Wanderurlaub zwischen zwei Höckern

Ponyhof war gestern

In Brandenburg können Eltern mit Kindern Wanderurlaub zwischen zwei Höckern erleben

Foto: Buddy Bartelsen

Hinter einem dichten Gebüsch sind zwei sandige, spitze Hügel zu sehen. Plötzlich bewegen sie sich nach links. Zum Vorschein kommt ein nichteinheimisches Tier: Aladdin, das Kamel. Seine Bewegungen sind gemächlich, sein Gesichtsausdruck vollkommen gelassen - es sieht aus, als lächele er. Aladdin kann nichts aus der Ruhe bringen, Hektik prallt völlig an ihm ab.

Genau das Richtige für gestresste Städter. Die sind bei Aladdin regelmäßig zu Besuch.

Hocherhobenen Hauptes schreitet der Hengst zu seiner 12-köpfigen Herde, die auf einem historischen Dreiseithof in der Nähe von Oranienburg steht. Ganz ohne Sand, Wüste oder Palmen. Gleich geht es wieder los - der heutige Ausritt führt über die Wiesen und Waldwege um Nassenheide herum, vorbei an Sonnenblumenfeldern und Heideflächen. Zurzeit ist eine Voltigiergruppe aus Schöneweide für eine Woche zu Gast, die sonst nur mit Pferden zu tun hat. Sie bürsten, reiten und streicheln die Kamele. "Manchmal kuscheln wir auch ein bisschen mit ihnen, wenn sie gerade liegen", erzählt Jenny (11). Sie turnt normalerweise auf großen Pferden. Bisher gab es nur Lieblingspferde für sie - jetzt hat sie ein Lieblingskamel. Das heißt Qara. Sie beobachtet die Kamelstute ganz genau, fährt ihr zärtlich über die Stirn, streicht über die weiche, behaarte Nase. Qara lässt sich alles gefallen. "Ich habe sie von Anfang an gemocht. Sie hat sehr weiches, flauschiges Fell und ist sehr lieb."

Die Ruhe der Tiere überträgt sich

Bei allen Ausritten werden die Kamele von Mitarbeitern des Hofes über die Feldwege der Heide geführt. Pferde seien oft hektisch, Kamele das Gegenteil, sagt Gabi Heidicke (47), die mit ihrem Mann Jörg (48) den Hof betreibt. "Die Ruhe der Tiere überträgt sich auf die Menschen und das macht die Arbeit hier sehr harmonisch." Nicht einmal untereinander scheinen sich die Tiere zu streiten. Gabi Heidicke vermutet, dass die Herkunft etwas damit zu tun hat. "In der Wüste ist Streit einfach ein zu hoher Energieverbrauch." Sie eignen sich deshalb auch gut für therapeutisches Reiten mit Behinderten, das ebenfalls regelmäßig auf dem Fleckschnupphof stattfindet.

In der Mitte des Innenhofes steht eine alte Kastanie mit einer Rundbank, gegenüber wächst ein bunter Essigbaum. Mit dem Boden aus uralten Pflastersteinen, saftig grünem Rasen oder märkischen Sandboden kommen die weichen Kamelfüße gut zurecht. Die Tiere leben in einer alten, zum Offenstall umgebauten Scheune. Durch drei große Tore können der Hengst, der Wallach, die sechs Stuten und die zwei Fohlen nach draußen gehen. Sie haben ein durchschnittliches Stockmaß von 1,90 Metern, die Höcker nicht mitgerechnet, und fressen alles ab, was in 3,30 Metern Höhe erreichbar ist. Auf der Weide stehen sie zwischen alten Eichen und Masten mit mittlerweile verlassenen Storchennestern. Jeden Tag sind sie unterwegs mit Familien, die auf dem Hof Urlaub machen oder für einen Nachmittag vorbeikommen, um den berühmten "Wüstenschiffen" einmal ganz nah zu sein. Ein gute Möglichkeit, den Nachwuchs in die Natur zu locken. Kamelwandern ist für viele eine Abwechslung zu klassischen Wanderungen oder Radtouren.

"Es schaukelt weniger als ich dachte", sagt Cynthia, die kleinste Reiterin in dieser Woche. Sie ist Teil der Voltigiergruppe und mit ihrer Mama angereist. Die Fünfjährige schmust am liebsten mit Carlotta, dem jüngsten Kamel. Cynthias Mutter hat keine Bedenken, wenn ihre Tochter sich dem Tier nähert, und sie ist begeistert vom Kamelausreiten mit ihrer Tochter. "Sie sind so friedlich und sanft. Dadurch üben sie eine große Anziehungskraft auf die Kinder aus", sagt Sandra Altmann (25). Riccarda Schubel (27), die die Voltigiergruppe begleitet, erkennt den angenehmen Nebeneffekt. "Normalerweise ist es schwierig, die Kinder zum Wandern in der Natur zu bewegen, aber so funktioniert es plötzlich." Die Ledersättel sind Sonderanfertigungen aus Bayern. "Ohne diese feste, gepolsterte Sitzfläche kann man nicht zwischen den Höckern sitzen", erklärt Jörg Heidicke. "Die Mongolen schmeißen da einen Teppich drüber. Aber für uns wäre das ungefähr so bequem wie ein Dachbalken. Mit diesen hier ist es für alle bequem - für Reiter jeden Alters." Wer will, kann seinen eigenen Reithelm mitbringen. "Eine Helmpflicht gibt es nicht", sagt Jörg Heidicke. "Die Kamele bewegen sich so gemächlich und gemütlich." Bloß Nässe mögen sie nicht, deshalb dürfen sie bei Regen auch nicht hinaus. "Sie haben keine Fettschicht im Fell, deshalb werden sie sofort nass bis auf die Haut und holen sich einen Schnupfen oder Schlimmeres", sagt Gabi Heidicke. "Schnee dagegen macht ihnen nichts aus."

Seit sieben Jahren wohnen Kamele auf dem Fleckschnupphof. Früher waren es Pferde. Außerdem gibt es noch Kamerunschafe, Hühner und Enten. Und nicht zu vergessen: Sattelschweindame Ronja und Zwergziege Eva. Fast alle Tiere sind nach Verwandten der Heidickes benannt: Die Hühner nach Gabi Heidickes Schwestern, der Schafbock Michael nach ihrem Schwager. Die Kamele aber sind für die meisten Besucher die faszinierendsten Tiere. Auch wegen ihrer besonderen Fähigkeiten. "Wir sind sehr stolz, dass wir mit Forschern der Uni Potsdam zusammenarbeiten. Sie testen die Wasserspeicherkapazität der Kamele", erklärt Jörg Heidicke. Sie könnten in ihrem ganzen Körper Wasser speichern. "Sie haben spezielle, elliptisch geformte Blutkörperchen, mit denen das möglich ist."

Das Auf- und Absteigen ist einfach, denn die Tiere legen sich auf Kommando hin. Sitzt man dabei gerade oben, führt das manchmal zu überraschten Ausrufen. Denn das Kamel klappt erst seine langen Vorderbeine ein, der Reiter wird plötzlich nach vorne geworfen und muss sich gut am vorderen Höcker festhalten. Dann erst folgen die Hinterbeine. Eine holprige Angelegenheit. Jenny hat sich daran gewöhnt. Sie reitet Qara ganz selbstverständlich zum Sattelplatz. An einem langen Balken werden alle Kamele angebunden und abgesattelt. "Das war wieder schön", sagt Jenny und streichelt die Stirn der Stute. "Es sieht so aus, als hätte es ihr auch gefallen." Und wie zur Bestätigung dreht Qara ihr den Kopf zu.