Lauschangriff

... unter Frauen

Was passiert eigentlich in einer Männerrunde, über was unterhalten sich Mädels? Wir haben Männern und Frauen zwischen 29 und 37 an einem Abend in Prenzlauer Berg zugehört

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Ein Balkon in Prenzlauer Berg. Es wird geraucht. Anwesend sind Franziska (31), Sprachwissenschaftlerin, Conny (37), Juristin, Lilly (30), Psychologin, und Annalena (34), Autorin.

Franziska (zupft an Lillys Leggings): Ist das so eine Bodyshape-Leggings, die die Problemzonen wegquetscht?

Lilly: Nee...?

Franziska: Schade, ich such' so eine. Weiß aber nicht, wo es die gibt.

Lilly: Macht die dann die Supersilhouette oder wie?

Franziska: Ja, Bauch weg und so.

Annalena: Gibt's die auch ab Oberschenkel bis Brust - zum Arsch formen?

Lilly: Der Arsch ist nicht mein Problem...

Eine Flasche Rotwein, man kocht Pasta.

Lilly: Franziska, wie läuft's denn im Job? Du wolltest doch mal mit deinem Chef sprechen wegen neuem Vertrag und so...

Franziska: Ach, hör' bloß auf! Das ist total frustrierend. Er hat nie Zeit für ein Gespräch, ich habe ihn schon so oft angesprochen, langsam hab' ich keine Lust mehr...

Lilly: Das ist der falsche Ansatz - du willst ja was von ihm!

Conny (seit kurzem in einer Führungsposition mit Personalverantwortung): Ich kann mir nicht vorstellen, dass das eine absichtliche Vermeidungsstrategie von ihm ist. Auch wenn das vielleicht nicht vergleichbar ist, weil euer Unternehmen riesig und unseres klein ist, aber ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich denke 'Muss das jetzt sein?' Weil ich auch viel zu tun hab'. Ich kann mir vorstellen, dass es sich so einschleichen kann, dass man über das Tagesgeschäft diese Dinge, Mitarbeitergespräche und so weiter, einfach vergisst.

Lilly: Ich glaub', das ist letztendlich wie mit allen Sachen: Wenn ihm das wichtig ist, dann muss er das terminieren.

Franziska: ...und dabei habe ich schon voll vorsichtig angefragt so nach dem Motto "Ich will ja nicht nerven, aber..."

Annalena: Das ist aber typisch Frau, oder? Diese falsche Bescheidenheit... Das gehört ja zu seinem Job, mit dir zu reden! Mädels, ich merk' den Alkohol...

Lilly (kichert): Bist du besoffen?

Annalena (gespielt empört): Ich doch nicht! (Gelächter)

Franziska: Komm, Annalena, hol' die Luftgitarre raus! Drimmdrimm... (tut so, als würde sie Gitarre spielen) Oder, ach nee, die Lufttrompete. Tötöööö!!

Lilly: Spielst du Luftinstrumente, wenn du breit bist? Wusste ich noch gar nicht.

Annalena: Ja, gab mal so 'nen Abend... Franziska: Genau, und dann tanzt sie so (steht auf, wackelt mit dem Hintern)...

Annalena: Ja! Arschtanz!

Franziska lässt die Hüften kreisen.

Annalena (lacht): Wie gemein! Ich weiß, das sieht schlimm aus... aber wenn ich tanze, achte ich ja nicht drauf, ob das gut aussieht oder nicht...

Franziska (setzt sich wieder hin): Mein Freund mag ja gar nicht, wie ich tanze.

Lilly: Nicht? Wie tanzt du denn?

Diesmal springt Annalena auf, rudert mit den Armen, die Lippen zum Kussmund gespitzt. Gekicher, die Musik wird aufgedreht, die nächste Flasche Wein geöffnet. Franziska und Annalena tanzen durch das Wohnzimmer.

Annalena (brüllt gegen die Musik): Ich mag Männer, die tanzen können! Mein Freund tanzt mir manchmal etwas vor - das sieht echt lustig aus...

Lilly: Mich wundert da nichts. Ich hab ihn ja sogar schon mal in Unterwäsche gesehen...Weißt du noch, Annalena? Da hat er sich plötzlich umgezogen, ich wusste gar nicht, wo ich hingucken soll. Also dachte ich: Ich guck' ihm direkt ins Gesicht! Ins Gesicht, Lilly, ins Gesicht...

Franziska, Annalena und Lilly kriegen sich kaum ein vor Lachen.

Conny: Aber das ist doch kein Problem. Männerunterhosen sind doch eigentlich wie Badehosen. In Badehose würde man das ja auch ganz normal finden.

Lilly: Ja klar, aber es war eben keine Badehose. Und ich war ja auch angezogen und nicht im Bikini...

Annalena (lacht): Du hättest dich ja auch ausziehen können!

Lilly: Haha, ja genau. Nee, im Ernst, es ist ja schon komisch, dass man da so einen Unterschied macht: Wenn sich eine Frau oben rum frei machen würde, würde das ja auch niemand als total normal empfinden. Puh, ich fühle mich schon leicht betrunken. Hab' ich einen roten Kopf?

Balkon, Zigaretten.

Annalena: Ich hab' irgendwo gelesen, dass das Brustkrebsrisiko sinkt, wenn man stillt. Warum ist das so?

Conny: Vielleicht, weil Frauen mit Kindern glücklicher sind als Frauen ohne?

Lilly: Naja, das ist ja eine Perspektivfrage. Du sagst Kinder = Glück, andere hätten jetzt vielleicht gesagt Kinder = Stress...

Conny: Ja, klar. Aber Kinder kriegen soll ja für den ganzen Körper gesund sein. Manche chronischen Krankheiten zum Beispiel können sich bessern.

Lilly (seit längerer Zeit Single): Das ist echt krass, wie wenig wir von unserem Körper wissen. Freundinnen mit Kindern sage ich immer: Bitte keine Details zu Schwangerschaft oder Geburt, das ist nichts, was mich aktuell interessiert.

Conny: Ich will's auch nicht mehr hören. Ich habe das Thema für mich abgehakt.

Annalena: Ja, hast du?

Conny: Naja, wenn nicht unbedingt ein Wunder geschieht.... Ich werd' bald 38! Ich hab's probiert und es hat nicht geklappt.

Annalena: Für mich war es immer selbstverständlich, dass ich Kinder kriege. Und schwuppdiwupp bin ich Mitte 30. Obwohl ich in einer glücklichen Beziehung bin, in der ich mir Kinder vorstellen kann, ist da auf einmal dieses Gefühl: Eigentlich ist doch alles schön so wie es ist. Ohne Kinder, als Paar. Ich hab' das Gefühl, man muss sich als Frau irgendwann ganz bewusst dafür entscheiden. Sonst verpasst man den Zeitpunkt und dann geht's nicht mehr.

Conny: Es ist schlimm, dass wir Frauen alle irgendwann in so einer Situation sind. Wie oft denke ich jetzt zurück... Ich habe in meinem Leben einige Schwangerschaftstests gemacht und war jedes Mal erleichtert, wenn er negativ war. Was soll ich sagen... jetzt hab ich meine Chance verpasst.

Annalena: Ich weiß nicht, ob man das so sehen darf. Dinge passieren - oder eben nicht. Man sollte nicht zurückblicken und bereuen.

Conny: Wenn du es nicht mehr kannst, dann denkst du das aber so. Ich wollte auch immer Kinder haben. Mein Freund ist halt ein bisschen jünger, war noch mitten im Studium, als wir uns kennengelernt haben - da ist das ja kein Thema. Job, Karriere, tolle Reisen...alles schön und gut. Aber für mich sind da viele verpasste Gelegenheiten, die mir durch den Kopf gehen. Jetzt bleibt mir nur die Frage: Warum? Warum hat's nicht geklappt?

Annalena: Das kann uns anderen auch noch so gehen. Wir haben es ja noch nicht mal versucht.

Conny: Ich sag' ja auch nicht, dass ihr es jetzt alle sofort tun solltet. Ich denke eben nur, ich hatte so lange Zeit und habe sie nicht genutzt... und jetzt ist es wahrscheinlich zu spät.

Lilly: Diese Frage 'Geht das noch im Leben oder nicht?' - Ich weiß nicht, ob Männer sich die auch stellen müssen, bevor sie 50, 60 sind. Das ist doch unfair! Aber als Frau Mitte 30 stellst du sie dir. Da wird das Leben gleich so endlich. Früher dachte ich, so wehmütige Gedanken machen sich nur alte Leute: 'Ich hätte doch studieren sollen' oder 'Warum hab ich damals diese Reise mit dem Motorrad nicht gemacht?' Ich zum Beispiel finde es total verschenkt, dass ich ausgerechnet im Alter zwischen Mitte 20 und Anfang 30 Single bin. Das hätte ich mir für mein Leben wirklich anders gewünscht.

Franziska: Ich habe seit acht Jahren eine Beziehung, aber er lebt in England und ich hier in Berlin. Nach jedem gemeinsamen Wochenende denke ich, das sind die schönsten Jahre und wir leben jeder unser eigenes Leben, getrennt. Und dann sind da natürlich diese Zweifel: Wird es klappen, wenn wir mal zusammen wohnen? Aber, selbst wenn wir irgendwann nicht mehr zusammen sein sollten, mein Kinderwunsch ist jetzt so stark, dass er Existenzängste, Beziehungsängste und all das total wegdrängt.

Conny: Egal, in welcher Phase man steckt, man wünscht sich wahrscheinlich immer das, was man nicht hat.

Bei einer letzten Flasche Wein und etlichen weiteren Zigaretten geht der Abend nach einigen anderen Themen zu Ende.

Kinder kriegen soll ja für den ganzen Körper gesund sein

Conny, 37, Juristin