6. Dezember

Hat der Nikolaus unseren Wohnungsschlüssel?

Weihnachtszeit, Lügenzeit. Wenn Kinder wissen wollen, wie der Nikolaus nachts ins Hinterhaus kommt, geraten Eltern ins Schwitzen

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Mit dem Nikolaus stehe ich auf Kriegsfuß. Dabei hat er mir eigentlich nichts getan. Im Gegenteil, er bringt mir sogar immer noch etwas. Oder sagen wir besser: Er bringt mir inzwischen wieder etwas. Es gab eine kurze Phase, in der er Lieferschwierigkeiten hatte, zwischen dem Auszug bei meinen Eltern und der Geburt meines ersten Kindes. Aber seitdem bekomme ich auch wieder eine Kleinigkeit in den Schuh gesteckt. "Warum kriegst du eigentlich so wenig?", fragt meine kleine Tochter mitfühlend. "Wieso kriegst du überhaupt was?", fragt meine große Tochter hinterhältig.

Womit wir beim Thema wären. Ich habe drei Kinder, 2, 6 und 12, und befinde mich damit zeitgleich in allen Stadien des brüchigen, flüchtigen Weihnachtsglaubens. Der Jüngste versteht von der ganzen Adventszeit nur Bahnhof. Das fing schon mit Sankt Martin an. Laterne mit Leuchtstab rumschleudern fand er lustig, das Singen auch, ansonsten hat ihm das Laufen durch den Kiez mit klammen Fingern eher nicht gefallen. Inhaltlich eingeleuchtet hat es ihm schon gar nicht.

Jeden Morgen Schokolade

Nicht genug der Merkwürdigkeiten: Jetzt hängt so ein Ding an unserer Wand mit Säckchen dran, und er darf seit ein paar Tagen jeden Morgen ein Stück Schokolade essen, das ihm seine Schwestern anreichen, weiß der Teufel warum. Immerhin hat er schnell kapiert: Säckchen gleich Süßigkeit. Seitdem versucht er ununterbrochen, die Dinger zu plündern. Aber warum meckert Mama denn dann? Morgens darf man, nachmittags nicht? Das ist doch unlogisch. Mein Sohn kann seinen Unmut über die neuen Regeln zwar noch nicht artikulieren, aber ich vermute stark, dass er latent verwirrt ist. Wir bemühen uns deshalb, wieder Ordnung in sein Hirn zu bringen. Jeden Tag ein Türchen, am Sonntag ein weiteres Licht am Adventskranz, erklärt der Rest der Familie gebetsmühlenartig. Dann kommt der Nikolaus, wenig später der Weihnachtsmann. Der erste tut was in den Stiefel, die dafür allerdings geputzt vor der Tür stehen müssen. Der zweite steigt durch den Schornstein und legt Geschenke unter den Tannenbaum.

Das Zeitfenster, in dem Kinder solche Behauptungen widerspruchslos hinnehmen, ist kurz. Spätestens nächstes oder übernächstes Jahr wird auch der Jüngste anfangen, die bohrenden Fragen zu stellen, die die Zweitälteste seit ihrer Vorschulzeit stellt: Wieso sieht der Weihnachtsmann genauso aus wie der Nikolaus? Wie schafft der das, in einer Nacht? Hat der ein Flugzeug? Und woher weiß der, wo die Kinder wohnen? Und was ist, wenn die Kinder gerade umgezogen sind? Und wie kommt der bei uns ins Hinterhaus, wo doch immer abgeschlossen ist? Hat der von allen Häusern auf der ganzen Welt einen Schlüssel? Aber doch nicht von unserer Wohnung? Oder doch? Aber in mein Zimmer kommt er nicht rein, oder?

Es ist wie mit allen Lügen. Wenn man einmal mit einer kleinen anfängt, muss man irgendwann riesige Gebäude errichten, damit das Konstrukt nicht einstürzt. Und dann liegt man als wahrheitsliebender, säkularisierter, vernunftbegabter Erwachsener abends im Bett seiner Kinder und schwindelt, dass sich die Balken biegen. Man erzählt von Nikoläusen mit riesigen Schlüsselbunden, die sooo lieb sind, dass sich niemand vor ihnen gruseln muss. Von Weihnachtsmännern, die bärenstark sind und so schlau, dass sie sich alle Briefe mit allen Wünschen merken können. Und dann können sie auch unendlich schnell um die ganze Welt fliegen. Und wenn es in den Häusern keine Schornsteine gibt, dann können sie auch durch Wände gehen. Oder über Balkone klettern. Alle Sprachen sprechen sie natürlich auch. Und dann haben sie diese riesige Fabrik im fernen Zauberland, wo die Geschenke von kleinen äh... Zwergen gemacht und von äh... Engelein verpackt werden und ähm, ja.

Spaß macht mir das nicht. Sollen die Kinder meinetwegen an den Nikolaus glauben, an den Weihnachtsmann und den Osterhasen. Ist ja auch irgendwie rührend. Aber muss man ihnen deshalb jahrelang diesen Schwachsinn drum herum erzählen, der ihre und meine Intelligenz beleidigt? Muss man wirklich versuchen, jede weihnachtliche Ungereimtheit mit albernen Details zu vertuschen? Und zwar bis zur intellektuellen Selbstaufgabe? Kann man nicht einfach sagen: Ich weiß auch nicht, wie der das macht. Ist halt so.

Zum Glück erledigt sich das Problem von allein. Spätestens mit sechs, sieben Jahren ist gegen den gesunden kindlichen Skeptizismus ohnehin kein Kraut mehr gewachsen. Kinder wissen jetzt: Eltern sagen viel, wenn der Tag lang ist. Auch dass man ganz viele Äpfel essen und dauernd die Zähne putzen soll und so. Man muss nicht alles davon wörtlich nehmen.

In Widersprüche verstrickt

Und gerade beim Thema Weihnachten sind die Widersprüche, in die sich die Eltern seit Jahren verstricken, einfach zu erdrückend. Das mittlere Kind hat es neulich bereits angedeutet: Es kann diese komischen Ein-Mann-Unternehmer mit ihre undurchsichtigen Fortbewegungsmitteln, ihren angeblichen Helfershelfern und ihren vielen falschen Kaufhaus-Klonen eigentlich nicht geben. Abgesehen davon: Warum kommt bei der besten Freundin, deren Mutter aus Holland stammt, am 6. Dezember ein Sinterklaas? Und der bringt ganz viele Geschenke, obwohl noch gar nicht Weihnachten ist! Und die Stiefel stellt man dort auch nicht vor die Tür, sondern an den Ofen. Und dann legt man eine Möhre dazu. Fürs Pferd!

Ich nicke, ich sage ja, gegen altkluge Grundschüler argumentiere ich nicht mehr an. Und dann passiert etwas Erstaunliches: Das Kind legt seinen Nikolaus- und Weihnachtsmannglauben ab, einfach so. Tja, dann gibt es diese Typen halt nicht. Bei keiner meiner Töchter ist der Glaubensverlust übrigens mit einer größeren Sinnkrise einher gegangen. Offenbar erschüttert es sie nicht mal, dass die eigenen Eltern jahrelang gelogen haben. Das ist alles nebensächlich, solange die ausgedachten Männer weiter das tun, wozu sie erfunden wurden: Süßigkeiten und Geschenke bringen.

Für den kleinen Bruder wird die Kulisse dagegen weiterhin aufrecht erhalten. Und zwar mit größter Freude. Die Großen, die jetzt cool sind und alles durchschauen, legen sich mächtig ins Zeug. "Bald kommt der Weihnachtsmann. Aber nur, wenn du lieb bist - und nicht mehr in mein Zimmer gehst!" Und wenn er ihre Sätze dann gutgläubig nachplappert, dann blinzeln sie sich zu, wie zwei Verschwörerinnen. Und freuen sich diebisch, dass sie jetzt auf der anderen Seite der großen Kinder-Weihnachts-Manipulations-Maschinerie stehen dürfen.

Vielleicht geht es überhaupt nur darum. Dass man als Kind irgendwann dieses süße Gefühl der eigenen Schlauheit verspürt. Das scharfe Messer Logik zum ersten Mal in der eigenen Hand hält. Womöglich ist das der tiefere Sinn des Nikolaus: Dass Kinder ihren Eltern auf die Schliche kommen dürfen. Nur durch geschicktes Nachfragen, lauerndes Beobachten und logisches Kombinieren.

Was folgt daraus? Ich werde wohl weiterhin alle Fragen zum Thema Nikolaus mit einer Mischung aus Fantasie und Diplomatie beantworten. Ich werde mir falsche Fakten aus den Fingern saugen und physikalische Gesetze verdrehen. Ich werde die Story so lange überdrehen, bis sie implodiert. Auch der Jüngste in der Familie hat schließlich ein Recht darauf, eines Tages ganz alleine dahinter zu kommen, was es mit den Jumbo-Säcken und Turbo-Flugzeugen und Mega-Schlüsselbunden so auf sich hat.