Jugendliteraturpreises

Auf der Suche nach Außergewöhnlichem

Für die Juroren ist die Entscheidung für einen Preisträger keine leichte. Annette Kuhn sprach mit der Vorsitzenden, Susanne Helene Becker, Lehrerin an der Anna-Freud-Oberschule in Charlottenburg.

Berliner Morgenpost: Wie viele Bücher lesen Sie in einem Jahr?

Susanne Helene Becker: Da kommen viele Hundert Bücher zusammen. Die Jurymitglieder lesen vor allem die Bücher ihrer Sparte, aber ich sichte Titel aller Gattungen. Seit Jahren wächst der Kinderbuchmarkt und auch die Zahl der für den Preis eingereichten Bücher. Dieses Mal waren es weit über 500 Bücher - das sind immerhin etwa sieben Meter Bücher.

Berliner Morgenpost: Was sind die Kriterien für die Auswahl?

Susanne Helene Becker: Einige harte Fakten sind zu beachten: Der Autor muss noch leben und das Buch erstmals erschienen sein - Ausnahmen bilden ältere Texte, die neu illustriert oder neu übersetzt wurden. Und dann gibt es eine Reihe weicher Faktoren: Die ausgezeichneten Titel sollen die Diskussion und das Interesse an der Kinder- und Jugendliteratur anregen und den Markt widerspiegeln. Dass wichtigste Ziel des Preises ist jedoch die Leseförderung.

Berliner Morgenpost: Wie hat sich die Kinder- und Jugendliteratur in den letzten Jahren verändert?

Susanne Helene Becker: Die Kinder- und Jugendliteratur ist literarisch ausgefeilter und ästhetisch raffinierter geworden. Die Figuren in den Geschichten sind vielschichtiger. Normen werden nicht mehr mit dem Holzhammer vermittelt. Gewachsen ist auch die Bedeutung des Bildes, Comic-Romane, Graphic Novels nehmen immer mehr Raum ein. Nach wie vor aber spielen soziale und familiäre Probleme eine große Rolle bei den Themen. Ich glaube aber, dass Kinder gar nicht unbedingt Problembücher lesen wollen. Bei Jugendlichen sieht das oft anders aus. Aber was Kinder betrifft, halte ich es mit Christine Nöstlinger, die einmal in etwa dies gesagt hat: Ein Kind, das gerade sitzen geblieben ist und dessen Eltern sich gerade haben scheiden lassen, will in den Sommerferien kein Buch über ein Kind lesen, das gerade sitzen geblieben ist und dessen Eltern sich haben scheiden lassen. Sie lesen dann vielleicht lieber Tiergeschichten oder Fantasy-Romane.

Berliner Morgenpost: Fantasy-Literatur hat in den vergangenen Jahren enorm zugelegt. Woran liegt das?

Susanne Helene Becker: Die Veröffentlichung und der Erfolg der Reihe Harry Potter stehen am Anfang dieser Entwicklung. Der nun schon lang andauernde Erfolg von Fantasy-Literatur gründet sich natürlich auf mehrere Faktoren: Sie treffen die Mentalität einer Zeit, sie eignet sich hervorragend als serielle Literatur, die in Phasen der sogenannten "Lesesucht" die Leser zu befriedigen vermag. Und wenn die Verlage spüren, dass das Lesepublikum nach solchen Lesestoffen verlangt, produzieren sie natürlich entsprechend - schließlich sind Verlage kommerzielle Unternehmen.

Berliner Morgenpost: Werden diese Bücher auch nominiert?

Susanne Helene Becker: Diese Art serielle Literatur eher nicht. Wir sind ja auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen.

Berliner Morgenpost: Obwohl der Kinderbuchmarkt wächst, nimmt die Lesefähigkeit der Kinder ab...

Susanne Helene Becker: Ob die Lesefähigkeit tatsächlich abgenommen hat, ist meiner Meinung nach gar nicht so sicher. Fakt ist aber, dass jeder fünfte Jugendliche in Deutschland beispielsweise mit Sachtexten nicht zurechtkommt. Wirklich bedenklich ist, dass die Schere zwischen Viel- und Nichtlesern immer weiter auseinander geht. Die einen Kinder wachsen mit Mandelmus aus dem Bioladen und Vorlesen im Babyalter auf, die anderen bekommen erst in der Schule ein Buch in die Hand. Das spiegelt die Bildungssituation in Deutschland insgesamt. Es gibt zwar gute Ideen zur Förderung der Lesekompetenz, zum Beispiel die Bookstart-Initiative aus England: Eltern bekommen zur Geburt ihres Babys Pakete mit Büchern, die sie ihren Kindern dann vorlesen können. Solche Initiativen sollten ein größeres gesamtgesellschaftliches Interesse finden - und Geld.