Rollentausch

Kinder an die Macht

Einen Monat lang hatten Lara und Jonny zu Hause das Sagen. Jochen Metzger, Vater und Leidtragender des Experiments, über leere Kühlschränke, sparsame Mini-Schäubles und das Gefühl, als Erwachsener um Taschengeld betteln zu müssen

Foto: Stephanie Rutke

In meinem Portemonnaie verlieren sich nur noch ein paar mickrige Münzen. Ich zähle genau 1,84 Euro - definitiv zu wenig für eine warme Mahlzeit. "Lara, gibst du mir bitte fünf Euro fürs Mittagessen?" Meine 13-jährige Tochter schenkt mir einen strengen Blick. "Tut mir leid, Papa. Ich kann nichts dafür, dass du dein ganzes Geld schon ausgegeben hast." Lara legt eine Kunstpause ein. "Aber meinetwegen kannst du dir etwas im Garten dazuverdienen", meint sie gönnerhaft. "Der Rasen müsste auch dringend mal wieder gemäht werden."

Es gehört nicht zu meinen Hobbys, bei meinen Kindern um eine Taschengelderhöhung zu betteln. Doch im Moment bin ich Teil eines Experiments: Meine Frau Helga und ich haben mit unseren Kindern die Rollen getauscht. "Die Großen sind die Kleinen, und die Kleinen sind die Großen" - nach dieser Regel wollen wir einen Monat lang leben.

Wir müssen um Erlaubnis fragen, wenn wir Freunde besuchen wollen. Wir haben die Arbeiten zu erledigen, die Lara und Jonny uns auftragen. Und auch die Familienkasse befindet sich in ihren Händen: 700 Euro in bar. Die EC-Karten werden bei den Nachbarn gebunkert. Helga und ich bekommen je 40 Euro Taschengeld. Wir sind finanziell komplett vom guten Willen unserer Kinder abhängig - Griechenland meets Wolfgang Schäuble.

Was haben die Augen der Kinder geleuchtet, als wir ihnen das Bündel mit den Scheinen übergeben haben! Kein Wunder. Lara bekommt ansonsten zehn Euro Taschengeld pro Monat. Was sie jetzt erlebt, geht schon fast in Günther-Jauch-Dimensionen: Sie hält den Netto-Lohn von knapp sechs Jahren "Arbeit" in den Händen. Viele Erwachsene fühlen sich in solchen Situationen überfordert. Wie werden die Kinder wohl damit umgehen?

Als wir später beim Mittagessen sitzen, hat Jonny schon ein paar kaufmännische Überlegungen angestellt. "Wir haben je 350 Euro für Lara und mich. Ein bisschen was brauchen wir für Essen und so. Aber wenn ich noch was von meinem Taschengeld dazupacke, können wir uns locker 'ne Wii mit Extra-Controller kaufen."

In diesem Augenblick beschleichen mich erste Zweifel an unserem Projekt. Erwarten Helga und ich vielleicht doch zu viel von den Kindern? Und: Werden wir in ein paar Tagen Wurst und Käse von den Nachbarn erbetteln müssen? Doch offenbar hat Lara einen heilsamen Einfluss auf Jonny. Sie verwaltet die gesamte Kasse. Die angekündigten Spaß-Käufe bleiben aus. Stattdessen verhalten sich die Kinder wie Finanzminister in Zeiten der Krise. Sie haben sich einen ziemlich cleveren Plan zurechtgelegt: Vier Wochen lang wird gespart, was das Zeug hält. Erst am letzten Tag des Versuchs wollen Lara und Jonny die komplette Restkohle gemeinsam auf den Kopf hauen. Eine Shopping-Orgie als Belohnung für solides Management.

Disziplin und Sparsamkeit

Was die Sparpläne der Kinder konkret bedeuten, erleben Helga und ich bereits nach wenigen Tagen. Lara hat sich Füller und Collegeblock aus ihrem Schulrucksack geholt und legt die Stirn in Falten. "Was machst du da, Lara?", frage ich neugierig. "Ich plane unser Essen. Man muss ja wissen, was alles da ist. Ich mache jetzt eine Liste mit allen Vorräten. Die müssen wir erst verbrauchen, bevor wir für irgendwas Geld ausgeben."

Und wo Lara schon mal beim Listen-Schreiben ist, erarbeitet sie auch gleich noch einen Essensplan für die kommenden sieben Tage - Einkaufszettel inklusive. "Weißt du, Papa", sagt Lara, "ich mag es gar nicht, wie ihr einkauft. Ihr kauft Sachen, die wir gar nicht brauchen, und am Ende verdirbt das schöne Essen. Das finde ich schlimm. Bei mir wird's das nicht geben." Und tatsächlich bleibt es nicht bei dieser Ankündigung: Lara wird einen Monat lang die genussorientierte Finanzpolitik ihrer Eltern durch einen Haushalt der Disziplin und der Sparsamkeit ersetzen.

Jonny überlässt derweil sämtliche Planungstätigkeiten seiner großen Schwester. Wie die Sache unter seiner Leitung ausgesehen hätte, offenbart sich uns am Wochenende. Jonny hat ein Tischtennisturnier. Zugegeben: Ich fühle mich ein wenig schäbig, als ich mit unserem Sohn durch die Stadt fahre. Unter normalen Bedingungen hätte ich etwas zu essen und zu trinken für uns beide eingepackt. So aber habe ich mir sämtliche Kommentare verkniffen - und die Verantwortung bei Jonny gelassen, dem Bestimmer. Während des Turniers rettet uns nur ein zufällig in der Manteltasche vergessener Fünf-Euro-Schein vor einer Hungerkatastrophe. Unseren Durst löschen wir aus dem Wasserhahn in der Herrentoilette.

Insgesamt sind das sehr lehrreiche Erfahrungen. Das dreizehnjährige Kind denkt eine komplette Woche weit in die Zukunft. Das zehnjährige Kind kümmert sich erst ums Essen, wenn es Hunger hat. Langfristig planen, so lehrt der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget, können die meisten erst mit zwölf. Kinder in Jonnys Alter vergessen ihre Hausaufgaben, ihre Federtasche, ihr Matheheft, ihre Sportsachen. Sie packen nichts zu essen und zu trinken ein, wenn sie auf ein Tischtennisturnier fahren. Kinder in Laras Alter dagegen wissen: Nur wenn ich heute Spaghetti kaufe, kann Mama am kommenden Samstag auch welche für mich kochen. Zwischen Lara und Jonny verläuft also eine der wichtigsten Grenzen der menschlichen Entwicklung. "Alle Macht den Kindern" - das funktioniert definitiv angenehmer, wenn zumindest eines der Kinder bereits die Grenze zum Erwachsenenalter überschritten hat.

Hungrig bei der Arbeit

Allerdings: Man muss nicht zwölf sein, um zu wissen, wie Führungskräfte sich verhalten. Ein guter Chef erledigt nur einen Teil der Arbeit selbst. Den Rest überlässt er seinen Mitarbeitern. Lara schreibt zwar die Einkaufszettel. Doch den Gang zum Supermarkt delegiert sie in der Regel an Helga oder mich. Und genau dabei kommt es irgendwann zum Eklat.

Als ich abends von der Arbeit zurückkehre, ist Lara stinksauer auf ihre Mutter. "Was ist passiert?", frage ich. "Mama hat einfach so Blumen für uns gekauft. Obwohl ich das gar nicht erlaubt habe! Jetzt fehlen uns auf einen Schlag 5,25 Euro in der Kasse". Laras Stimme bebt vor Empörung. "Aber es waren doch Gerbera, deine Lieblingsblumen!" Helga versteht die Welt nicht mehr. Sie wollte unserer Tochter nur eine Freude machen. "Ja, aber was würdest du sagen, wenn ich einfach dein Portemonnaie nehmen und Blumen kaufen würde!", kontert Lara. Ganz klar: Helga hat es gut gemeint, sich dabei aber nicht an die Regeln gehalten. Die Enttäuschung darüber vermag keine Blume zu heilen. Nicht einmal eine Gerbera.

Auch für mich hält das Experiment einige Härten bereit. Manchmal komme ich hungrig und abgekämpft von der Arbeit nach Hause und treffe auf einen geplünderten Kühlschrank. Schön, dass auch Wasser und trocken Brot satt machen. "Auch mal 'ne Erfahrung", meint Lara. Von Tag zu Tag finde ich neue Kollegen, die mir bei der Arbeit einen Teller Nudeln oder einen Cappuccino ausgeben. Das ist demütigend. Klappt aber besser als alle Versuche, den Kindern zusätzliche Mittel aus dem Kreuz zu leiern.

Unangenehm wird die ganze Geschichte erst in der vierten Woche des Experiments. Ein guter Teil des Haushaltsgeldes ist inzwischen für Benzin draufgegangen. Lara und Jonny haben längst registriert, dass es nichts werden wird mit der geplanten Shopping-Tour. Die Frage lautet nur noch: Wird die Kohle reichen oder nicht? "Das ist alles so dooof!", klagt Lara. "Alle haben was vom Experiment. Nur ich nicht!"

Jonny ist zwar auch nicht begeistert von der klammen Kasse. Doch er hat sich mit ausgedehnten Fernseh- und Computer-Tagen schadlos gehalten und seiner Mutter für "freches Verhalten" einen Tag Fernsehverbot aufgebrummt. Lara hingegen ist bis an die Grenze ihrer Kräfte gegangen. Und manchmal vielleicht auch darüber hinaus. Schule, Haushalt, Finanzplanung - und am Ende gibt es für all das keine Belohnung. Als ich vor meiner weinenden Tochter stehe, überkommt mich das schlechte Gewissen. Ohne Geld ist alles Mist, so viel steht schon mal fest.

Wie sind Helga und ich eigentlich auf die bescheuerte Idee gekommen, den Kindern nur 700 Euro in die Hand zu drücken? Ganz ehrlich: Ich weiß es selbst nicht mehr. Beim nächsten Mal - sollte es das geben - werde ich 300 Euro obendrauf packen. Lara meint, wir sollten ihr besser unsere EC-Karten samt Geheimnummern überlassen.

Als ich darüber nachdenke, stoße ich immer wieder auf dieselbe Frage: Warum haben die Kinder nicht gleich in der ersten Woche das ganze Geld für Spaß ausgegeben? "Irgendwie war das ja mein Geld", erklärt mir Lara, als ich ihr diese Frage stelle. "Ich kann aber nur euer Geld gut ausgeben. Bei meinem eigenen krieg ich immer ein schlechtes Gewissen." Vielleicht ist das mit der EC-Karte doch nicht so verwegen, wie es klingt.

Lara und Jonny waren während unseres Experiments eine hundertprozentige Schuldenbremse. Und null Prozent "griechify your life". Man müsste es einfach auf den Versuch ankommen lassen.