Interview

"Liebe im Büro braucht Disziplin"

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Eine Beziehung bei der Arbeit, ein Flirt auf der Weihnachtsfeier: Das kann Probleme geben. Eine Psychologin erklärt, wie man sie lösen kann

Umfragen zeigen: Jede dritte Ehe in Deutschland bahnt sich bei der Arbeit an. Doch so schön es ist, die Liebste beziehungsweise den Liebsten viel um sich zu haben - eine Job-Liebe birgt auch ganz spezielle Probleme. Wie man damit umgehen kann und wie tragfähig die Liebe am Arbeitsplatz ist, darüber sprach Beatrix Fricke mit der Diplom-Psychologin und Buchautorin Berit Brockhausen ("Warum machst Du mich nicht glücklich?).

Berliner Morgenpost: Warum ist der Arbeitsplatz so ein guter Heiratsmarkt?

Berit Brockhausen: Ich finde das naheliegend. Wir verbringen so viele Stunden bei der Arbeit, dass die Kraft und die Möglichkeiten, in der Freizeit einen Partner kennenzulernen, begrenzt sind. Außerdem kann man am Arbeitsplatz den potenziellen Lebensgefährten unter lebensechten Bedingungen beobachten, quasi "in freier Wildbahn".

Berliner Morgenpost: Wie meinen Sie das?

Berit Brockhausen: Man kann in Ruhe abchecken, wie der Mensch in bestimmten Situationen reagiert, zum Beispiel unter Belastung, oder wie er mit Kollegen umgeht. Das liefert Aufschluss darüber, ob man sich den Mann etwa als Vater vorstellen kann. Der Job ist wie eine Art Alltagstest. Welche Frau mag es schon, wenn der Mann zwar viel Charme versprüht, sich aber regelmäßig in Rumpelstilzchen verwandelt?

Berliner Morgenpost: Angenommen, es hat gefunkt und aus dem Flirt im Job ist eine Beziehung geworden. Kehren sich die Vorteile dann nicht in Nachteile um? Große Nähe kann ja langfristig auch zur Belastung werden.

Berit Brockhausen: In der Tat haben es Paare, die zusammen arbeiten, nicht einfach. Täglich müssen sie den Rollenwechsel vom Liebenden zum Kollegen vollziehen. Und wenn Kinder da sind, kommt ja auch noch die Elternrolle hinzu. Das braucht viel Disziplin. Gerade, wenn es privat Stress gibt, ist es schwierig, im Beruf auf die Sachebene zu wechseln. Aber auch andersherum. Ich hatte einmal zwei Sozialarbeiter in meiner Praxis, die gemeinsam in einer Einrichtung arbeiteten. Die Klienten waren problematisch, die Kollegen anstrengend und der Chef eine Katastrophe. Die beiden redeten sich auch in der Freizeit ständig den Stress von der Seele. Doch irgendwann entlastete das beide nicht mehr, sondern machte die Situation nur noch schlimmer.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie den beiden geraten?

Berit Brockhausen: Ich habe ihnen empfohlen, zwischen Job und Privatleben eine deutlichere Grenze zu ziehen. Sie durften sich auch privat weiter über den Beruf austauschen, aber nur zu festen Zeiten. Man kann auch die Regel aufstellen, dass nur an einem bestimmten Ort über den Job geredet wird, nach dem Motto: "Klienten gehören an den Küchentisch, aber nicht ins Bett." Im Übrigen gibt es immer die Möglichkeit zu sagen: Stopp, mir reicht es jetzt. Paare können individuelle Stopp-Signale vereinbaren, bei deren Überschreitung z.B. ein Euro in eine gemeinsame Kasse gesteckt werden muss.

Berliner Morgenpost: Besonders schwierig ist es bestimmt, wenn aus Chefs und Untergebenen Liebespaare werden, oder?

Berit Brockhausen: Auf jeden Fall. Da müssen die Liebenden besonders klar sein. Solche Paare können Rituale einführen, die verdeutlichen: Ab jetzt hat der Chef Pause. Etwa eine gemeinsame Tasse Tee nach Feierabend. Es ist ganz wichtig, dass die Rollenverteilung nicht ins Privatleben übergeht. Denn auch wenn der Manager vielleicht eine bewundernde Frau gesucht und diese in der Sekretärin gefunden hat: Es braucht immer auch die Ebene der gleichberechtigten Partnerschaft. Zum Beispiel in der Sexualität. Wenn die Frau immer die Untergebene bleibt, fühlt sie sich irgendwann nicht mehr ernst genommen. Und der Mann wird auf Dauer vermissen, dass sich die Frau nie selbstbewusst und voller Begehren zeigt. Das wird ihn traurig stimmen.

Berliner Morgenpost: Was macht man denn, wenn es im Beruf vorprogrammierte Interessenkonflikte gibt? Etwa weil der eine die Events finanzieren muss, die der andere organisiert?

Berit Brockhausen: Das ist natürlich keine gute Kombination - gerade auch, was die Rechtfertigung gegenüber den Kollegen betrifft. Paare in solchen Situationen neigen dazu, ihre Beziehung geheim zu halten. Aber damit zahlen sie einen hohen Preis. Es ist doch gruselig, seine Verliebtheit verstecken zu müssen. Und das Risiko ist auch sehr hoch: Die Geheimhaltung ist wie eine tickende Zeitbombe. Kurzfristig kann Geheimhaltung eine gute Option sein, aber langfristig würde ich immer offensiv über die Sache sprechen. Aber das ist natürlich auch typbedingt.

Berliner Morgenpost: Was sagen denn Chefs heutzutage grundsätzlich zur Liebe im Job? Es ist ja nur ein paar Jahrzehnte her, da mussten Arbeitnehmer teilweise unterschreiben, keine Beziehungen am Arbeitsplatz zu führen - vor allem nicht mit Untergebenen.

Berit Brockhausen: Da hat sich gesellschaftlich doch einiges geändert. Heute traut man den Menschen schon zu, dass sie die Trennung zwischen Beruf und Privatleben eigenständig geregelt bekommen. Man kann ja auch die Liebe gar nicht verhindern - erst recht nicht mit Ausschlussklauseln. Alle Beteiligten müssen aber schon damit rechnen, dass eine Partnerschaft ein Team ganz schön durcheinander bringen kann. Womöglich wird eine Umstrukturierung nötig. Und wer sich in den Chef verliebt, muss wissen, dass es im Job einsam um ihn werden kann. Die Kollegen werden nicht mehr alles erzählen, womöglich gibt es auch Neid. Und auch man selbst muss aufpassen, was man tut und sagt.

Berliner Morgenpost: Unterschiedliche Firmen, gleicher Beruf, zum Beispiel Arzt: Ist das eher positiv oder negativ für die Beziehung?

Berit Brockhausen: Da sehe ich keine Unterschiede. Solche Partnerschaften sind nicht mehr oder weniger tragfähig als andere Beziehungen. Ich rate allen Paaren, die beruflich eng verwoben sind, genau zu schauen, was sie wollen. Soll das Zuhause eine arbeitsfreie Zone sein? Oder empfinde ich es als bereichernd, mich auch viel über den Job auszutauschen? Es gilt, eine Sensibilität für Grenzen und ein ausgeprägtes Rollenbewusstsein zu entwickeln. Der Privatmensch darf nie verloren gehen. Entspannung ist sehr wichtig.

Berliner Morgenpost: Beginnen viele Probleme oft nicht auch genau dann, wenn die Liebe aus ist? Muss man dann gleich den Job kündigen oder die Abteilung wechseln?

Berit Brockhausen: Oh ja, dann wird es noch mal richtig schwierig. Ich persönlich halte es nicht für eine gute Idee, weiter zusammen zu arbeiten, zumindest nicht in der Trennungsphase. Ich hatte mal einen Fall, da war der neue Liebhaber der Frau der Kollege des Mannes. Täglich saßen sie sich in einem Büro gegenüber. Das ist natürlich der Horror. Das muss man entzerren - räumlich und zeitlich.

Berliner Morgenpost: Wie sollten denn Kollegen mit einem Paar in der Abteilung umgehen?

Berit Brockhausen: Ich würde ganz offen und sachlich ansprechen, wenn sich Probleme ergeben. Etwa wenn ich den Eindruck habe, dass sich die Partner gegenseitig Dinge zuschieben oder so intensiv turteln, dass dies die Arbeit beeinträchtigt. Die beiden können sich ja lieben, so sehr sie wollen. Aber die Arbeit sollte nicht vernachlässigt werden.

Berliner Morgenpost: Die Saison der Weihnachtsfeiern naht. Was, wenn sich dort eine Affäre mit dem Kollegen oder der Kollegin ergibt?

Berit Brockhausen: Hier ist es das Beste, zu der Affäre zu stehen, aber am nächsten Tag wieder auf die Kollegenebene zu wechseln und die Affäre sachlich anzusprechen. Wenn sich dabei herausstellt, dass die andere Person mehr erwartet hat, ist womöglich auch eine Entschuldigung fällig. Ich weiß, das klingt alles so einfach und ist doch schwer. Aber auch das Bemühen um Ehrlichkeit kann schon helfen.

Berliner Morgenpost: Um gar nicht erst in Versuchung zu kommen: Welche anderen aussichtsreichen Orte gibt es noch für die Partnersuche - abseits des Arbeitsplatzes?

Berit Brockhausen: Internetkontakte nehmen deutlich zu und sind oft erfolgreich - zumindest nicht weniger erfolgreich als eine klassische Beziehungsanbahnung. Vor allem bei jüngeren Menschen ergibt sich auch oft etwas im Freundeskreis. Und natürlich kann man über gemeinsame Hobbies ganz hervorragend einen Partner kennenlernen. Dabei sollten die Männer allerdings kein männerspezifisches und die Frauen kein frauentypisches Hobby wählen. In einem Strickkreis lerne ich wohl kaum einen Mann kennen. Eher schon bei dem Volkshochschulkurs "Bildbearbeitung für Fortgeschrittene".