Kultur auf Rezept

Theater als Therapie

Dass Theater wie Medizin wirken kann, davon war man schon im antiken Griechenland überzeugt. Heute sehen Kinder- und Jugendärzte darin sogar die Möglichkeit, Bildungsarmut zu kurieren. Um allen Patienten zwischen sieben und 14 Jahren den Kunstgenuss zu ermöglichen, vor allem wenn sie in ihrem sozialen Umfeld keinen Kontakt zu kultureller Bildung haben, hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ein bundesweites Kulturprojekt ins Leben gerufen.

In Berlin nimmt das Gripstheater in Mitte und Moabit an der Aktion "Theater auf Rezept" teil. Bei Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt erhalten Kinder Gutscheine für einen Theaterbesuch.

Von den positiven Nebenwirkungen sind nicht nur die Theatermacher, sondern auch die Ärzte überzeugt. "Theater dient nicht nur der Unterhaltung", sagt der Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte/LV Berlin-Brandenburg (BVKJ), Ulrich Fegeler. "Es regt auch die Entwicklung an, fördert Intelligenz und soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen." Die Bildungsferne sei Kulturvernachlässigung. "Kinder können Anregungsarmut nicht entfliehen. Bei vielen Familien regiert der Fernseher, daneben stehen die Spielekonsole und der Computer. Sie erleben eine Schattenwelt der Zweidimensionalität." Sprachliche Fähigkeiten entwickelten sich schlecht.

Wer in seiner Kindheit Zuschauer im Theater war, behält diese Eindrücke oft für immer in Erinnerung. Kinder kommunizieren im Gegensatz zu Erwachsenen mit den Darstellern auf der Bühne. "Die Theaterwelt ist dreidimensional, es sprechen und bewegen sich echte Menschen. Kinder- und Jugendtheater bedeutet nicht nur Spaß, es heißt auch Lernen, wie der Alltag funktioniert, wie der einzelne funktioniert, wie er reagiert und wo seine Freiheiten liegen", sagt Fegeler. "Kinder- und Jugendtheater ist Therapie. Wir Kinder- und Jugendärzte verschreiben sie gerne."

Die Gutscheine, die die 280 Berliner Kinderarztpraxen ausstellen können, sind bei den Vorsorgeuntersuchungen U10 (sieben bis acht Jahre), U11 (neun bis zehn Jahre) und J1 (13 bis 14 Jahre) erhältlich. Sie werden mit Datum und Arztstempel versehen, sind ein Jahr gültig und gelten auch jeweils für eine erwachsene Begleitperson. Der J1-Gutschein gilt auch für einen mitgebrachten Freund. Die Kosten für die "Theaterrezepte" trägt die Siemens Betriebskrankenkasse (SBK). Die Untersuchungen U10, U11 und J1, die früher selbst bezahlt werden mussten, werden inzwischen unter anderem von der SBK, der Techniker Krankenkasse und der Barmer GEK finanziert.

Kulturgenuss medizinisch wichtig

So sollen auch Eltern und Erzieher auf die Notwendigkeit einer umfassenden Bildung aufmerksam gemacht werden, sagt Josef Kahl von der Stiftung Kind und Jugend des BVKJ. "Theater ist ein Kosmos, in dem nicht nur Sprache gefordert und gefördert wird, sondern wo Emotionen entfacht, Nachdenken provoziert und Emphase gelebt wird." Dabei inspiriere ein Theaterbesuch sowohl das geistige als auch das emotionale und das soziale Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Das Projekt "Theater auf Rezept" steht unter der Schirmherrschaft des Musikers Peter Maffay und wurde 2009 in Düsseldorf als Projekt namens "Kulturspritze" gegründet. Die Initiatoren waren sicher, dass Kunst- und Kulturgenuss auch medizinisch eine große Rolle spielen können. Dabei seien sie sich von Anfang an einig gewesen, erzählt der künstlerische Leiter des Gripstheaters, Stefan Fischer-Fels. "Eine ganzheitliche Sicht von Gesundheit versteht die Kultur als integralen Bestandteil und Theaterkunst als persönlichkeitsfördernde Entwicklungsanregung und heilende Kraft."

In den ersten zwei Jahren der "Kulturspritze" seien 10 000 Gutscheine verteilt und einige Hundert im Theater eingelöst worden, sagt Fischer-Fels. "Viele Familien betraten zum ersten Mal ein Theater." Nach Berlin wird das Projekt demnächst auch in München gestartet. Ärzte und Theatermacher hoffen, so flächendeckend bei Kindern die Leidenschaft für das Theater zu wecken. "Wenn man Kindern Essen und Trinken vorenthält, sterben sie", meint Stefan Fischer-Fels. "Wenn man ihnen Kultur vorenthält, verkümmern Herz und Seele. Das bemerkt man leider erst viel später, meist, wenn es zu spät ist."

Mehr Informationen zu Spielplan und Kartenreservierung unter www.grips-theater.de oder Tel. 39 74 74 77.