Adventskalender

Die Fenster zur Vorfreude

Es gibt sie für Hertha-Fans und Abenteurer, Heimwerker und Haustiere: Adventskalender haben inzwischen alle Hobby- und Lebensstil-Nischen erobert. Ihr Sinn ist immer gleich: die Wartezeit auf Weihnachten verkürzen

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Mit Weihnachten kann gar nichts schiefgehen. Anders als Hochzeitstage vergisst man das Weihnachtsfest ganz sicher nicht, man kann es kaum erwarten. Weihnachten geht alle an, alle machen mit, das gemeinsame Gedächtnis hilft. Und wenn nicht, dann erledigt das die Umgebung: Straßenbilder verändern sich, Fenster sind geschmückt, Balkone, Bäume, alles, worum sich etwas wickeln oder binden lässt, muss für die Vorfreude herhalten. Es glitzert und leuchtet freudig und verheißt.

Damit der Heiligabend aber auch auf gar keinen Fall unbemerkt vorübergeht, gibt es ihn: den Adventskalender. Wenn das letzte Türchen geöffnet ist, ist Weihnachten.

Den Erwachsenen hilft der Kalender beim Zählen und beim Erinnern: Hab ich schon die Karte an Tante Frieda geschrieben? Ist die Gans bestellt und der Wein? Hab ich denn schon ein Geschenk für die Schwiegermutter? Ach, schon wieder ein Tag vorbei - und immer noch nicht alles erledigt. Wie die Zeit rennt. Jeden Tag ein Türchen, jeder Tag eine Etappe, jeder Tag Endspurt. Der Adventskalender zählt runter von 24 auf null.

Wir könnten uns ein Beispiel an den Kindern nehmen. Die Weihnachten entgegenfiebern, die jeden Abend fragen: Papi, Mami, wie oft müssen wir noch schlafen, bis endlich Heiligabend ist? Es sollte auch für uns ganz anders sein: Verlangsamen sollten wir, entschleunigen, Tempo rausnehmen, Sorgen auch. Machen wir das Rennen doch einfach mal eine Weile nicht mit. Wie wäre es, zu genießen, was die Weihnachtszeit uns bringen kann? Nähe, Ruhe, Resturlaub und natürlich die leuchtenden Kinderaugen - alles gratis, alles ohne Hetze.

Familie Simpson mit Schokofüllung

Was also, wenn wir den Adventskalender anders nutzen, so nämlich, wie er gedacht ist: zum Warten? Wie wartet man eigentlich richtig, wie am besten?

Weil Schokolade dem einen das Warten überhaupt nicht versüßt, Bilder vom Lieblingspopstar aber durchaus, haben sich unendliche Marktlücken für den Adventskalender aufgetan. Warten ist für alle da: Für den Hertha-Fan genauso wie für den Werder-Bremen- oder den Schalke-Anhänger, denn nahezu alle Fußballklubs bieten auf ihren Webseiten Weihnachtskalender zum Kauf. Prinzessin Lillifee macht auch vor der Adventszeit nicht Halt; wem ihr Schmuckkalender gar zu rosa ist, der kann sich einen anderen, ganz und gar gefüllt mit dunkler Bitterschokolade, aus dem Drogeriemarkt holen.

Die ersten Adventskalender der Geschichte kannten natürlich keine Schokolade. Sie entstanden im 19. Jahrhundert, manchmal nur in Form von Kreidestrichen, die an Wände oder Türen gemalt wurden und jeden Tag von den Kindern ausgestrichen werden durften. Man kannte auch den Brauch, jeden Tag ein Bild an der Wand anzubringen, jeden Tag einen Strohhalm in die Weihnachtskrippe zu legen, um zu Weihnachten dem Christuskind eine gemütliche Schlafstätte zu bieten. Dann wiederum wurde jeden Tag eine weitere Kerze entzündet oder - vor allem in Zeiten des Mangels während der Kriege - einzelne Adventskerzen verwendet, die jeden Tag ein Stück weiter abgebrannt wurden.

Heute hat der Adventsmarkt einiges mehr zu bieten. Legos Star-Wars-Weihnachtskalender ist bereits ausverkauft, Match Attaxxs ist noch zu haben. Und legendär, deshalb auch zur Weihnachtszeit unverzichtbar, ist natürlich für alle Altersgruppen der Adventskalender der Drei Fragezeichen ???. Justus, Bob und Peter sorgen für Spannung und Entspannung auf einer Geisterinsel. Natürlich muss im Advent auch niemand auf die ziemlich unheilige Familie Simpson verzichten, mit oder ohne Schokoladenfüllung.

Was denn? Die Adventszeit wird ausgehöhlt? Das christliche Fest in den Schmutz gezogen? Blasphemie? Sind wir denn nicht - gleich wie oder was wir glauben - die Nachkommen der Christen vor 2000 Jahren? Haben wir uns nicht aus denen zu dem entwickelt, was wir heute sind, ist es nicht einfach die Fortführung des gleichen Gedankens mit anderen Mitteln? Ist denn Vergnügen unweihnachtlich?

Der große Schweizer Schriftsteller und Pfarrersohn Ludwig Hohl schrieb: "Das Gute am Komischen ist, dass es uns lachen macht: Das Lachen säubert den Zustand für den Ernst." Es geht ja auch gar nicht um den schnöden Mammon. Nicht um Kohle und Kommerz, auch wenn Umsatz ein Nebeneffekt der Kalendervielfalt ist. Sehen wir es positiv: Jeder findet, was ihm am meisten Freude und Vorfreude bereitet, findet etwas für ihn Besonderes. Auch das gehört zu Weihnachten. Natürlich kann man den Kopf schütteln über all das Blinken und sich fragen, was der "Krieg der Sterne" mit dem Stern von Bethlehem zu tun hat, dem die Heiligen Drei Könige folgten, um bei der Geburt des Jesus-Kindes im Stall dabei zu sein. Aber warum sollte man?

Sind wir denn nicht so frei, uns über das zu freuen, was uns gefällt, und dem anderen das andere zu gönnen? Sollen sich Achtjährige denn unbedingt über die historischen Adventskalender hermachen, aus den 40er- und 50er-Jahren, noch ganz liebevoll bemalt und meistens in Gestalt einer silbrig besprühten kleinen Stadt mit Schaufenstern zum Öffnen? Müssen unsere Groß- und Urgroßmütter Homer Simpsons Schokolade essen, um glücklich zu sein und um andere glücklich zu machen? Sicherlich nicht. Und schon gar nicht zu Weihnachten.

Auch das Internet nutzt seine Chancen. Wer zum Beispiel den "Advent Calendar" auf der Jacquie-Lawson-Website erworben hat und darauf staunend den fein gezeichneten Charakteren und Tieren, den Zuckerbäckern und Schlittenfahrten zusieht, ist eingestimmt auf die Wunder der Weihnacht. Auch dieser Kalender ist übrigens handgemacht.

In Bastelbüchern, Zeitschriften und auch im Internet finden sich zum Glück außerdem viele Anleitungen, Adventskalender selbst zu basteln. Dabei helfen die Fantasie und Heimwerkermärkte. Weihnachtszeit ist nämlich traditionell Bastelzeit - auch das ist Teil des Wartens, weil es verlangsamt, Tempo rausnimmt, besonders ist und vom Alltag ablenkt. Da werden ganz persönliche Fotokalender hergestellt, Kekskalender, Bilder werden gemalt. Oder einfach Kleinigkeiten gekauft, die dann hübsch verpackt und liebevoll aufgereiht den Adressaten beglücken.

Kalender schenkt man seltsamerweise immer anderen. Den Kindern, dem Partner, Freunden, vielleicht den Eltern. Manchmal sogar dem Haustier - es gibt Adventskalender für Katzen, Hunde, Nager und Pferde (laut Werbung "gefüllt mit leckeren und gesunden Kausnacks").

Aber wie wäre es, wenn wir uns selbst dieses Jahr einen schenken? Einen, der uns beim Warten hilft und uns einstimmt? Wie wär's, wenn wir uns an jedem der 24 Dezembertage schon etwas Weihnachtliches gönnen? Etwas Wohltuendes vornehmen? Vielleicht einen schönen Spaziergang im Grunewald. Einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Orte voller Duft. Eine enorm entspannende Massage. Einen Besuch bei den Enkeln, oder auch: mal keinen Besuch bei den Enkeln. Einen Urlaubstag. Einen Kinderkeksebacktag. Einmal Getränke liefern lassen. Eine weinselige Nacht. Ein Besuch im Pergamon Museum mit dem spektakulären Panorama der antiken Stadt. Oder wieder einmal auf der Spree schippern. Vielleicht aufs Land fahren und in einem gemütlichen Gasthof beim Gänsebraten die Zeit vergessen.

Ein Türchen im Kalender führt vielleicht zur Ausstellung "Bilderbuch des Berliner Lebens - Der Maler Hans Baluschek", die am 1. Dezember im Bröhan-Museum beginnt. Und wieder eins einfach nirgendwohin: Tür zu, Beine hoch, ein Pott Tee in die eine und ein gutes Buch in die andere Hand nehmen. Und wenn man da so wartet, wie es einem eben gefällt, dann könnte man fast traurig sein, wenn endlich Weihnachten ist.

"Es muss im Advent auch keiner auf die ziemlich unheilige Familie Simpson verzichten, mit oder ohne Schoko-Füllung."