Adoption

"Ich wurde von einer Welt in eine andere verpflanzt"

"Wenn man mir heute die Frage stellt, ob ich wirklich lieber im Armenviertel von Hyderabad aufgewachsen wäre, dann habe ich darauf keine Antwort", sagt Anisha Mörtl. "Ich hatte damals keine Wahl, sondern wurde ungefragt von einer Welt in eine andere verpflanzt. Ich kann nicht wissen, wie das andere Leben ausgesehen hätte, eine Kindheit in Indien mit meiner Mutter Fatima."

Anisha ist heute 21 Jahre alt, gerade ist sie von München nach Bamberg gezogen, um ihr Psychologiestudium zu beginnen. Ihre leibliche Familie, ihre Mutter Fatima, ihre Oma, ihre Großtanten, ihr Onkel, ihre Cousinen wohnen in Hyderabad, einer Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt im südlichen Indien. Vor zwei Jahren hat Anisha ihre indische Familie besucht und ihre leibliche Mutter das erste Mal nach 19 Jahren wiedergesehen. Ihre Geschichte hat sie aufgeschrieben, gerade ist ihr Buch "Lotostochter: Ich bin ein gestohlenes Kind" (Südwest Verlag) erschienen.

Im Alter von zehn Monaten wurde Anisha in Hyderabad von ihren deutschen Adoptiveltern abgeholt und nach München gebracht. Ihre leibliche Mutter habe sie in einem Krankenhaus bei den Schwestern des Schwester-Theresa-Ordens abgegeben; sie habe schon zwei Töchter und hätte kein weiteres Kind mehr ernähren können - diese Geschichte wurde Anisha von ihren neuen Eltern erzählt, als sie heranwuchs. Doch ihr Leben lang begleitete sie eine innere Unruhe und das Gefühl, dass da etwas nicht stimmen kann. Sobald sie Bilder aus Indien sah oder eine Reisewerbung im Fernsehen kam, schossen ihr die Tränen in die Augen. Schon als kleines Kind malte sie ihre Familie in Indien, eine Mutter, einen Vater, zwei Schwestern, aber immer ohne Gesicht.

Besuch im Krankenhaus

Mit 13 Jahren überredete sie ihre Adoptiveltern, nach Indien zu reisen, um nach ihren Wurzeln zu forschen. Ihre Mutter sträubte sich, doch Anisha setzte sich durch. Gemeinsam besuchten sie das Krankenhaus des Ordens, von dem ihre Eltern sie 1991 bekommen hatten. Schwester Teresa, eine alte indische Frau, wiederholte die Geschichte der armen Slumbewohnerin. Anishas Mutter sei damals ins Hospital gekommen, um sie abtreiben zu lassen. Teresa aber habe sie davon überzeugen können, das Kind zur Welt zu bringen und es ihrer Obhut zu übergeben. Anisha bat um Einsicht in ihre Akte. Doch je mehr sie bohrte, umso herrischer und kaltschnäuziger wurde die Schwester. Auch Anishas Adoptivmutter wollte nicht weiter in der Vergangenheit forschen, und so flog Familie Mörtl wieder nach München. Doch vor ihrer Abreise wandte sich Anisha an eine indische Menschenrechtlerin, die versprach, nach ihrer leiblichen Mutter zu suchen. Zwei Jahre später schickte sie einen Brief: "Wir haben Deine Mutter gefunden." Ein Schriftverkehr entwickelte sich zwischen Anisha in München und Fatima in Hyderabad, Stück für Stück setzte sich zusammen, was wirklich geschehen war.

Anisha ist Fatimas einziges Kind. Fatima war 17 Jahre, als sie sie bekam. Sie gehört der untersten indischen Kaste an, arbeitete als Hausangestellte, kann weder lesen noch schreiben. Fatima erzählt die Geschichte der Geburt im Jahr 1990 so: Im Krankenhaus der katholischen Nonnen habe man 20 000 Rupien, heute etwa 300 Euro, für die Entbindung verlangt. Zwei Wochen nach der Geburt habe Schwester Teresa Fatima aufgesucht. Als sie nicht zahlen konnte, habe Teresa ihr das Baby weggenommen. In den kommenden Wochen habe Fatima immer wieder vor dem Tor des Krankenhauses gestanden, aber nie sei ihr Einlass gewährt worden.

Fatima wurde während des Kaiserschnitts ungefragt sterilisiert. Schwester Teresa gab die kleine Anisha einem kinderlosen deutschen Paar. "Das ist Menschenhandel", sagt die indische Menschenrechtlerin Gita Ramaswamy, die viele Fälle illegaler Adoption in Indien kennt.

Während der Suche nach ihrer leiblichen Mutter entfernte sich Anisha immer weiter von ihrer Adoptivmutter. Ständig forderte die Dankbarkeit dafür, dass sie der Tochter ein Leben im Wohlstand ermöglicht hatte. Lange Jahre versuchte sie, den Kontakt nach Indien zu verbieten. Anishas Adoptivvater hingegen erinnerte sich an eine Situation, die ihn schon damals hätte stutzen lassen sollen. Das Ehepaar Mörtl fuhr 1990, während der Zeit im St. Theresa's Hospital, gerne mit Anisha im Park spazieren. Einmal verließen sie das Krankenhausgelände. Als Schwester Teresa davon erfuhr, wies sie sie an, solche Ausflüge zu unterlassen. Es sei besser, sie blieben mit dem Baby auf dem Gelände des Krankenhauses, das mit hohen Gittern gesichert war. Falls sie der leiblichen Mutter des Kindes, die hin und wieder am Tor Einlass begehre, begegneten, sollten sie ihr auf keinen Fall Beachtung schenken. "Wäre es da nicht die Pflicht meiner Eltern gewesen nachzufragen?", fragt Anisha heute.

Nachdem sie 2006 die Wahrheit über ihre Adoption erfuhr, brauchte sie lange, um diese Information zu verarbeiten. Sie scheute sich davor, nach Indien zu reisen und ihre leibliche Mutter zu treffen. In den Weihnachtsferien 2009 traute sie sich schließlich und reiste gemeinsam mit einem Kamerateam nach Indien. Ein Fernsehsender finanzierte die Reise und filmte das Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter nach 19 Jahren.

Anisha beschreibt in ihrem Buch den Moment des Wiedersehens: "Ich steige aus dem Wagen und gehe auf die Menschengruppe zu. Ich empfinde eine diffuse Angst, so schlimm, dass ich am liebsten weggerannt wäre. Ich hatte Angst vor der Ungewissheit, vor dem, was jetzt kommen würde. Während ich die wenigen Meter vom Auto zu ihr zurücklege, habe ich plötzlich Mühe, meine Bewegungen zu kontrollieren, so, als gehörten meine Glieder nicht zu mir. Und dann stehe ich vor ihr. Das Erste, was mir auffällt: Sie ist ja so klein! Und dann bemerke ich plötzlich, dass Fatima offenbar mindestens genauso viel Angst vor dieser Begegnung hat wie ich. Sie wagt es nicht einmal, mich richtig anzuschauen." Beide Frauen sind von der Situation überfordert. "Ich stand einer völlig fremden Frau gegenüber", sagt Anisha heute. Schwierig ist, dass sie nicht direkt miteinander reden können, sondern stets Übersetzer brauchen. Dennoch gelingt es ihnen in den kommenden Tagen, sich vorsichtig anzunähern. Nach einer Woche müssen Mutter und Tochter wieder Abschied voneinander nehmen.

"Fatima kletterte zu mir auf die Rückbank, um mich ein weiteres Mal zu verabschieden", schreibt Anisha. "Und da war es um mich geschehen: Es war, als hätte sich in mir eine sprudelnde Quelle eröffnet. Waren mir zuvor die Tränen über das Gesicht gelaufen, so wurde ich jetzt von heftigen Schluchzern geschüttelt. Und erst jetzt in diesen letzten Momenten suchte und fand ich die Nähe meiner Mutter. Wie von allein legte sich mein Kopf auf ihren Schoß. Ich weinte und weinte, wie ein kleines Kind. In diesem Moment spürte ich, wie Fatima für mich zu einer Art Mutter wurde: Sie streichelte mein Haar, meinen Kopf, meine Schulter. Als wir beim Hotel ankamen, hatten wir uns beruhigt und konnten einander endlich wieder loslassen."

Heute telefonieren Mutter und Tochter miteinander, sie schreiben sich weiterhin Briefe. "Wann kommst Du wieder?", fragt Fatima immer wieder. "Wenn mein Studium zu Ende ist", schreibt Anisha dann und fühlt sich hilflos. "Für mich bleibt sie letztlich eine fremde Frau", sagt Anisha. "Es ist schwierig. Ich kann nicht einfach sagen, das ist meine Mutter." Vor einem nächsten Treffen hat sie Sorge. Wie soll sie erklären, dass sie nicht in dem Zimmer auf dem Boden übernachten will? Dass sie eine Toilette mit Spülung braucht?

Die Schuldgefühle sind stark

Trotz aller Fremdheit ist Anisha auch sehr stolz auf ihre Mutter. Gemeinsam mit dem Filmteam ist sie zu Schwester Teresa gegangen und hat sie zur Rede gestellt. Letztendlich musste sich Teresa vor Gericht verantworten, 2004 wurde ihr die Lizenz, Kinder an ausländische Adoptiveltern zu vermitteln, entzogen.

Ginge es nach Anisha, würden Auslandsadoptionen generell verboten. "Ich habe so viele Adoptierte kennengelernt, und in jedem Fall war es für die Kinder sehr schwierig", sagt sie. "Die einen haben jahrelang versucht, ihre leiblichen Eltern zu finden, und waren verzweifelt, wenn es nicht geklappt hat. Die anderen wollten nichts mit ihrer Vergangenheit zu tun haben. Das ist auch unnatürlich", sagt Anisha. "Viele haben ihr Leben lang starke Schuldgefühle ihrer leiblichen Familie gegenüber, fechten einen nicht enden wollenden inneren Kampf aus und haben Schwierigkeiten, sich auf eine Beziehung einzulassen aus Angst, fallen gelassen zu werden." Anisha macht seit vielen Jahren eine Therapie und kann heute ihre Ängste besser beherrschen als noch vor einigen Jahren. Sie plant nun, so schnell wie möglich Geld zu verdienen, damit sie ihre Mutter finanziell unterstützen kann. Wann sie wieder nach Indien reisen möchte, weiß sie noch nicht. "Das alles hat mich sehr aufgewühlt. Ich weiß nicht, ob ich das so schnell noch mal packe."

"Für mich bleibt sie letztendlich eine fremde Frau"

Anisha Mörtl, über ihre leibliche Mutter Fatima