Literarische Aufarbeitung

Zu viel Misstrauen, zu wenig Hilfe

Anne Dobbs ist Studentin, hat einen Nebenjob in der Medienbranche, einen festen Partner, Freunde. Das normale Leben einer 24-Jährigen. Und doch ist ihr Leben alles andere als normal. Seit 18 Jahren ist es das nicht mehr. Seit sie zum ersten Mal sexuell missbraucht wurde.

Es war der Vater ihrer Freundin, der sich fünf Jahre lang an ihr verging. Der Mann drohte Anne, sollte sie jemandem davon erzählen. "Er sagte, keiner würde mir glauben", erzählt sie, "ich glaubte ihm und schwieg". Heute findet sie das unfassbar, aber als Sechsjährige war ihre Angst zu groß, sie durchschaute ihn nicht. Als der Mann endlich aus ihrem Leben verschwand, war Anne ein gebrochenes Kind - und hatte keine Zeit auf die Beine zu kommen. Ihr Martyrium wiederholte sich, diesmal war es ein Verwandter, den sie Onkel nannte. Weitere Jahre wurde sie sexuell missbraucht. Mit jeder Vergewaltigung fügte der "Onkel" der inzwischen Zwölf-, Dreizehnjährigen neue Wunden zu. "Überstanden habe ich das nur, weil ich versucht habe, aus meinem Körper herauszugehen, nichts mehr zu fühlen."

Eltern waren keine Stütze

Über die Details des Missbrauchs spricht Anne Dobbs nicht. Anne Dobbs ist auch nicht ihr echter Name, sondern ihr Pseudonym, unter dem sie jetzt ein Buch über ihre Geschichte geschrieben hat, mit ihrem echten Gesicht auf dem Cover. In "Überleben" klagt sie an, wie mit Missbrauchsopfern umgegangen wird. Sie beschreibt die Zeit, nachdem sie sich dazu durchgerungen hat, ihre Peiniger anzuzeigen. Denn mit diesem Schritt war die Zeit des Leidens für sie nicht vorbei. Zuviel Misstrauen, zu wenig Unterstützung hat sie damals erfahren, sagt sie heute. Sie fühlte sich mit der Situation alleingelassen. Ihre Eltern konnten ihr kaum Stütze sein, waren sie doch selbst mit all dem überfordert und von Schuldgefühlen besetzt.

Es war die Fassade gewesen, hinter der sich Anne Dobbs die Jahre davor versteckt hatte, die sie das alles überleben ließ. Ihre Familie bezeichnet sie als Bilderbuchfamilie, als heile Welt, in die sie sich immer wieder zurückzuziehen versuchte. Irgendwie funktionierte Anne Dobbs im Alltag, sie schrieb gute Noten, fiel nicht auf. Aber sie suchte ein Ventil und fand es im Internet. Während sie sich in der Schule von ihren Freunden zurückzog, fasste sie Vertrauen zu zwei Chat-Freunden und offenbarte sich ihnen schließlich aus der Sicherheit der Anonymität heraus. Irgendwann tauschten sie Handynummern aus, und nach einem besonders brutalen Übergriff des "Onkels" initiierte der Chat-Freund eine Konferenzschaltung mit der Kriminalpolizei. Aber nachdem sie Anzeige erstattet hatte, musste sie mit ihren Eltern sprechen, der Polizei zuvorkommen. Ihre Eltern waren geschockt - und schwiegen zunächst. "Dann fragte mich meine Mutter, warum ich die Täter angezeigt hatte, bevor ich mit meinen Eltern gesprochen hatte. Man hätte doch mit dem Onkel eine Lösung finden können." Für Iris Hölling von Wildwasser ist dies eine typische Situation: "Eltern sind selbst überfordert, machen sich Vorwürfe, und es ist ihnen peinlich, wenn der Missbrauch nach außen dringt." Daher bräuchten nicht nur die missbrauchten Kinder, sondern auch ihre Eltern Hilfe, sagt die Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen. Doch eine entsprechende Begleitung scheitere oft an den Mitteln.

Jahrelanges Schweigen

Auch für Anne Dobbs und ihre Familie gab es keine Hilfe, keine Prozessbegleitung. Die Psychotherapie, mit der das Mädchen irgendwann anfing, wurde bald wieder abgebrochen, weil die Eltern Angst hatten, das Kind könne dadurch noch stärker belastet werden. Anne Dobbs litt zunehmend unter den körperlichen Folgen des Missbrauchs, wurde dünner, hatte Schlafstörungen. Die 14-Jährige wurde von Arzt zu Arzt geschickt. Die Vernehmungen belasteten sie: "Man geht von einer Vernehmung zur nächsten, wird nach Hause geschickt und es ist egal, was dann passiert. Ich habe so oft das Gefühl gehabt, ich sage aus, um der Justiz zu helfen und nicht damit mir geholfen wird." Anne Dobbs begann sich zu ritzen. Jede Wunde, die sie sich zuführte, war wie ein Schrei. Sie wollte gehört werden, aber sprechen konnte sie nicht. In der Klasse wurde getuschelt, aber niemand fragte sie direkt.

Heute versteht Anne Dobbs nicht, wie sie so lange schweigen konnte. Und wie lange niemand etwas gemerkt hat. Einmal hat sie eine Lehrerin angesprochen, "ich habe es so erzählt, als würde es ein anderes Mädchen betreffen, aber sie hat gar nicht darauf reagiert." Dabei sollten bei Erziehern oder Lehrern hier die Alarmglocken schrillen, sagt Iris Hölling: "Das Wichtigste in der Präventionsarbeit ist, dass Erwachsene die Verantwortung für den Schutz übernehmen und den Kindern die Möglichkeit geben, sich ihnen anzuvertrauen." Oft würde gefordert, Eltern sollten Kindern beibringen, nein zu sagen. "Aber wenn der Fokus darauf gerichtet ist, lastet eine viel zu große Bürde auf den Kindern", gibt Iris Hölling zu bedenken. Und auch Anne Dobbs sagt, das Nein hätte ihr nichts genützt: "Der Täter war mir doch vertraut, ich habe damals nicht gewusst, wozu ich nein hätte sagen sollen."

Zwölf Jahre nach Beginn des Missbrauchs, vier Jahre, nachdem Anne Dobbs Anzeige erstattet hatte, waren die Verhandlungen beendet. Der "Onkel" wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen, der Vater ihrer Freundin bekam eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten. Für Anne Dobbs ist es eine symbolische Strafe: drei Jahre und neun Monate für eine zerstörte Kindheit.

Nach dem Prozess und nach dem Abitur wollte Anne Dobbs ein neues Leben beginnen. Sie ist nach München gezogen, zu ihrem Chat-Freund von damals, der auch im wahren Leben zu ihrem Freund wurde. Sie sagt, dass sie heute auch ein gutes Verhältnis zu ihrer Familie hat: "Wir arrangieren uns und versuchen uns zu verstehen". Aber sie weiß auch, dass die acht Jahre Missbrauch sie immer begleiten werden. "Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass es irgendwann aufhört."