Familienpolitik

Warten aufs Wunschkind

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder will künstliche Befruchtung bezuschussen. Eine Mutter erzählt ihre eigenen Erfahrungen

Foto: Privat

Ich wollte schon immer Kinder - am liebsten eigentlich drei. Aber das war leider nicht so einfach, wie es eigentlich sein sollte. Meine erste Schwangerschaft passierte durch viel Glück. Ich war 27 Jahre alt und bekam ein gesundes kleines Mädchen. Doch die Beziehung scheiterte. Eine Weile später lernte ich die Liebe meines Lebens kennen. Jörg wurde zu einem wunderbaren Vater für meine Tochter Olivia. Wir heirateten nach drei Jahren und wünschten uns nichts sehnlichster als unsere kleine Familie mit einem weiteren Kind zu komplettieren. Doch ich wurde einfach nicht schwanger. Nach mehreren Jahren des vergeblichen Versuches sahen wir uns nur noch einer Möglichkeit gegenüber: Nämlich, mit Hilfe von Ärzten der Sache auf den Grund zu gehen, weshalb uns kein Nachwuchs vergönnt war. Damit begann eine höchst aufregende Zeit.

Die erste Überraschung war nach einer Bauchspiegelung die Feststellung, dass ich, die ja bereits Mutter war, offensichtlich die "Schuld" trug. Beide Eileiter zeigten sich als verschlossen. So hätte ich nie schwanger werden können. Ich war geschockt, doch mit diesem neuen Wissen fiel mir auch ein kleiner Stein vom Herzen, denn es ersparte uns weiteres vergebliches Warten. Uns musste und konnte hier geholfen werden - die Ursache war klar, die Diagnose stand. Alles was uns die freundlichen Ärzte des Praxisteams dazu erklärten schien logisch und glasklar. Ganz einfach alles, so dachten wir.

Endlose Monate

Wir bekamen Infobroschüren zu diesem Thema mit nach Hause und ich verschlang sie regelrecht. Natürlich konnte ich es kaum erwarten, dass es endlich los ging. Eine Zeit voller Emotionen. Es gab Tiefschläge und Höhenflüge und das im Wechsel. Der erste Versuch ging völlig daneben. Es fand in der Petrischale keine Befruchtung statt. Dank unserer starken Liebe und eines tollen Ärzteteams durchstanden wir eine Reihe scheinbar endloser Monate. Das Schlimmste an dieser Zeit war die Unsicherheit: Wie würde das Ganze ausgehen? Im Freundeskreis und in Internetforen zum Thema "Wunschkind" fand ich viele Gleichgesinnte, mit denen ich mich austauschen konnte. Daraus schöpfte ich Kraft und Mut für den nächsten Versuch. Nach dem ersten kam der zweite, dann noch ein dritter. Die Ärzte versuchten alles, was in ihrer Macht stand. Der Rest lag an mir und an meinem Körper. Würde ich endlich schwanger werden?

Fragen und Zweifel wurden zu einem ständigen Begleiter. Die Hormone ließen meinen Gefühlshaushalt durcheinander wirbeln und geweint habe ich in dieser Zeit so viel, wie nie zuvor. Mein Tagebuch war zum wesentlichen Bestandteil des Alltags geworden und oftmals schrieb ich nur, um meine Gedanken und Gefühle besser einordnen zu können. Zum Beispiel, als ich die Nachricht bekam, dass eine liebe Freundin schwanger ist. Natürlich freute ich mich mit Ive am Telefon sehr und jubele aus tiefsten Herzen. Als ich den Hörer weglegte, rannte ich sofort ins Schlafzimmer und warf mich aufs Bett, um dort zu weinen. Warum müssen wir so kämpfen?

Trotz dieses kurzen Einbruches verloren wir das Ziel nicht aus den Augen. Unsere Hoffnung auf die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) war riesengroß. Es ist eine Methode der künstlichen Befruchtung, bei der die Samenzelle direkt in das Zytoplasma einer Eizelle eingespritzt wird. Sie wird meistens angewandt, wenn vorangegangene In-vitro-Fertilisations-Versuche erfolglos geblieben sind. Unser Erbgut sollte zusammengebracht werden, ob es wollte oder nicht. Doch wieder nagten Gewissensbisse: Vielleicht ist es ja von Gott so nicht vorhergesehen? Vielleicht passt unsere "Erbmasse" nicht zueinander und darf nicht mit fremder Hilfe verbunden werden? Machen wir einen großen Fehler? Straft man uns dafür - ich wage kaum den Gedanken zu Ende zu denken - mit einem behinderten Kind?

Blaue Flecken am Nabel

Unser Zuhause wurde zu einer Art Krankenhaus. Ich bekam zur Stimulation Hormonspritzen. Wir haben ein "Spritz-Ritual" entwickelt. Olivia wurde zu meiner persönlichen Krankenschwester ernannt und durfte morgens mit dem Alkoholtupfer die Injektionsstelle desinfizieren. Mein Mann setzte dann die Spritze, anfangs blieben immer kleine blaue Hämatome rund um den Nabel.

Endlich fand die erste Ultraschalluntersuchungstatt. Ich war unheimlich gespannt. "Also Frau Franke", sagte die nette junge Ärztin, "da sind vier bis fünf Follikel, die ich auf jeder Seite erkennen kann. Für diesen frühen Zeitpunkt ist das ein sehr gutes Ergebnis." Ich lächelte sie hoffnungsvoll an, wagte aber nicht, mir zu viel zu erhoffen. Vielleicht wachsen sie ja wieder nicht gleichmäßig heran und dann kann nur ein Teil davon punktiert werden.

Ich fühlte mich gut - bis ich am nächsten Tag feststellen musste, dass ich bei jedem Toilettengang kleine Blutflöckchen im Urin hatte. Das konnte kein gutes Zeichen sein. Verzweifelt rief ich meinen Mann an. Der beruhigte mich. "Warte es doch erst einmal ab", sagt er, "wenn es stärker wird, musst du eben morgen früh mal in die Praxis fahren. Aber das glaube ich nicht." Ich hoffte inständig, er würde mit seiner Vermutung recht haben.

Ich setzte mich erst einmal auf die Küchenbank, trank einen Cappuccino und versuchte, mich zu beruhigen. Aber es ist schwer, die unschönen Gedanken ganz wegzuschieben. Was, wenn der Versuch aufgrund der Blutung abgebrochen werden muss? Ich lief ins Nachbarhaus, meine Eltern wohnten dort, und meine Mutti hatte einen freien Tag. Sie äußerte sich ähnlich wie Jörg und riet mir abzuwarten. Sie schlug vor, meinen Neffen in den Kinderwagen zu packen und gemeinsam Olivia aus dem Kindergarten abzuholen. Ihr Vorschlag freute mich, es tat mir gut mit ihr zu reden, zu laufen und einfach ein bissen abgelenkt zu sein.

Und es hat mich auch gestärkt, denn ich musste schon kurz darauf mit einer schlechten Nachricht klarkommen. Es hatte wieder nicht geklappt. Auch bei diesem zweiten Versuch, der so gut angefangen hatte, sollten wir also kein Glück haben. Mein Körper nahm die Embryonen einfach nicht an. Ich war niedergeschlagen, entmutigt. Und wir gönnten uns eine kleine Auszeit, machten gemeinsam Urlaub, um uns ein bisschen zu erholen. Dann wollten wir, so unser Plan, gestärkt den dritten Versuch angehen.

Der Tag der Wahrheit begann mit einem Termin um 8.30 Uhr in der Kinderwunschpraxis. Ich fühlte mich ganz normal, von einer Schwangerschaft spürte ich nichts. Ich war sehr aufgeregt. Das Ultraschallbild gab Grund zur Hoffnung, die Ärztin ordnete einen Bluttest an. Um 13.05 Uhr bekam ich das Ergebnis: schwanger! Olivia, Jörg und ich konnten es nach all den Mühen kaum fassen. Und als wir dann neun Monate später unsere Annelie endlich im Arm halten duften, waren alle vorangegangenen Sorgen längst vergessen. Mittlerweile ist unsere Tochter ein fast siebenjähriges Schulkind. Und noch heute sind wir voller Dankbarkeit gegenüber den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin. Wir würden diesen Weg immer wieder gehen. Auch deshalb habe ich unsere Geschichte aufgeschrieben, um all denen Mut zu machen, die sich ein Kind wünschen.

Susann Franke: Annelie. Eine Kinderwunschgeschichte, Noel Verlag, 14,90 Euro.