Interview: Autorin Inka Schmeling

"Kinder haben nichts von Märtyrereltern"

Autorin Inka Schmeling rät allen Müttern und Vätern in ihrem Buch "Erziehungsquatsch", die eigenen Bedürfnisse im Blick zu behalten

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Gene, Namenswahl, Stillen, Kita, TV-Konsum: Es gilt viel zu beachten, will man sein Kind auf den richtigen Weg bringen. Ob Eltern tatsächlich so viel falsch machen können, wie ihnen häufig suggeriert wird, analysiert Inka Schmeling in ihrem Buch "Erziehungsquatsch. Worauf Eltern Einfluss haben - und worauf nicht" (Heyne Verlag, 12,99 Euro). Mit der 32-jährigen Journalistin, die im März 2012 ihr zweites Kind erwartet, sprach Alexandra Maschewski.

Berliner Morgenpost: Bücher über Kindererziehung gibt es viele. Was war der Anlass für Sie, sich dem Thema zu widmen?

Inka Schmeling: Ich schlug morgens die Zeitung auf und sah einen Artikel, in dem es darum ging, was man in der Schwangerschaft darf und was nicht. Wahrscheinlich wieder irgendetwas mit Rohmilchkäse. Auch ich habe mich in meiner ersten Schwangerschaft davon verunsichern lassen. Das hat mich später geärgert. Bei der Recherche für mein Buch habe ich die Arbeiten vieler Experten gelesen, die oft sehr gegensätzlicher Meinung sind. Herausgekommen ist die Zusammenfassung ihrer Streitpunkte, quasi die Essenz. Das erspart Müttern eine Menge Arbeit.

Berliner Morgenpost: Sie schreiben, dass Mütter es noch nie so schwer hatten wie heute. Warum?

Inka Schmeling: Natürlich hatten es auch unsere Mütter nicht immer leicht, meine war zum Beispiel alleinerziehend und berufstätig. Ich glaube aber, dass wir es uns heutzutage selbst schwer machen, weil wir zu perfektionistisch sind. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir immer später und immer weniger Kinder bekommen. Natürlich haben wir Einfluss auf unseren Nachwuchs, aber wir überdrehen es.

Berliner Morgenpost: Sie schreiben von einem permanenten schlechten Gewissen.

Inka Schmeling: Es gibt allerlei harte Kommentare gegenüber Müttern, manchmal wird ganz schön auf uns eingedroschen. Interessanterweise sind es oft andere Frauen, die über ihresgleichen urteilen. Beispiel Kinderbetreuung: Unser Sohn war mit vier Monaten vier Vormittage pro Woche bei einer Tagesmutter. Anstatt zu sagen: "Wie kannst Du nur?", kommt dann so etwas wie: "Also ICH habe das erste Jahr mit meinem Kind sehr genossen." Kommentare gab es auch, als wir recht früh mit Nepomuk verreist sind. Letztlich wollen alle ihren eigenen Lebensentwurf verteidigen. Ein typisches Mütterthema übrigens. Väter sind da um einiges entspannter.

Berliner Morgenpost: Wie sehen Sie die Rolle der Väter? Nehmen sie heutzutage mehr Einfluss auf das Leben ihrer Kinder?

Inka Schmeling: Wenn ich mein Umfeld betrachte, ist es definitiv so. In unserer Krippengruppe gab es kein einziges Kind, das nicht regelmäßig auch vom Vater abgeholt wurde. Das heißt, dass jeder dieser Väter seine Arbeitszeit reduziert hat. Und diese Väter haben auch kein Problem damit, einmal ein Wochenende aufzupassen, wenn die Mutter etwas unternehmen möchte.

Berliner Morgenpost: Es gibt so viele Faktoren, die die Entwicklung eines Kindes - vermeintlich - beeinflussen. Das bekommt Frau schnell zu spüren - schon in der Schwangerschaft.

Inka Schmeling: Als ich selbst schwanger wurde, waren es nicht die Regeln, sondern die Kommentare, die mich verunsichert haben. Auf einmal denken Außenstehende, dass sie sich einmischen dürfen. Etwa die Frau vom Zeitungskiosk, die einem sagt, dass man im sechsten Monat nicht mehr aufs Rad zu steigen hat. Jetzt in der zweiten Schwangerschaft sehe ich vieles entspannter.

Berliner Morgenpost: Und was halten Sie von dem Streit darum, ob eine natürliche Geburt wirklich in jedem Fall einem Kaiserschnitt vorgezogen werden sollte?

Inka Schmeling: Ich finde diesen Streit zwischen Hebammen und Ärzten albern. Anscheinend geht es dabei auch um Berufsverteidigung. Trotzdem: Nach meinem Kaiserschnitt war ich auch ein bisschen neidisch, wenn ich von "schönen" natürlichen Geburten gehört habe, das hat mich selbst geärgert. Ich habe jedoch nicht das Gefühl, dass mein Sohn psychische Probleme davongetragen hat, und am Ende geht es doch darum, dass es allen gut geht. Genauso wie beim Thema Stillen, da sind viele wahnsinnig verbohrt. Erst hieß es, das Kind sei sechs Monate voll zu stillen. Jetzt sind es nur noch vier. Wir Frauen haben alle Möglichkeiten. Und die Kinder fallen nicht gleich tot um, wenn sie einmal ein Fläschchen bekommen.

Berliner Morgenpost: Ernährung bleibt auch später ein heiß diskutiertes Thema...

Inka Schmeling: Kinder bringen einem wahnsinnig viel bei. Unser Sohn hat sich einfach irgendwann für andere Nahrung interessiert und sehr viel Hunger gehabt. Wir sollten manchmal mehr auf die Kinder und weniger auf die Experten hören.

Berliner Morgenpost: In Ihrem Buch ist zu lesen, dass Erziehung Einfluss auf das Verhalten, nicht aber auf den Charakter hat.

Inka Schmeling: Wir können einem Kind beibringen, brav "Guten Tag" zu sagen, aber nicht, ob es ihm leicht oder schwer fällt. Das hängt davon ab, ob es eher intro- oder extrovertiert ist. Wie viel eigene Persönlichkeit ein Kind schon mit auf die Welt bringt, sieht man ja bereits bei Babys.

Berliner Morgenpost: Wie stark müssen Eltern für das Wohl Ihrer Kinder zurückstecken? Nehmen wir die Wahl des Wohnortes.

Inka Schmeling: Anders als andere Eltern wollen mein Mann und ich auch mit Kindern in der Stadt wohnen bleiben. Wenn wir in der Vorstadt wohnen würden, dann wären wir nicht glücklich. Für unseren Sohn macht das einen geringeren Unterschied als für uns. Wer will, kann auch in der Stadt dörfliche Strukturen finden. Wir haben jetzt zum Beispiel auch einen Schrebergarten. Natürlich verändern wir unser Leben für unsere Kinder, um sie so viel wie möglich einzubeziehen. Aber Kinder haben absolut nichts von Märtyrereltern. Und wie sagt der dänische Familientherapeut Jesper Juul so schön: Der Kinderstuhl ist nicht der Thron.

Berliner Morgenpost: Was ist also der ideale Weg?

Inka Schmeling: Manchmal muss man sich auch als Mutter und Vater etwas rausnehmen. Zum Beispiel einen Babysitter bestellen, um ins Kino zu gehen, wenn einem danach ist. Man soll doch die Freude behalten und nicht ständig überlegen, was man aufgeben musste. Wir tun ohnehin wahnsinnig viel für unsere Kinder. Deswegen empfinde ich auch die Experten als angenehm, denen es wichtig ist, dass beide Seiten glücklich sind: Kinder und Eltern.