Sexualität

Zärtlichkeit auf Bestellung

Die Reise begann am 10. Februar 1990. Es war eine kalte Winternacht, als sie sich mit Freunden in Holland ins Auto setzte und die Nacht durchfuhr bis nach Berlin. Ohne genauen Plan, ohne konkretes Ziel. Nur mit der Gewissheit, dass Holland zu eng geworden war für sie. "Und als ich dann aufwachte im Morgengrauen, dort in Friedenau, die großen, stuckverzierten Häuser sah und nicht überall Backsteine, da merkte ich: das ist es."

Nina de Vries lächelt, als sie an jenen Morgen vor 21 Jahren zurückdenkt. Sie streicht ihre braunen Haare aus dem Gesicht, ihre grünen Augen strahlen. Angekommen sieht sie aus, wie sie da in ihrem Garten sitzt, die Herbstsonne im Nacken, eine Tasse Tee vor sich. Doch auf Reisen ist sie immer noch, mehrmals in der Woche. Dann wagt sich die mittlerweile 50-Jährige erneut ins Unbekannte, Ungewisse, begleitet nur von ihrem reichen Erfahrungsschatz und einer großen Neugier auf das Leben. Nina de Vries ist Sexualbegleiterin. Ihre Klienten sind Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderungen sowie demente Senioren. Menschen, die Hilfestellung brauchen, um Sexualität zu erleben.

Nina de Vries ist geübt darin, ihren Beruf zu erklären. "SexualbegleiterInnen ermöglichen Menschen, die aufgrund einer Krankheit, eines Unfalls oder ihrer Biografie eine behutsame kreative Annäherung auf dem Gebiet der Sexualität brauchen, ein intimes, sinnliches und erotisches Erlebnis, und vermitteln ihnen ein positives Körpergefühl. Sie setzen ihren eigenen Körper ein, um anderen Freude und Lust zu verschaffen. Sie bieten unter anderem Beratung, Massage, Zärtlichkeit, Körperkontakt, Anleitung zur Selbstbefriedigung und Handentspannung an. Einige bieten auch Geschlechtsverkehr und Oralkontakt an."

Nina de Vries hält inne in ihrer Definition, atmet durch. "Aber eigentlich sind es vor allem Begegnungen", sagt sie. "Schöne Begegnungen." Ihr Blick schweift über den Rasen. "Ich treffe Menschen, die nicht berechnend sind, weil sie nicht berechnend sein können. Und ich selbst überlege auch nicht, plane nicht. Es taucht etwas auf. Ich gehe darauf ein."

Tücher, eine Kerze, Duftstäbchen

Es braucht nicht viele Utensilien, um den Beruf der Sexualbegleiterin auszuüben. Ein paar Tücher, eine Kerze, Duftstäbchen vielleicht, um die Räume etwas gemütlicher zu gestalten, in denen sie die Klienten aufsucht. Viele von ihnen leben in Heimen, in Rundumbetreuung, weil sie für das meiste Hilfestellung brauchen: Anziehen, Essen, Waschen. Da gibt es zum Beispiel den jungen Mann mit Multipler Sklerose, fast vollständig gelähmt und erblindet, aber mit großer Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Nähe. Die Autistin, die sich bei erfolglosen Masturbationsversuchen selbst verletzte und eine Anleitung zur Selbstbefriedigung erhalten sollte. Den dementen alten Mann, der Nina de Vries bei jeder Begegnung neu kennen lernt. Herzlich begrüßt wird sie nicht nur von ihm, sondern beispielsweise auch von den Pflegekräften, die nach den Besuchen der Sexualbegleiterin weniger Übergriffe durch den Senior erleben. Auch Spastiker, Menschen mit Down-Syndrom, amputierte Menschen, misshandelte und missbrauchte Menschen hat die Sexualbegleiterin in den 15 Jahren ihrer Tätigkeit kennen gelernt und behandelt. Fast ausschließlich sind es Männer, die ihre Dienste in Anspruch nehmen. Für nicht wenige ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie eine nackte Frau sehen, sexuellen Kontakt mit einer Frau haben.

"Sexualassistenz ist ein sicherer Rahmen", sagt Nina de Vries. "Niemand wird bewertet oder ausgelacht, und was passiert, ist niemals mechanisch, automatisch." Immer wieder fragt sie respektvoll nach, ob das, was sie tut, gewünscht ist. Wo keinerlei übliche Verständigung möglich ist, versucht Nina de Vries Zeichen wahrzunehmen - bei ihrem Gegenüber und bei sich selbst. Wie geht der Atem? Stellt sich ein Gefühl der Ruhe ein? Wichtig ist auch die enge Abstimmung mit dem Fachpersonal und den Angehörigen. Sie sind es zumeist, die sie um ihre Dienste bitten. Sie sind es auch, die ihr Hinweise zu den Bedürfnissen der Klienten geben können - und Rückmeldungen. Ruhiger seien sie geworden nach ihren Besuchen, heißt es oft, nicht mehr so aggressiv. Zufrieden. Manchmal sogar fähig, eigenständig Liebesbeziehungen einzugehen. Zu einigen Familienangehörigen pflegt Nina de Vries einen fast freundschaftlichen Kontakt.

Manchmal braucht es mehrere Sitzungen, bis Berührungen möglich sind. Meistens macht Nina de Vries aber die Erfahrung, dass sich die Menschen viel schneller öffnen, als man erwarten würde. "Dieses Vertrauen: Es ist wie ein Wunder", sagt sie.

Horst* etwa. Er leidet am Korsakow-Syndrom, eine Form der Amnesie, die bei Alkoholmissbrauch auftauchen kann. Nina de Vries besucht ihn seit einem Jahr etwa alle sechs bis acht Wochen. Sie muss darauf achten, die Treffen gut zu strukturieren, damit er nicht noch zusätzlich desorientiert wird. "Hallo, ich bin Nina", stellt sich Nina de Vries bei Horst vor. "Ich mache eine Massage. Ich nenne sie holländische Massage. Da werden erst der Rücken und die Füße massiert, und dann legt man sich hin und umarmt sich." "Das ist ja schön", sagt Horst dann. "Das gefällt mir." Um Wärme und Nähe gehe es in diesen Begegnungen vor allem, sagt Nina de Vries. Die Geschlechtsteile beziehe sie wie selbstverständlich in ihre Massage ein, schließlich gehe es um die Akzeptanz des ganzen Körpers, des ganzen Menschen. Und so sitzen Nina de Vries und Horst nach ihren intimen Zusammenkünften, nachdem Horst einen Orgasmus hatte, auch stets noch eine zeitlang auf dem Balkon zusammen. Dann plaudern sie oder schweigen gemeinsam - je nach Stimmung.

"Aufgesetzte, aufmunternde Worte: Das gibt es bei mir nicht", sagt Nina de Vries. "Ich gebe mich so, wie ich selbst in diesem Moment bin. Und ich denke, genau diese Echtheit führt dazu, dass sich die Menschen mit mir wohl und von mir ernst genommen fühlen." Dazu gehört auch, dass sie ihre Grenzen deutlich klar macht. "Zum Abschied bringt mich Horst stets zum Fahrstuhl und gibt mir ein Küsschen", sagt sie. "Dann drehe ich den Kopf zur Seite, denn ich will nicht auf den Mund geküsst werden." Wenn Horst dann aber vorschlägt, sich das nächste Mal bei ihm zu Hause zu treffen, spielt sie das Spiel mit, macht eine humorvolle Bemerkung. "Menschen mit Korsakow-Syndrom leugnen oft Gegebenheiten, sie wollen die Realität nicht wahrhaben", sagt sie und zuckt mit den Achseln. "Und ich will meinen Klienten gut tun, Glücksmomente schaffen."

Sich ganz einlassen und gleichzeitig wachsam bleiben, um sich selbst und den anderen zu schützen: Es ist ein Spagat. Nina de Vries hat Ausbildungen in Massage und Körperarbeit - das hilft. Zudem hat sie ein therapeutisches Training absolviert und jahrelange Erfahrung in erotischer Tantra-Massage. Auch ihr eigenes Verhältnis zu ihrem Körper, zu Sexualität musste sie zunächst klären und die Grenzen sorgsam ausloten.

Dass Nina de Vries heute ausschließlich mit Behinderten und Dementen arbeitet, hat sich durch die steigende Zahl an Anfragen entwickelt. Es sei nicht so, dass sie Behinderten immer so ungehemmt gegenüber getreten sei, erzählt die Tochter eines Lehrers und einer Hausfrau. "Als ich ein Kind war, sagten meine Eltern: 'Schau mal, ein Unglücklicher', wenn wir einen Behinderten auf der Straße sahen", sagt sie. "Ich hatte Angst und Vorurteile." Aber sie mag Herausforderungen - und findet, "dass ich meine Fähigkeiten bei dieser Arbeit am besten zur Verfügung stellen kann": Empfindsamkeit, Humor, Freude am Anderssein.

Schenken und beschenkt werden

Es ist nicht selten, dass sich Nina de Vries, die sexuelle Dienstleisterin, als eigentlich Beschenkte vorkommt - weil sie von ihren Klienten so viel lernen kann über Kommunikation, sich selbst, das Leben. "Manchmal denke ich, dass Menschen mit geistigen Behinderungen mehr die Wirklichkeit sehen als wir", sagt Nina de Vries. "Wir sind damit beschäftigt, alles einzuordnen, zu funktionieren. Viele Fähigkeiten gehen darüber verloren - und auch die Wahrnehmung, dass das, was wir die Realität nennen, nichts anderes ist als unser Konzept von der Wirklichkeit." Auch heben sich für sie die Unterschiede immer weiter auf. "Wir haben alle Sehnsucht nach Berührung, Anerkennung, Gesehen werden. Wahrscheinlich können wir deswegen nicht so gut auf die schauen, die ihre Bedürftigkeit nicht unterschlagen können."

Nina de Vries lehnt sich zurück, legt ihre Hände in den Nacken. Die Beine, wie der Rest ihres Körpers in Schwarz gehüllt, hat sie übereinander geschlagen. Nur der rechte Fuß, in einer roten Pantolette, kreist keck in der Luft. Esoterikerin, Hure: Sie kennt all diese Vorurteile über ihre Person - und freut sich über alles, was diese zerstören kann. Lachend erzählt sie, dass sie vor zwei Wochen Oma geworden sei: Die Tochter ihres Lebensgefährten habe einen Sohn bekommen. Mittlerweile ist Nina de Vries auch eine gefragte Rednerin und Fachbuchautorin zum Thema Sexualität und Behinderung und hat andere Menschen zu Sexualbegleitern ausgebildet.

Ihre Reise ins Leben, in all seinen Facetten, hat die Holländerin mittlerweile nach Potsdam-Babelsberg geführt, in eine Parterrewohnung, die gefüllt ist mit Farben und Formen: Postkarten, Büchern, Kissen, Fundstücken vom letzten Spaziergang. Sie wirkt wie ein Nest, in dem man Kraft sammeln kann - Kraft für den nächsten Ausflug ins Weite, Ungewisse. Auf Wiedersehen, sagt Nina de Vries. Dann schließt sie die Wohnungstüren. Es sind zwei: Die eine führt nach innen, die andere nach außen.

* Name geändert

"Niemand wird bewertet oder ausgelacht"

Nina de Vries, Sexualbegleiterin

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