Galli Theater

Warum laufen Schüler Amok?

Gewalt an Schulen: Das Galli Theater sucht mit Berliner Kindern Antworten

Ein Raunen geht durch den dunklen Zuschauerraum. Das Theaterstück ist zu Ende. Die Spannung, die sich in den vorangegangen Szenen auch im Publikum aufgebaut hat, löst sich. In der Aula der Evangelischen Schule in Charlottenburg, einer integrierten Sekundarschule, haben die neunten und zehnten Klassen gerade auf der Bühne einen nachgestellten Amoklauf verfolgt.

Der Täter wurde anschließend im Zwischenreich zwischen Leben und Tod mit den Konsequenzen seines Tuns konfrontiert. Doch es ist noch nicht ganz vorbei. Die Schüler sollen selbst Gott spielen.

Schüler als Richter

Einige werden auf die Bühne geholt, sitzen dort auf einer Art Thron und müssen über die Strafe entscheiden: Soll der Amokläufer, der Schüler und Lehrer erschossen hat, in die Hölle einfahren oder zurück in sein Leben gehen? Die meisten zögern, können sich nicht entscheiden, doch der Letzte fällte ein Urteil: "Zurück auf die Erde - aber nicht ohne eine harte Strafe." Der Täter solle spüren, was er den Opfern und ihren Angehörigen für körperlichen und seelischen Schmerz bereitet. Dann müsse er zurück in sein altes Leben.

Eine Woche lang trat das Galli-Theater Berlin in der Evangelischen Schule auf, spielte für die Kleinsten Rotkäppchen und für die Sechst- und Siebtklässler ein Stück über Verantwortung und Erwachsenwerden. Heute ist der letzte Tag, an dem sich die achten, neunten und zehnten Klassen "Die andere Seite" ansehen. "Präventionstheater" heißt das Projekt, das aus zwei Teilen besteht. Im ersten erleben die Schüler Problembereiche wie Gewalt, Alkoholsucht, Mobbing oder Missbrauch. Im zweiten Teil werden sie gruppen- oder klassenweise von Pädagogen betreut. Sie spielen Szenen zum Thema nach, denken sich welche aus oder diskutieren über Konsequenzen und Lösungen. In "Die andere Seite" steht nicht der Amoklauf selbst im Vordergrund, sondern die Auseinandersetzung mit den Konsequenzen. Was kommt danach? Wer ist von dem Leid betroffen? Was hat den Täter dazu gebracht? Es stellt sich heraus: Er war einsam und ausgegrenzt, hatte Pech in der Liebe. "Kein Grund zu töten!" rufen während des Stückes zwei Engel, die den Amokläufer im Zwischenreich empfangen. Es wird viel Musik gespielt, die Schauspieler bewegen sich oft zeitlupenartig. Gesprochen wird nicht viel, es bleibt viel Zeit zum Nachdenken.

Die Vorstellung hat offensichtlich Eindruck hinterlassen. Saskia (16): "Ich fand's beeindruckend zu sehen, wie ein Amoklauf nachgespielt wurde. Es war ganz anders, als wenn man es im Fernsehen sieht. Viel näher irgendwie." Auch die Nachbereitung gefällt ihr. "Normalerweise diskutiert man ab und zu über solche Themen, aber man beschäftigt sich nicht wirklich intensiv damit." Auch der 17-Jährige Chaiya ist froh, dass alle mal mit dem, was nach so einem Amoklauf passieren könnte, konfrontiert werden: "Es geht aufs Herz", sagt er "Man kann sich in alle Beteiligten gut hineinversetzen. Aber es ist natürlich total schwierig, am Ende ein Urteil über den Täter zu stellen." Dass man ruhig mehr hätte zeigen können, wie die Opfer umgebracht werden, findet Dilara (14). "Das zeigt vielleicht noch deutlicher, was er anrichtet. Und vielleicht auch, dass nicht nur der Täter einsam ist. Die, denen er ihre geliebten Menschen wegnimmt, sind auch einsam."

Konflikte lösen

Marion Martinez, Schauspielerin und Leiterin des Galli Theaters Berlin, ist immer wieder beeindruckt. "An den Reaktionen merken wir: Da passiert so viel bei den Schülern, sie versuchen wirklich, sich hineinzudenken." Die Urteile über den Amokläufer seien oft ähnlich. "Wir haben das Stück schon in vielen Schulen gespielt und oft wollen die Schüler am Ende, dass er wieder zurückgeht in seine Welt, zu seinen Eltern geht, sich entschuldigt. Doch manchen ist diese Urteils-Aufgabe auch zu hoch." Den Theatermachern ist wichtig, den Blick auf den Täter zu richten - und auf die Frage, was hat zu seiner Gewalttat geführt. Ein wichtiger Aspekt in der Gewaltprävention, denn meistens wird so auch das eigene Verhalten reflektiert. Wie passiert so etwas? Durch Ausgrenzung, meinen einige. Wenn keiner was mit einem zu tun haben will. "Das kommt zum Beispiel vor, wenn man nicht so redet oder aussieht, wie die anderen, oder eigentlich überhaupt nicht gut aussieht", erklärt ein dunkelhaariges Mädchen. Bei Rollenspielen, die anschließend in den Klassenzimmern stattfinden, denken sich die Jugendlichen Szenen aus, die so ähnlich auf ihrem Schulhof stattfinden könnten. Ihre Aufgabe: Die Konfliktsituation darstellen und eine Lösung finden. Tatsächlich bedeutet das zwei Szenen. Eine, in der der Konflikt entsteht und eine zweite, in der die friedliche Variante gespielt wird. In der Klasse 9b geben sich die Schüler viel Mühe. Eine Mädchengruppe weist ein dazu stoßendes Mädchen ab, weil es uncool ist. In der alternativen Szene überlegen sie, ob sie ihm nicht doch eine Chance geben könnten. "Vielleicht ist sie ja doch ganz nett."