Interview

Au-Pair mit 80

Gute Babysitter sind schwer zu finden. Und was tun, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind und das Berufsleben gemeistert ist? Kristin Emmerinck (63 Jahre) bietet Ruheständlern mit ihrem Projekt "Madame Grand-Mère" eine neue Lebensaufgabe als Au-Pair und sorgt gleichzeitig für Entlastung junger Familien im Ausland. Mit ihr sprach Anett Hoffmann.

Berliner Morgenpost: Frau Emmerinck, in Ihrem Alter gehen andere in Rente, Sie schicken Großeltern als Au-Pair um die Welt. Warum?

Kristin Emmerinck: So ein bisschen Seidenmalerei und Golfen ist ja wunderschön, aber das allein reicht nicht aus. Das ist nicht lebenserfüllend. Und gerade im Alter möchte man sich doch gern aufgehoben fühlen. Als meine Kinder alle aus dem Haus gingen, da dachte ich auf einmal: Was mach' ich denn jetzt? Ich war inzwischen im Ruhestand und Single. Doch dann wurde mir bewusst, dass ich den neuen Lebensabschnitt nicht als Rückschlag, sondern als neue Chance betrachten konnte. Ich hatte nun endlich die Zeit, mir auch einmal Wünsche zu erfüllen, an die zuvor mit Familie nie zu denken war.

Berliner Morgenpost: Und was war Ihr Wunsch?

Kristin Emmerinck: Ich wollte sehr gern mal in Frankreich leben und die Kultur und Sprache des Landes studieren. Nun war das möglich und dann tat ich das auch. Eine großartige Erfahrung. Als ich wieder nach Hause kam, da hab' ich als erstes meinen Kindern gesagt, dass ich mich 20 Jahre jünger fühle. Das hat mir so viel gegeben. Ich fragte mich: 'Mein Gott, das ist einfach toll. Warum machen das andere nicht auch?'

Berliner Morgenpost: Warum eigentlich nicht?

Kristin Emmerinck: Es gab bislang ja keine Organisation, bei der man hätte anrufen und sich eine Familie für einen Au-Pair-Austausch hätte besorgen lassen können. Ich musste wirklich lange suchen und herumfragen. Irgendwann hat's dann wirklich geklappt. Allerdings war es eine französische Familie, die jemanden suchte. Weil ich damals aber kaum Französisch sprechen konnte, war das am Anfang natürlich nicht ganz so einfach. Allein eine Monatskarte für die Metro zu besorgen, brachte mich schon ganz schön ins Schwitzen. Man brauchte nämlich Passfotos dafür, und weil ich die Fragen in dem Fotoautomaten nicht richtig verstanden habe, kam anstatt der gewünschten kleinen Passfotos immer ein Riesenfoto von mir aus dem Apparat. Aber da hab' ich mich dann durchgebissen.

Berliner Morgenpost: Das klingt kompliziert. Eine ganz schöne Herausforderung - ein fremdes Land, wenig Sprachkenntnisse und das in dem Alter...

Kristin Emmerinck: Daher sieht mein Konzept so aus, dass ich deutsche Senioren in deutschsprachige Familien gebe. Grundsätzlich ist es für diese älteren Menschen ein angenehmer Gedanke, dass sie zu Hause, wenn sie nicht draußen die neue Sprache und Kultur studieren, doch so ein bisschen Heimat haben. Die eigene Sprache, bei der man sich entspannter fühlt. Menschen mit gleichem Hintergrund helfen da ungemein. So abenteuerlich, wie ich das damals hatte, damit können nicht alle umgehen.

Berliner Morgenpost: Gab es einen Moment damals, in dem Sie gemerkt haben, dass Sie nicht mehr nur als Au-Pair fungierten, sondern schon Teil der Familie geworden waren?

Kristin Emmerinck: Das gab's tatsächlich. Nach drei, vier Wochen saßen die Familienmutter, die nun ja wirklich eine ganze Ecke jünger war als ich, und die Tochter mit mir abends zusammen am Tisch. Erst haben wir so allgemein über Deutschland gesprochen. Später zog sich die Tochter zurück und dann hat die Mutter mit mir über Frauen- und Eheprobleme gesprochen. Wir mussten dann zwar ab und zu auch mal ins Englische wechseln - das machen Franzosen ja nicht so gerne - aber weil's dann doch ein sehr detailliertes Gespräch war, konnte ich das auf Französisch irgendwann nicht mehr. Dieser Moment war schon sehr intim.

Berliner Morgenpost: Die Idee zu "Madame Grand-Mère" war dann also die logische Folge Ihres Aufenthalts in Paris?

Kristin Emmerinck: Das war nicht so à la 'Peng, da ist die Idee'. Vielmehr war es eine Entwicklung. Da war also einmal dieses gegenwärtige Erlebnis in Paris und das habe ich dann allmählich in meinem Kopf mit meiner Vergangenheit als junge Mutter verbunden. Damals waren wir viel mit den Kindern im Ausland, da mein Mann für die Vereinten Nationen arbeitete. In dieser Zeit war ich oft nur auf mich gestellt, mit den Kindern allein, ohne Großeltern und Freundeskreis und konfrontiert mit einer Fremdsprache. Welche Glücksgefühle ich hatte, wenn dann mal die 65-jährige Tante Jutta aus Deutschland kam... Das hat sich natürlich eingeprägt.

Berliner Morgenpost: Deshalb versenden Sie heute also "Tante Juttas" an Familien im Ausland?

Kristin Emmerinck: Die Frage ist doch: Warum sollen junge Frauen und Männer, die durch Karriere und Kindererziehung hetzen, die Ressourcen, die bei der älteren Generation vorhanden sind, nicht nutzen?

Berliner Morgenpost: Und wer bewirbt sich bei Ihnen?

Kristin Emmerinck: Etwa 100 Damen haben sich bisher beworben. In diesem Jahr machen sich davon noch vier der Damen auf den Weg. Aber auch Herren bewerben sich mittlerweile. Die Anfragen kommen aus ganz Deutschland, viele davon aus Berlin.

Kristin Emmerinck: Allgemein sind es Menschen, die noch aktiv im Leben stehen, oft schon im Ausland waren und Fremdsprachen sprechen. Sie alle haben den Mut, auch wenn viele schon über 70 sind, noch mal etwas Neues zu wagen.

Berliner Morgenpost: Wie alt sind die Bewerber denn so?

Kristin Emmerinck: Also die Jüngste, die sich beworben hat, entspricht eigentlich gar nicht unserem ursprünglichen Konzept. Sie ist 48 Jahre alt - eigentlich hatten wir uns auf Großmütter und -väter im Alter von 50 Jahren und mehr eingestellt. Sie ist allerdings die einzige, die jünger als 50 ist. Der Älteste bei uns ist 76 Jahre alt.

Berliner Morgenpost: Wie läuft das in der Praxis - es bewirbt sich jemand bei Ihnen, wird ausgewählt. Und welche Rolle spielt dann die Landeswahl?

Kristin Emmerinck: Die meisten möchten ihre Sprachkenntnisse von früher auffrischen und deshalb gerne in ein englisch-, französisch- oder spanischsprachiges Land. Dann kommen auch alle anderen Länder infrage, in denen die gewünschte Sprache gesprochen wird. Manche Bewerber oder Bewerberinnen geben natürlich auch ganz konkrete Länderwünsche an. Eine Dame von uns möchte zum Beispiel gern nach Tasmanien. Das dürfte allerdings leider etwas schwierig werden. Aber grundsätzlich finde ich: Warum eigentlich nicht?

Berliner Morgenpost: Sofern kein konkreter Länderwunsch besteht, suchen Sie die Länder Ihrer Teilnehmer aus. Wie finden Sie dann die Familien im Ausland?

Kristin Emmerinck: Wir haben Schulen auf der ganzen Welt angeschrieben und für unser Projekt geworben. Zudem wenden wir uns an Einrichtungen, die im Ausland tätig und gut vernetzt sind, wie zum Beispiel das Goethe-Institut oder das Auswärtige Amt. Viele leiten unsere Schreiben an entsprechende Stellen oder Menschen weiter, über die es die Familien im Ausland erreicht.

Berliner Morgenpost: Wie lange bleiben die Großväter und -mütter bei den Au-Pair-Familien?

Kristin Emmerinck: Durchschnittlich sind es so zwei, drei Monate. Aber es gibt auch Teilnehmer, die sagen, sie hätten auch sechs oder neun Monate Zeit, und die würden sie dann auch gern dort bleiben. Natürlich weiß niemand im Voraus, ob die Konstellationen von Familien und vermittelten Au-Pair-Senioren in der Praxis dann auch wirklich passt. Dann sage ich den Herrschaften: 'Sie sind ja nicht verheiratet. Wenn Sie absolut nicht glücklich sind, sollten Sie die Koffer packen - und dann nichts wie weg.' Die Möglichkeit, den Aufenthalt abzubrechen, gibt es also immer. Das ist kein Problem.

Berliner Morgenpost: In Deutschland steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung, deshalb wird beispielsweise im sozialen Bereich vermehrt auch auf Senioren gesetzt. Raten Sie älteren Menschen, Ihrem Beispiel zu folgen?

Kristin Emmerinck: Jeder kann das natürlich nur für sich beantworten, ob man das will und sich auch zutraut. Denn so etwas ist schon eine Herausforderung. Ich denke aber, wenn jemand körperlich fit ist und ein bisschen Mut und Neugierde auf alles andere auf dieser Welt mitbringt, dann sollte man es einfach tun. Mir persönlich haben die Erfahrungen im Ausland so viel gegeben - ich kann deshalb allen nur raten: Nutzen Sie Ihre Chance!