Eine besondere Liebe

"Kuscheln ist ein elementares Bedürfnis"

Sie sind Seelenverwandte, Trostspender und manchmal auch Prügelknabe: Ein Pädagoge und fünf Berliner geben Einblicke in die Beziehung zum Kuscheltier

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Alle Eltern kennen die Situation: Das liebste Kuscheltier ist auf dem Spielplatz, im Hotel oder bei der Oma geblieben. Und jetzt kann das Kind nicht einschlafen. Die Folge sind nächtliche Suchaktionen oder stundenlange Autofahrten, um ein kleines Stück Stoff und Plüsch wiederzubeschaffen. Die Beziehung zwischen Kind und Kuscheltier ist eine ganz besondere. Und eine bislang fast unerforschte. Zu den wenigen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, gehört Michael Schnabel. Mit dem Pädagogen vom Staatlichen Institut für Frühpädagogik in München sprach Annette Kuhn.

Berliner Morgenpost: In welchem Alter bauen Kinder eine Beziehung zu Kuscheltieren auf?

Michael Schnabel: Das beginnt schon im Säuglingsalter. Das Kind bildet mit der Mutter zunächst eine Dyade. Nach der Geburt beginnt dann allmählich die Ablösung von der Mutter. Diese Krise kann ein Kuscheltier helfen zu überwinden. Außerdem ist das Kuscheltier oft die erste Beziehung, die ein Kind selbst wählt.

Berliner Morgenpost: Welche Bedeutung haben Kuscheltiere für Kinder?

Michael Schnabel: Ein Kuscheltier wird oft Übergangsobjekt genannt. Nicht nur bei der Ablösung von der Mutter, sondern bei allen Übergängen in eine neue Entwicklungsphase - wenn es in sein eigenes Bett oder wenn es in den Kindergarten kommt. Das Kuscheltier dient überhaupt als Trostmöglichkeit, es hilft, jegliche Schwierigkeiten oder Krisen zu meistern. Darum haben zum Beispiel auch Berufsfeuerwehren Kuscheltiere dabei. Wenn Kinder bei einem Brand betroffen sind, wird schon der Schreck durch ein Kuscheltier gemindert. Auch in Krankenhäusern oder Arztpraxen bekommen Kinder zur Beruhigung oft ein Kuscheltier.

Berliner Morgenpost: Das Kuscheltier muss oft viel aushalten. Es wird auch mal gehauen oder gegen die Wand geworfen. Warum?

Michael Schnabel: Ein Kuscheltier ist besser zu handhaben als ein Freund. Die Beziehung zu Menschen ist durch Konventionen geregelt, die Beziehung zum Kuscheltier nicht. Ein Kind kann ein Kuscheltier in die Ecke schmeißen oder anderweitig seine Aggressionen an ihm abarbeiten, ohne dass etwas passiert oder es eine Strafe erwarten muss. Eltern sollten hier auch nicht zu schnell eingreifen, denn die mitunter grobe Umgangsweise ist auch ein Beweis für eine besonders enge Beziehung. Es ist doch so: Dort, wo wir uns wohlfühlen, lassen wir am ehesten unsere Aggressionen heraus. Das setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort. In einer Partnerschaft zeigt man viel eher Aggressionen und Launen als gegenüber Menschen, die wir nicht kennen.

Berliner Morgenpost: Manche Kinder spielen mehr mit ihrem Teddy als mit einem Freund. Kann ein Kuscheltier eine zu große Bedeutung erlangen?

Michael Schnabel: Das ist selten der Fall. Aber für Kinder, die sehr introvertiert sind, kann das Kuscheltier eine wichtige Rückzugsmöglichkeit und eine Trainingsmöglichkeit für eine reale zwischenmenschliche Kommunikation sein. Kinder reden viel mit ihrem Kuscheltier, sie klagen ihnen ihr Leid, ihre Ängste. Das kann eine Brücke sein, um sich den Eltern oder den Freunden mitzuteilen.

Berliner Morgenpost: Gibt es Erkenntnisse darüber, welcher Typ Kuscheltier bevorzugt wird?

Michael Schnabel: Nach den wenigen Untersuchungen, die bisher vorliegen, steht der Teddybär an erster Stelle. Wichtig ist beim Kuscheltier, dass es weich ist und ein Fell hat, damit man mit ihm kuscheln kann. Und Tiere, die das Kindchen-Schema erfüllen, einen großen Kopf und große Augen haben, sprechen Kinder besonders an. Im Übrigen nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Oft ist es aber auch Liebe auf den ersten Blick.

Berliner Morgenpost: Manche Kinder haben das ganze Bett voller Kuscheltiere - was ist daran so schön?

Michael Schnabel: Kinder haben normalerweise zu einem einzigen Kuscheltier eine besondere Beziehung. Seine Liebe kann man schlecht auf viele aufteilen. Aber besonders bei Kindern von drei bis sechs Jahren kommt oft eine Sammelleidenschaft hinzu. Aber die bezieht sich nicht nur auf Kuscheltiere, das können auch Steine oder Autos sein. Außerdem sammeln sich Kuscheltiere schnell an, weil jeder ein Kuscheltier mitbringt.

Berliner Morgenpost: Kuscheltier und Puppe - haben beide die gleiche Funktion?

Michael Schnabel: Kuscheltier und Puppe sind nicht zu vergleichen. An Puppen leben Kinder eher den Nachahmungstrieb aus. Sie spielen mit der Puppe Mutter-und-Kind, aber eine Puppe eignet sich meist weniger zum Kuscheln, weil sie hart ist. Weichheit und Anschmiegsamkeit sind bei einem Kuscheltier ganz wichtig. Es gibt dazu Experimente aus der Tierwelt: Man hat zum Beispiel Affen vor zwei Gestelle gesetzt, das eine war mit Fell überzogen, auf dem anderen gab es Futter. Das Ergebnis: Die Affen sind schneller zu dem mit Fell überzogenen hingelaufen. Sie haben das Kuscheln dem Fressen vorgezogen.

Berliner Morgenpost: Es gibt ja auch Kinder, die kein Lieblings-Stofftier haben. Fehlt denen etwas?

Michael Schnabel: Nein. Das Bedürfnis nach Kuscheln hat jedes Kind, aber nicht alle leben dies mit einem Kuscheltier aus. Die meisten aber schon. In einer Internet-Befragung von kuscheltier.de haben 70 bis 80 Prozent der Frauen angegeben, ein Kuscheltier zu haben, bei den Männern waren es immerhin 45 Prozent.

Berliner Morgenpost: Gibt es einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen in Bezug auf Kuscheltiere?

Michael Schnabel: Bisher kenne ich keine Untersuchungen, die einen Unterschied belegen. Kuscheltiere spielen für beide eine gleichermaßen große Rolle.

Berliner Morgenpost: Irgendwann ist ein Kuscheltier uncool. Entfremden sich Kinder von ihrem Kuscheltier oder zeigen sie diese Liebe nur nicht mehr nach außen?

Michael Schnabel: In der Untersuchung, die ich eben angeführt habe, heißt es weiter: 45 Prozent der Männer haben zwar ein Kuscheltier, aber nur fünf Prozent würden darüber reden. Das ist irgendwann peinlich. Kuscheln in der Öffentlichkeit hört meist im Grundschulalter auf. Zum Kindergarten lassen sich Kinder noch an die Hand nehmen, aber wenn Vater oder Mutter mit dem Kind zur Schule gehen, lassen viele Kinder die Hand spätestens dann los, wenn sie den Schulhof sehen. Dann nimmt man sein Kuscheltier auch nicht mehr mit. Aber im Bett darf es durchaus noch liegen - auch noch bei vielen Jugendlichen.

Berliner Morgenpost: Lässt das Bedürfnis zu kuscheln irgendwann nach?

Michael Schnabel: Nein, Kuscheln bleibt auch für Erwachsene von elementarer Bedeutung, aber dann nicht mehr mit dem Kuscheltier, sondern mit dem Partner. Doch bei älteren Menschen, die sehr zurückgezogen leben, wird dieses Bedürfnis oft nicht ausreichend befriedigt. Hier können Kuscheltiere wieder helfen. Zum Beispiel wurde ein Roboter-Seehund für Senioren im Altersheim entwickelt: Man kann diesen Seehund streicheln und ansprechen, er reagiert mit Brummen und Bewegungen. Man hat mit dem Einsatz dieses Seehundes große Erfolge erzielt: Die Kommunikation mit anderen Menschen kann verbessert werden und die Menschen gewinnen wieder mehr Lebensfreude.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle hat das Kuscheltier überhaupt für Erwachsene?

Michael Schnabel: Das Kuscheltier wird vom Objekt des Kuschelns im Erwachsenenalter ein Repräsentant der Kindheit. Es kann dabei helfen, sich an positive Erfahrungen aus der Kindheit wie Vertrauen oder Geborgenheit zu erinnern. Wir sind später ja von vielen Repräsentanten umgeben. Im Jugendalter kann es das Handy sein, bei Erwachsenen kann es das große Auto sein. Auch wenn ich später dem Partner eine Rose schenke, ist das ein Repräsentant meiner Liebe.

Berliner Morgenpost: Viele Paare schenken sich aber keine Rosen, sondern Kuscheltiere. Was sagt das aus?

Michael Schnabel: Oft steckt dahinter das Bedürfnis, positive Erfahrungen, die man in der Kindheit, mit den Eltern gemacht hat, auch für die Partnerschaft zu übertragen. Das ist allerdings keine ganz ausgereifte Liebe. Die Beziehung zwischen Erwachsenen sollte schon etwas anders aussehen als die Beziehung zur Mutter.