Literatur

Lola von Nebenan

Sie strahlt. Isabel Abedi sitzt in der Clinker-Lounge der Backfabrik in Prenzlauer Berg und liest aus ihrem jüngsten "Lola"-Buch. Die Reihen vor ihr sind voll, gefüllt vor allem mit Mädchen im Alter zwischen acht und elf Jahren. Typische "Lola"-Fans. Sieben "Lola"-Bände gibt es inzwischen, die 2004 begonnene Reihe gehört derzeit zu den beliebtesten Büchern bei Mädchen.

Kein Junge würde diese rosa- oder pinkfarbenen, mit Glitzer verzierten Buchumschläge freiwillig in die Hand nehmen - jedenfalls dann nicht, wenn andere ihn sehen könnten. Doch so rosa wie die Bücher aussehen, ist der Inhalt keineswegs. In "Lola"geht es nicht um Zickenkrieg, Mädchencliquen und Jungshasser. Lola ist ein typisches Mädchen von heute. Im ersten Band ist sie neun Jahre alt, ist gerade von einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt nach Hamburg gezogen und wünscht sich in der neuen Schule am allermeisten eine Freundin. Lolas Vater kommt aus Brasilien, ganz selbstverständlich wird Lola mit zwei verschiedenen Kulturen und Sprachen groß. für viele Kinder ist dies ein Stück Wirklichkeit. Lola ist manchmal schüchtern, manchmal frech und mutig. Sie hat viele Ideen und noch mehr Wünsche. Mit Einfühlungsvermögen und Witz beschreibt Isabel Abedi Lolas Alltag. Die Mädchen, die an diesem Sonntag zur Lesung der Kiezbuchhandlung "Buch-Box" gekommen sind, sind begeistert von der Buchreihe. Die meisten kennen die Bücher, haben ihr liebstes gleich mitgebracht und warten nach der Lesung in einer langen Schlange geduldig darauf, dass die 44jährige Autorin sie signiert. Isabel Abedi hat extra ein Mäppchen mit bunten Filzstiften dabei - sie ist ein Profi..

Verschrumpelter Gartenzwerg

Lola scheint nicht nur ihren Zuhörern, sondern auch ihr selbst Spaß zu machen. Sie liest aus dem neuesten Band "Lola Schwesterherz". Darin erzählt Lola, wie es ist, eine große Schwester zu werden und die Schule zu wechseln. Lola ist zugleich die Kleine - als Fünftklässlerin in der Oberschule - und die Große - als Schwester eines kleinen Bruders, mal von Stolz beseelt und mal von Eifersucht geplagt. Zwischen den Kapiteln, die Isabel Abedi liest, zum Beispiel über das Erscheinungsbild von Neugeborenen: "Pascal sah aus wie ein verschrumpelter Gartenzwerg mit Käsekrümeln auf der Stirn", erklingt stimmungsvoll Musik. Isabel Abedi gestaltet ihre Lesungen meist zusammen mit ihrem Mann, dem brasilianischen Musiker Eduardo Macedo, der auch zur "Lola"-Verfilmung die Musik geschrieben hat. Isabel Abedi und Eduardo Macedo haben sich vor mehr als 20 Jahren in Hamburg kennengelernt, wo das Paar noch heute wohnt. Sie arbeitete dort als Texterin einer Werbeagentur, er als Tanzlehrer. "Von ihm habe ich nicht nur das Tanzen gelernt, sondern auch die Bühnenerfahrung", sagt sie. Und ein bisschen hat Isabel Abedi ihm auch die Idee zur "Lola"-Reihe zu verdanken: " Ich hätte mir Lola sonst wohl nie ausgedacht." Zugleich betont Isabel Abedi aber auch, dass Lola nicht autobiografisch ist, auch wenn sie viel aus der Lebenswelt von der heute 24-jährigen Tochter Macedos und ihrer inzwischen 16-jährigen gemeinsamen Tochter geschöpft hat. Sie war bei Erscheinen des ersten Bandes genau so alt wie Lola, hat dieselbe Grundschule besucht, ist im selben Hamburger Kiez zu Hause, und beide Väter kommen aus Brasilien. "Meine Lebensumgebung ist die Hardware", erklärt Isabel Abedi, "aber die Geschichte ist frei erfunden." Fast immer jedenfalls. Das Spiel Lippenquetschen, das Lola gern mit ihrem Opa spielt, wird nämlich auch in der Familie Abedi/Macedo gespielt. Lola hält im Buch ihrem Opa die Lippen mit den Fingern zu und Opa muss "Zirkusziege" sagen. Das geht natürlich nicht, sondern heraus kommt nur Genuschel, über das dann beide lachen. Sonst achtet Isabel Abedi aber streng darauf, vom Leben ihrer Tochter nichts preiszugeben. Dafür sind beide Töchter aber umso wichtigere Ratgeber. Mit der älteren entwickelt sie oft den Plot, der jüngeren gibt sie die Manuskripte zu lesen. "Lola lebt", sagt Eduardo Macedo. Und Isabel Abedi fügt hinzu: "Für unsere Töchter ist sie so etwas wie eine Schwester."

Die Idee zur "Lola"-Reihe kam Isabel Abedi auf der Frankfurter Buchmesse 2003. Damals hatte sie ihre ersten Kinderbücher veröffentlich und war vom Loewe-Verlag gefragt worden, ob sie nicht eine Mädchenserie schreiben könnte. "Und auf einmal war Lola in meinem Kopf", erinnert sich die Schriftstellerin. Wie sie dahin kam, kann Abedi nicht sagen, "die Ideen kommen einfach wie Schluckauf". Manchmal kommt dieser "Schluckauf" auf dem Fahrrad, wenn sie morgens in ihr Schreibzimmer fährt, manchmal kommt er in der Badewanne. Manchmal kommt er auch, wenn sie an ihre eigene Kindheit denkt.

Kindlichkeit bewahrt

Isabel Abedi ist ohne ihren persischen Vater aufgewachsen, hat von ihm nur den Namen, die langen dunkelbraunen Haare und die dunklen Augen. Ihre Mutter ist Buchhändlerin, dies eine Parallele zu Lolas Oma. Als Kind konnte Isabel oft nicht einschlafen, dachte sich wie Lola in eine Fantasiewelt. Nicht anders ging es später ihrer Tochter. Stundenlang saß Isabel Abedi an ihrem Bett und erzählte ihr Geschichten. Geschichten, die ihr einfach so einfielen - und die sie irgendwann aufschrieb. Aus der Werbetexterin wurde schließlich eine Kinder- und Jugendbuchautorin. Insgesamt 40 Bücher hat Isabel Abedi inzwischen veröffentlicht, davon 13 "große", sagt sie, davon wiederum sieben "Lola"-Bücher. Ein Vorbild hat sie nicht für ihren Schreibstil, "ich bin doch kein Nachbild", sagt sie selbstbewusst. Vorlieben hat sie aber schon. Zu ihren Lieblingsbüchern zählt "Keine Nacht dir zu lang" von Ruth Rendell alias Barbara Vine. Sie mag die Beobachtungsgabe der englischen Autorin, ihr feines Gespür für Psychologie und wie sie Spannung erzeugt. Als Kind las Abedi am liebsten "Mary Poppins": "Ich mochte diese strenge Welt." Und sie blickt mit Bewunderung auf Astrid Lindgren. So versteht sie den Titel des fünften "Lola"-Bandes "Lola Löwenherz" auch als eine Verbeugung vor der großen Kinderbuchautorin. Eine Verbeugung nicht nur vor ihrem Werk, sondern "auch dafür, dass sie es ihr Leben lang geschafft hat, sich ein Stück Kindlichkeit zu bewahren".

Kindheit, das Großwerden üben auf Isabel Abedi eine große Faszination aus. "Kindheit, das ist die Zeit des ersten Mals", erklärt sie, "das erste Stück Schokolade, das erste aufgeschürfte Knie, der erste Albtraum, der erste Liebeskummer." Auch später würde man all das zwar immer wieder erleben, aber bei Kindern gebe es noch keine Abnutzungserscheinungen, da sei noch dieses Staunende.

Der Reiz des ersten Mals hat sich auch für Isabel Abedi nicht abgenutzt. Das erste Mal zusammen mit ihrem Mann eine Lesung in Brasilien geben, das gehört zu ihren großen Träumen. Denn ihre erfolgreiche Buchreihe ist zwar inzwischen in mehr als 20 Sprachen übersetzt - aber eine portugiesische "Lola" gibt es bislang noch nicht. Und noch etwas wünscht sich Isabel Abedi: Geduld bei ihren jungen Leserinnen. Noch ein knappes Jahr, bis zur Frankfurter Buchmesse, wird es dauern, bis der nächste "Lola"-Band erscheint. Doch so viel sei schon verraten: Er wird wahrscheinlich "Fünf Sterne für Lola" heißen und die inzwischen Elfjährige wird sich hier in die Rolle einer Spitzenköchin hineinfantasieren. Und noch etwas verrät Isabel Abedi: "Ich habe noch so viele Ideen - es wird nicht der letzte Band sein."