. Nicht dass er grundsätzlich etwas gegen Kinder gehabt hätte. Er hatte ja schon eins. Allerdings war dieser Sohn schon nach vier Jahren wieder aus seinem Leben verschwunden, damals, als er sich von der Mutter trennte und sie den Jungen mit nach Frankreich nahm. Da war die Angst, noch einmal ein Kind zu verlieren. Und dann war da auch noch sein Alter: 54 Jahre. Er würde ein später Vater sein. Nächtelang, so erzählt es Sky du Mont, habe er auf dem Sofa gelegen und gegrübelt, ob es richtig sei, im Alter noch einmal von vorn anzufangen. Ob es den Kindern und auch seiner 29 Jahre jüngeren Frau Mirja zuzumuten sei. Andererseits: Konnte er ihr den Kinderwunsch verwehren? Fast ein Jahr lang brauchte er, um sich zu entscheiden. Heute ist der Schauspieler 64, Vater einer zehn Jahre alten Tochter und eines fünf Jahre alten Sohnes. Seit sie auf der Welt sind, hat er nie bezweifelt, dass es die richtige Entscheidung war.

Vorurteile und Häme

Als Sky du Mont in dieser Woche las, dass auch der frühere "Tagesschau"-Sprecher Ulrich Wickert mit fast 70 noch einmal Vater wird - er hat eine erwachsene Tochter aus erster Ehe - da dachte er: "Bei mir hätten sie nicht so nett darüber berichtet." Denn die Erfahrungen, die der Schauspieler machte, als er mit seiner Frau zusammenkam, entsprechen dem, was die meisten prominenten Männer mit deutlich jüngeren Frauen an ihrer Seite an Vorurteilen und Häme erleben: "Der alte Knacker will sich doch nur selbst verjüngen" war noch einer der netteren Kommentare. Von unverantwortlichem Egoismus und Potenzprotzerei war auch jüngst wieder in Internetforen und Leserbriefen zu lesen, als bekannt wurde, dass Fritz Wepper mit 70 noch einmal Vater wird. Und dass sich junge Frauen ohnehin nur deshalb mit alten Männern einließen, weil diese prominent, mächtig oder reich seien. Beispiele gibt es schließlich genug: Von Niki Lauda, der vor zwei Jahren mit 60 noch mal Vater von Zwillingen wurde, über Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy (56), dessen Tochter im Oktober zur Welt kam, bis zu Medienmilliardär Rupert Murdoch, der 80 ist und dessen jüngste Töchter zehn und acht Jahre alt sind.

Verantwortungslos, den Vorwurf mag sich Sky du Mont am allerwenigsten gefallen lassen. "Ich bin sicherlich mehr für meine Kinder da als die meisten jungen Väter." So war für ihn schon ab der Geburt klar, dass er sich mit seiner Frau abwechseln würde, wenn die Kinder nachts weinten. Er dreht keine Filme mehr in den Ferien der Kinder, Schulaufgaben, Sport- und Musikschulkurse - über all das weiß er genauso Bescheid wie seine Frau, weil auch er es ist, der die Kinder dort hinfährt und die Nachmittage mit ihnen verbringt. "Als ich jung war, hätte ich mir das gar nicht erlauben können." Das sei einer der Vorteile der späten Vaterschaft: Karriere müsse er nicht mehr machen. Bislang hat Sky du Mont auch nicht bemerkt, dass sein Alter seine Kinder stört. Trotzdem ist er sich bewusst, dass der Altersunterschied zu seiner Frau immer ein Thema sein wird - vor allem für die anderen. Als er kürzlich bei der Bambi-Verleihung eine Rede hielt, twitterte Boris Becker: "Wie viel Jahre Unterschied zu seiner Frau? 40 oder mehr?" Verletzend sei das gewesen.

Auch wenn die Öffentlichkeit es anders wahrnimmt, späte Väter sind längst Ausdruck eines demografischen und gesellschaftlichen Wandels und kein Prominenten-Phänomen mehr: Die Menschen trennen sich häufiger, führen mehr als eine Beziehung, bleiben länger fit und haben oft auch erst später den Wunsch nach Kindern. Fünf Prozent aller Neugeborenen in Deutschland haben bereits einen Vater, der älter als 50 Jahre ist - das sind rund 35 000 alte Väter pro Jahr. In den USA hat sogar schon jedes zehnte Neugeborene einen 50plus-Vater.

Einer Emnid-Umfrage zufolge erleben 56- bis 65-Jährige sich selbst eher wie 51. Soziologen wie Dieter Otten sprechen von einer "Verschiebung des ,Alters-Limes'" - also der Grenze zwischen Altsein und Nichtaltsein, die traditionell bei 60 lag und nun um 15 Jahre nach hinten gerückt sei, in Zukunft vielleicht sogar um 20 Jahre. Auslöser seien die Rebellen der 68er-Studentenrevolution. So wie damals lehnten diese heute den Lebensentwurf der "Alten Leutchen" ab und definierten, nun da sie selbst betroffen sein, das Altsein einfach um.

Doch gleichzeitig geben 85 Prozent der Männer bei der Frage nach dem optimalen Alter für eine Vaterschaft 25 bis 35 Jahre an. Das entspricht medizinisch gesehen der optimalen Zeugungsfähigkeit. Die Qualität der Spermien bei Männern sinkt ab Mitte 30. Noch gibt es wenig aussagekräftige Untersuchungen, einzelne Studien weisen bei älteren Vätern ein erhöhtes Risiko für Gendefekte ihrer Kinder nach, die zu einer Form der Kleinwüchsigkeit, Missbildungen, Autismus oder gar Schizophrenie führen könnten. Doch diese Erhöhungen lägen bei maximal einem Prozent, sagen Experten wie Sabine Kliesch, Andrologin (Männerheilkundlerin) an der Universität Münster. Viel zu niedrig also, als dass sie älteren Männern von einer Vaterschaft abraten würde.

Eine andere Frage ist die nach der eigenen Fitness und Endlichkeit. Tobt ein Vater jenseits der 60 noch mit seinem Kind? Und wie lange wird er überhaupt Vater sein bei einem durchschnittlichen Lebensalter von 74,8 Jahren? Der Sänger Peter Maffay sagte kürzlich in einem Interview, er habe "kein Problem damit, 62 zu sein", aber eins, wenn man ihn dauernd darauf anspreche. Und dass es ihm leid tue, mit seinem erst achtjährigen Sohn nur noch "relativ wenig Zeit" verbringen zu können.

Als Uly Foersters Tochter Cäcilia zwei Monate alt war, da hat er bei den Todesanzeigen seiner Lokalzeitung nachgezählt, wie viele 80-Jährige und noch Ältere gestorben sind: Fünf waren es an diesem Tag. Aber auch fünf 60-Jährige, also aus seinem Jahrgang (1948) oder darunter. Eine gute Ausbeute, wie der Journalist und freie Autor fand. Gaben die einen ihm doch die Hoffnung, er könne steinalt werden. Und die anderen den Trost, dass es ihn längst schon hätte erwischen können - aber eben noch nicht erwischt hat.

Humor ist für Foerster die beste Methode, mit der eigenen späten Vaterschaft und den Vorbehalten seines Umfelds umzugehen. Sein Buch ("Späte Väter. Vom Glück der späten Vaterschaft", Fackelträger Verlag) liest sich entsprechend unterhaltsam. Dabei geht es darin um viele ernste Fragen: die nach der eigenen Endlichkeit und Verantwortung etwa. Bevor seine 18 Jahre jüngere Frau mit Ende 30 ein Kind wollte, hatte Foerster sich mit beidem wenig beschäftigt. Weswegen er auch den Vorwurf, alte Männer würden mit jungen Frauen ihr Altwerden verdrängen, für absurd hält. "Auch meine Frau hat sich mit der Möglichkeit, früher als andere allein für unsere Tochter verantwortlich zu sein, intensiv beschäftigt", sagt Foerster. Und beide wissen auch, dass seine Tochter vermutlich früher als andere Krankheit und Tod eines geliebten Menschen erfahren wird: "Aber auch junge Väter sterben." Foerster jedenfalls ist entschlossen, alles zu tun, um seine Gesundheit zu bewahren - und sei es Sport zu treiben, was er eigentlich hasst.

Es zählt anderes

Ähnlich wie Sky du Mont empfindet er sich als einen der viel beschworenen, aber noch selten anzutreffenden neuen Väter, die viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. Früher war er Ressortleiter beim "Spiegel", hat "Spiegel online" mit aufgebaut. Heute arbeitet er nur noch projektbezogen als freier Autor und Medienberater. Karriere machen, viel Geld nach Hause bringen, das muss Foerster nicht mehr. Schon gar nicht für sein Ego. Er hat ja jetzt Cäcilia - und seitdem zählt anderes für ihn.

Sky du Mont hätte eigentlich gern noch ein weiteres Kind, ebenso wie seine Frau. Doch sie haben sich dagegen entschieden: "Wegen meines Alters. Ich will nicht mehr bis weit in die 70 arbeiten müssen, um meine Kinder zu versorgen", sagt er. Außerdem sei nun auch seine Frau dran, mehr für ihren Beruf zu tun. Sie moderiert und hat eine Modekollektion entworfen. Und er hält ihr dafür den Rücken frei.

"Der Typ sieht ja 40, 50 Jahre älter aus als seine Frau"

Boris Beckers Tweet zu Sky du Monts Auftritt bei der Bambi-Verleihung