Jugendbuchpreis

Lesen als Mission

Am Freitag wird der Jugendbuchpreis vergeben. Ein Besuch bei Berliner Jurymitgliedern

Foto: Massimo Rodari

Aufregung, nein, die würden sie noch nicht spüren, sagen Jessica und Florian fast wie aus einem Mund. Die beiden 16-Jährigen haben ihre Präsentation ja auch schon oft geübt. "Das ist doch eher wie ein Referat", sagt Florian, aber Sven gibt zu bedenken: "Ein Referat vor Tausenden von Menschen." Jessica und Florian werden am Freitag auf der Frankfurter Buchmesse auf der Bühne stehen und ihre Auswahl für den diesjährigen Jugendbuchpreis begründen. Die beiden gehören zusammen mit Sven und 17 weiteren Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren zur Jugendliteraturjury der Spandauer Kinder- und Jugendbibliothek. Mit fünf anderen Leseklubs aus ganz Deutschland bilden sie die Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Seit 30 Jahren werden auch Jugendliche an der Entscheidung des Preises beteiligt - zusätzlich zu den fünf Preisen, die die Erwachsenenjury vergibt, zeichnen auch sie jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse einen Titel aus. Jeder der sechs Leseklubs, zusammen sind es etwa 100 Jugendliche, nominiert ein Buch und vergibt dann für die sechs nominierten Bücher Punkte. Der Titel, der die meisten Punkte erhält, bekommt dann den Preis der Jugendjury. Wer der Preisträger ist, erfahren die Jugendlichen selbst erst auf der Buchmesse, so soll verhindert werden, dass trotz größter Geheimhaltungspflicht vielleicht doch etwas ausgeplaudert wird.

Die Jugendjury der Spandauer Jugendbibliothek ist der einzige Leseklub in Berlin, der beim Jugendliteraturpreis seine Stimme abgibt - und er ist bereits zum dritten Mal dabei.

Die Idee zur Jugendliteraturjury hatte Gisela Rhein, die Leiterin der Jugendbibliothek in Spandau. Sie hatte 2005 einen Aufruf gestartet und lesefreudige Jugendliche gesucht, um einen Spandauer Jugendliteraturpreis zu vergeben. So viele Bewerber gab es, dass es anfangs sogar eine Warteliste gab. Heute sind etwa 20 Jugendliche dabei, drei Viertel von ihnen Mädchen, Gesamtschüler und Gymnasiasten.

100 Seiten pro Stunde

Drei Jahre gab es den Spandauer Literaturpreis, dann wurde der Arbeitskreis der Jugendliteratur, der für den Jugendliteraturpreis zuständig ist, auf den Leseklub aufmerksam und wählte ihn zum Jurymitglied. Seitdem wird hier noch mehr gelesen. "Wenn es gut läuft, schaffe ich vier Bücher in der Woche", sagt Jessica, und Nathalie liest durchaus mal 100 Seiten in der Stunde, "aber da muss mich das Buch schon wirklich fesseln".

Etwas anderes, als Bücher zu lesen, kommt für die meisten Jugendlichen hier nicht infrage. "Wir sind eigentlich alle auf dem technischen Höchststand", sagt Mariam (19), "aber E-Books auf dem iPad zu lesen ist einfach nicht dasselbe. Es geht doch nichts darüber, mit einem Buch in der Hand unter der Bettdecke zu liegen." Wenn Florian ein Buch das erste Mal aufklappt, saugt er erst einmal den Geruch der Druckerschwärze ein, und Svenja will nicht auf das Rascheln der Buchseiten verzichten und auch nicht darauf, jedes Mal ihr Buchzeichen zu suchen. Ein Ritual, das für sie unbedingt dazugehört.

Aber es kommt nicht nur darauf an, dass viel gelesen wird, erklärt Gisela Rhein, "die Jugendlichen lernen auch, sich ein Urteil über ein Buch zu bilden und den Buchmarkt ein wenig zu durchschauen". Sie erzählt, wie ihre Jury im ersten Jahr noch einen Vampirroman nominiert hat, aber nachdem sie bald festgestellt hat, dass Vampirbücher die Verlage wie Meterware verlassen, kein zweites Mal ein Vampirbuch auf ihre Nominierungsliste gesetzt hat. Die Gruppe hat sich inzwischen auf einige Kriterien geeinigt, die ein Buch erfüllen sollte: "Es sollte flüssig zu lesen sein, es muss fesseln, ein Sinn muss dahinter stehen, und die Charaktere sollten sich weiterentwickeln", erklärt Nathalie. Ein Buch zu analysieren, den Kerngedanken herauszufiltern - das ist aber nicht nur für den Jury-Einsatz wichtig. "Davon profitieren wir auch für die Schule", erzählt Mariam, "für meine Präsentationsprüfung im Abi hat mir meine Jury-Erfahrung sehr geholfen. Und die 18-jährige Nathalie ergänzt: "Man achtet auf viel mehr, und es fällt einem nicht mehr schwer, die Kerngedanken eines Textes oder Buches zusammenzufassen." Und Svenja sieht es als Bereicherung, dass sie über das Lesen so viele neue Leute kennengelernt hat - nicht nur in der Jury, sondern auch in den Büchern selbst: "Man lernt über die Charaktere, sich in andere Menschen hineinzuversetzen."

Die 20 Jugendlichen des Leseklubs treffen sich meist alle zwei Wochen in der Spandauer Jugendbibliothek. Viele sind aus dem Kiez, aber Mona zum Beispiel kommt jedes Mal aus Reinickendorf. Ein weiter U-Bahn-Weg, doch der 19-Jährigen ist es das wert, schließlich gibt es ein vergleichbares Angebot an keiner anderen Berliner Bibliothek. Bei den Treffen geht es vor allem um Meinungsaustausch, wer welches Buch warum wie findet. Aber daneben gibt es auch immer viel zu organisieren, insbesondere kurz vor der Frankfurter Buchmesse. Die Fahrt dorthin muss geplant werden, im Vorfeld mussten Begründungen eingereicht und die Präsentation, die Jessica und Florian vortragen werden, eingeübt werden. Daneben werden schon wieder neue Bücher für den Preis im nächsten Jahr bestellt und untereinander ausgetauscht.

Angst, dass sie mit ihrer Nominierung und ihrer Auswahl für den Preis danebenliegen könnten, haben die jungen Jury-Mitglieder nicht. "Wir haben die Bücher ja alle gelesen und wissen, dass sie gut sind", sagt Mariam selbstbewusst, "aber natürlich würden wir uns freuen, wenn ,unser' Buch das Rennen macht."