Kirsten Boie

"Kinder lesen, weil es Spaß macht"

Autorin Kirsten Boie über kritische junge Leser und das Glück, für sie zu schreiben

Foto: Juergen Joost

Der kleine Ritter Trenk, das Meerschweinchen King Kong und die Kinder aus dem Möwenweg sind nur ein paar der vielen Figuren, denen man in den Geschichten von Kirsten Boie begegnet. Die Autorin hat mehr als 100 Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Im Gespräch mit Sonja Gillert verrät sie, was zu einem guten Kinderbuch dazugehört und wie man Geschichten erzählt.

Berliner Morgenpost: Warum schreiben Sie für Kinder und Jugendliche?

Kirsten Boie: Das ist mir einfach so passiert. Ich durfte nicht mehr als Lehrerin arbeiten, nachdem ich mein erstes Kind adoptiert hatte. Ich war sehr traurig darüber, weil ich immer arbeiten und Familie haben wollte. Mir sind dann, während ich meinen Sohn gefüttert habe, die ersten Sätze zu meinem ersten Buch eingefallen. Völlig unerwartet. So war mein erster Text eine Geschichte für Kinder. Das war großes Glück. Ich weiß gar nicht, ob ich auch für Erwachsene schreiben könnte.

Berliner Morgenpost: Sie haben für Ihre Bücher viele Preise gewonnen, zuletzt wurde Ihnen das Verdienstkreuz erster Klasse verliehen. Da müssten Sie doch wissen, was zu einer guten Kindergeschichte dazugehört?

Kirsten Boie: Das weiß man erst hinterher. Wenn Sie Kinder fragen: Wann ist ein Buch gut? Dann sagen die: wenn es lustig ist oder wenn es spannend ist. Oder sie sagen, dass ein Buch lustig und spannend sein muss. Aber das bedeutet in jedem Alter etwas anderes. Man muss wissen, was in welcher Altersstufe lustig und auch spannend ist.

Berliner Morgenpost: Woher wissen Sie das?

Kirsten Boie: Ich habe jedes Mal wieder die Hoffnung, dass es stimmt. Und ich glaube, ich kann mich auch noch ganz gut an meine Kindheit erinnern. Nicht nur an das, was passiert ist. Vor allem auch an meine Gefühle.

Berliner Morgenpost: 1985 haben Sie Ihr erstes Buch veröffentlicht. Die Gesellschaft, Erziehungsmethoden, das Verhältnis von Kindern und Eltern haben sich seither verändert. Wie treffen Sie trotz allem den Geschmack Ihrer Leser?

Kirsten Boie: Ich glaube, das funktioniert, weil ich immer noch relativ viel Kontakt zu Kindern habe, durch Lesungen, durch Workshops und im privaten Umfeld. Früher war das selbstverständlich, erst war ich Lehrerin, dann waren meine eigenen Kinder klein.

Kirsten Boie: Bei Lesungen merken Sie ganz gut, was Kinder mögen. Kinder sind ja gnadenlos, das ist auch ein Geschenk. Erwachsene sind höflich und tun immer so, als gefiele es ihnen. Kinder hören einfach nicht mehr zu, wenn es sie nicht interessiert.

Berliner Morgenpost: Lassen Sie noch nicht veröffentlichte Geschichten von Kindern bewerten?

Kirsten Boie: Nein. Das habe ich noch nicht mal getan, als meine Kinder klein waren. Ich denke, wenn ich das gemacht hätte, hätte ich nie geschrieben. Denn meine Kinder waren sehr kritisch und haben immer gesagt: "Das ist ja nur von dir, das ist keine richtige Geschichte." Bei meinem ersten Text habe ich eine Freundin ihrer Tochter den Text vorlesen lassen. Die hat sich kritisch geäußert, da hatte ich das Manuskript aber schon weggeschickt. Ich bin mir ziemlich sicher, sonst hätte ich das nicht mehr getan.

Berliner Morgenpost: Sie wagen sich oft an schwere Themen heran. Zum Beispiel schreiben Sie in "Ritter Trenk" auch über die dunkle Seite des Mittelalters. Gibt es Themen, an die Sie sich nicht wagen?

Kirsten Boie: Ganz pauschal würde ich sagen: wahrscheinlich nicht. Aber es ist immer die Frage, für welche Altersgruppe finde ich eine Lösung, bei der ich glaube: Das ist für die Altersgruppe adäquat und ihr zuzumuten. Generell glaube ich, dass man Kindern all das, was ihnen im Leben begegnet, auch in Büchern erzählen kann - und damit ihren Horizont erweitern.

Berliner Morgenpost: Können Sie sich an Geschichten aus Ihrer eigenen Kindheit erinnern?

Kirsten Boie: Als ich Kind war, war meine absolute Lieblingsautorin Astrid Lindgren. Ich habe aber auch sehr gerne Erich Kästner gelesen und ganz leidenschaftlich Enid Blyton. Vor allem die Krimis. Das ist für mich auch ein Grund, zu sagen, Kinder sollen ruhig alles Mögliche lesen, auch Bücher, von denen wir als Erwachsene sagen: Das ist nicht so anspruchsvoll. Das ist völlig egal, solange die Kinder begeistert sind und lesen. Die Leseerfahrung führt später von selbst dazu, dass sie auch andere Dinge lesen.

Berliner Morgenpost: Sie setzen sich für Leseinitiativen ein. Was macht für Sie Lesen so besonders?

Kirsten Boie: Zunächst mal leistet Lesen für das Gehirn sehr viel. Man kann sagen: Wer viel liest, wird schlauer. Aber Kinder lesen ja vor allem, weil es Spaß macht. Ich glaube aber auch, bei erzählenden Texten passiert etwas, das bei anderen Medien nicht passiert. Das ist die einzige Möglichkeit, in die Gedanken und Gefühle einer anderen Person einzusteigen. Ich bin überzeugt, dass dadurch auch die Empathiefähigkeit gesteigert wird und die Fähigkeit, Gefühle verbalisieren zu können.

Berliner Morgenpost: Haben Sie einen Tipp für Eltern, die ihren Kindern eine eigene Geschichte erzählen wollen?

Kirsten Boie: Das muss jeder für sein Kind individuell machen. Was Kinder immer lieben, sind Geschichten, in denen sie selbst vorkommen und tolle Sachen erleben. Geschichten, die Kinder gerne hören, sind oft völlig verrückt. Wenn Sie einem Kind etwas erzählen, können Sie die Geschichte genau auf das Kind zuschneiden.