Interview

Eine Kindheit unter Indianern

Catherina Rusts Lieblingsspielzeug waren Pfeil und Bogen, ihr Planschbecken war der Rio Paru, ihr Spielplatz der Amazonas-Regenwald. Als Einjährige kam sie mit ihren Eltern für deren Forschungsprojekt zu den Aparai-Wajana-Indianern, lebte fünf Jahre lang im brasilianischen Dschungel. Ihre erste Sprache war Aparai.

Sie ist sechs - so alt wie ihre Tochter heute - als sie mit den Eltern zurück nach Deutschland kommt. Mittlerweile arbeitet Catherina Rust (40) als Journalistin in Berlin, wo sie mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter lebt. Für sie hat sie ihre Kindheitserinnerungen aufgeschrieben, um zu erklären, warum sie sich bis heute ein bisschen anders fühlt und viele Sachen ein bisschen anders sieht, vor allem bei der Kindererziehung.

Berliner Morgenpost: Frau Rust, was ist Ihre erste Kindheitserinnerung?

Catherina Rust: Ich bin etwa drei Jahre alt und sitze mit meiner Wahlfamilie - Großmutter Antonia, Großvater Araiba, meiner großen Patenschwester Sylvia und meinem Patenbruder Inaina - auf dem Boden um einen Kessel mit Essen herum.

Berliner Morgenpost: Mit welchen Gefühlen verbinden Sie diese Erinnerung?

Catherina Rust: Ich habe eine tiefe Geborgenheit und Vertrautheit gespürt. Diese Gefühle kann ich heute noch abrufen, sie sind mein Fundament. Mit diesem Urvertrauen konnte ich in meinem Leben so manche schwierige Situation meistern, die mich sonst umgepustet hätte.

Berliner Morgenpost: So ein Urvertrauen ist jedem Kind zu wünschen, wie muss Erziehung sein, damit es entsteht?

Catherina Rust: Leider muss ich sagen, dass mich der Umgang mit Kindern hier im Westen total schockiert hat, als ich mit sechs Jahren nach Deutschland kam. Die Aparai vergöttern ihre Kinder geradezu, denn sie sind ihre Zukunft. In Deutschland wird man als Kind überhaupt nicht ernst genommen. Damals in den Siebzigern war die Erziehung außerdem noch furchtbar autoritär, heute ist sie allerdings zu lasch.

Berliner Morgenpost: Aber heute vergöttern doch hier auch viele Eltern ihre Kinder, man denke nur an frühkindliche Erziehung.

Catherina Rust: Ja, aber die Eltern verlassen sich mehr auf Ratgeberbücher als auf ihre Instinkte. Diese Unsicherheit überträgt sich auf die Kinder. Ich habe selbst neun Jahre in Prenzlauer Berg gelebt. Da heißt es auf dem Spielplatz: Nein, da kannst du nicht hochklettern, dafür bis du noch zu klein. Pass auf, du fällst runter und tust dir weh! Aparai würden einem kleinen Kind, das einen Baum hochklettern will, genau erklären, was es machen muss, damit es nicht runterfällt. Und dem Kind damit zeigen: Du bist toll, ich glaub an dich!

Berliner Morgenpost: Wie sehen die Familienstrukturen bei den Aparai aus?

Catherina Rust: Zunächst einmal gibt es keinen Unterschied zwischen Blutsverwandtschaft und Wahlverwandtschaft. Die einzelnen Sippen bestehen aus Eltern, Großeltern und Kindern und sind mit drei bis fünf verwandten Familien, also den Tanten und Onkel, zu einem Clan zusammengeschlossen. Sie nehmen aber auch neue Mitglieder von außen auf, wie mich.

Berliner Morgenpost: Wie kam es dazu?

Catherina Rust: Meine Eltern hatten schon bei früheren Aufenthalten eine starke Bindung zu Antonia und Araiba. Für die war es völlig selbstverständlich, mich als ihr Kind aufzunehmen. Im Dschungel gibt es keine Singles. Meine Familie hat etwa Peputo, eine ältere Frau, aufgenommen, nachdem ihr Mann gestorben war. Sie hatte sonst niemanden mehr, meine Familie empfand sie als Bereicherung.

Berliner Morgenpost: Gibt es überhaupt Individualität bei den Aparai?

Catherina Rust: Selbstverwirklichung in unserem Sinne gibt es nicht, über allem steht die Gemeinschaft. Aber in der Sprache der Aparai gibt es auch kein Wort für Einsamkeit. Sich allein zu fühlen, das habe ich erst in Deutschland kennengelernt. Ich war es gewohnt, immer viele Menschen um mich zu haben. Wir hatten oft 60 bis 80 Besucher im Dorf.

Berliner Morgenpost: Wieso das?

Catherina Rust: Die Männer ziehen nach der Hochzeit zur Familie ihrer Frau, die von einer anderen Sippe stammen muss. Aber natürlich wollen sie ihre Verwandten besuchen. Insgesamt ist die Aparai-Kultur ziemlich frauenfreundlich. Auch wenn die Arbeit klar getrennt ist - die Männer jagen, die Frauen kochen -, werden beide Geschlechter als ebenbürtig angesehen. Es ist beispielsweise auch kein bisschen unmännlich, wenn ein Aparai-Mann sich ausgiebig mit einem Baby beschäftigt. Die Betreuung der kleinen Geschwister ist sowieso Jungs-Sache.

Berliner Morgenpost: Können wir von den Aparai lernen?

Catherina Rust: Wenn ein Mann sich um Kinder kümmern will, sollten ihm nicht so viele Steine in den Weg gelegt werden. Zum Beispiel sollte die Elternzeit für Väter selbstverständlich sein und nicht zu einem Karriereknick führen. Es ist doch schlimm, dass die meisten jungen Väter, die arbeiten, ihre Kinder nur schlafend sehen.

Berliner Morgenpost: Ihre Tochter ist heute so alt wie Sie waren, als Sie wieder nach Deutschland kamen. Welche Erfahrung mit der "Zivilisation" hätten Sie ihr gerne erspart?

Catherina Rust: Diese rigide Einteilung in Gewinner und Verlierer. Das fängt spätestens in der Schule an mit Noten und Zeugnissen. Bei den Aparai gibt es diese Gewinner-Verlierer-Mentalität nicht. Bei meinem Clan gab es einen Mann, der durch eine Verletzung ein faules Bein hatte und nicht mehr jagen konnte. Aber dann wurde er der beste Kunsthandwerker des Clans. Jeder ist auf seine Art wertvoll.

Das Buch: Catherina Rust: "Das Mädchen vom Amazonas", Knaus Verlag, 349 Seiten, 19,99 Euro

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