Abschiebung

"Ich habe seine ganze Kindheit verpasst"

Heimkehr nach Berlin: Jahrelang ist die Familie Derakhshan getrennt gewesen, weil Mutter und Sohn nach ihrer Flucht aus dem Iran abgeschoben wurden. Jetzt dürfen sie in Deutschland bleiben

Foto: Amin Akhtar

"Erst wenn ich dieses Papier in der Hand halte, habe ich wirklich keine Angst mehr", sagt Mojdeh Najafi Far auf Persisch und lächelt ihren Sohn Ali auffordernd an. Der übersetzt den melodischen Singsang seiner Mutter auf Deutsch. Für Mojdeh Najafi Far kann die Zeit bis zum 17. November gar nicht schnell genug vergehen.

An diesem Tag erhält ihr Mann Farid Derakhshan eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, danach erhalten sie und Ali das Recht in Deutschland zu leben, zu arbeiten, und das Recht nicht mehr warten zu müssen. Sie kann nicht mehr warten, sie hat es die vergangenen elf Jahre getan.

Es sieht gut aus, das Urteil zum Fall Derakhshan wurde bereits im Juli gefällt. Trotzdem ist es nach all dieser Zeit für die Familie immer noch ein kleines Wunder, dass sie an diesem Herbstabend in ihrem Wohnzimmer in Steglitz sitzt und zusammen Tee trinkt. Es ist ein kleines Bürokratie-Wunder. In der komplizierten Welt der deutschen Einwanderungspolitik sind viele Maßnahmen vielleicht notwendig, aber so hart, dass Wunder mühsam erkämpft werden müssen.

Mojdeh Najafi Far ist erst seit dem 22. September bei ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin. Zuvor lebte sie in der griechischen Hauptstadt Athen. Allein. Dorthin waren sie und Ali im April 2002 in einer Nacht- und Nebelaktion abgeschoben worden. Als die Beamten Mojdeh und den damals sechsjährigen Ali aus dem Schlaf rissen, konnte sie nur ein paar Sachen in den Koffer werfen, Farid schrie: "Wo bringt ihr meine Familie hin?" Er konnte nicht fassen, was passiert. Gerade erst war er doch vor staatlicher Willkür aus seiner Heimat geflohen.

Im Teheran wartet die Todesstrafe

Die Familie stammt aus der iranischen Hauptstadt Teheran. Als Ali gerade vier war, musste sein Vater wegen seines politischen Engagements fliehen, gegen ihn wurde die Todesstrafe verhängt. Farid konnte bei Verwandten in Berlin unterkommen. Als politisch Verfolgter erhielt er Asyl in Deutschland. Mojdeh und Ali wollten zu ihm. Sie bekamen aber kein Visum für Deutschland, nur für Griechenland. Im Oktober 2001 reisten sie trotzdem nach Deutschland, über Griechenland. Weil sie illegal hier waren, folgte 2002 die Abschiebung nach Griechenland. Als Flüchtlinge mussten sie nach der sogenannten Drittstaatenregelung in dem Land leben, das sie bei ihrer Einreise zuerst betreten haben. Auch wenn sie dort niemanden kennen und die Sprache nicht sprechen. Der Vater war damals in Berlin und konnte seinen Sohn bis 2007 nur zwei Mal sehen. "Ich habe fast seine ganze Kindheit verpasst, wie er lesen und schreiben lernt, aufwächst, das Wichtigste", sagt Farid Derakhshan heute traurig. "Dafür hat Mama fast meine ganze Pubertät nicht mitbekommen", sagt Ali leise und blickt vorsichtig zu seiner Mutter, die neben ihrem Mann auf der Couch sitzt.

Die beiden lächeln sich immer wieder kurz an, legen die Hand beim Erzählen auf den Arm des anderen. "Das Gefühl, endlich wieder zusammen zu sein, kann man nicht beschreiben", sagt Mojdeh. Denn 2007 kam zwar Ali nach Berlin, Mojdeh musste aber weiter in Griechenland bleiben und arbeiten, sie nahm jeden Gelegenheitsjob an, um die Familie über Wasser zu halten. Um Ali konnten sich in Berlin mehr Leute kümmern, neben dem Vater leben Oma, Onkel, Tanten und Cousins hier.

Ali geht also auf den Deutsch-Griechischen Zweig der Heinrich-von-Kleist-Schule in Tiergarten, schreibt gute Noten, findet Freunde. Doch eine Heimat kann Berlin nicht werden - die Sehnsucht nach der Mutter und die Angst vor der Abschiebung, schwebt wie ein dunkler Schatten über dem neuen Leben. Ali ist nur geduldet, im Februar 2010 kommt der Bescheid für die endgültige Ausweisung nach Griechenland. Eine Katastrophe. Die schließlich auch seine Klasse und seine Lehrer mitbekommen. Sie starten eine beispiellose Kampagne für Ali, demonstrieren, schreiben Briefe an Innensenator Erhardt Körting (SPD), machen den Fall öffentlich. Es zahlt sich aus: Nach vielen Ausschüssen, Beratungen, Bangen und Hoffen wird zunächst beschlossen, dass Ali solange in Berlin bleiben kann, wie sein Vater hier ist. Im Juli dieses Jahres kommt endlich die ersehnte dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für seinen Vater Farid.

Dadurch kann endlich auch Mojdeh durch einen Antrag auf Familienasyl nach Deutschland kommen. Nie habe sie in den neun Jahren in Athen die Hoffnung verloren, sagt sie, "meine Hoffnung war wie eine Kerze, die immer weiter heruntergebrannt ist, aber sie ist nie erloschen."

Jeder Tag ist ein kleines Fest

Als sie am 22. September endlich in Berlin landet, feiert die ganze Familie, "das Schönste war, einfach wieder zusammen sitzen, zusammen, zusammen essen zu können, wie eine richtige Familie", sagt Ali. Der Alltag fällt ihnen trotz der langen Trennung leicht, jeder Tag ist ein neues kleines Fest. Vorher fand das Familienleben abends via Skype statt, ein kleines Video-Fenster auf dem Computerbildschirm war Mojdehs Zugang zur Entwicklung ihres Sohnes, dort sah sie ihn erwachsen werden. Ali sieht älter aus als sechzehn, seine braunen Augen blicken meistens ernst, breite Schultern hat er bekommen, seitdem er zum Fitnesstraining geht. "Sportlich ist er und gut in der Schule" sagt Vater Farid stolz. Ali ist mittlerweile in der zehnten Klasse, will auf jeden Fall Abitur machen und dann studieren, vielleicht Medizin. In Deutschland.

Auch seine Mutter lernt fleißig, mit Fernsehen und Internet versucht sie sich selbst Deutsch beizubringen, bald will sie einen Kurs machen. Farid freut sich, dass er ab 17. November endlich offiziell arbeiten darf, er will Taxi fahren. In Iran war er ein angesehener Steuerfachmann, reiste geschäftlich durch das ganze Land. An seiner Heimat vermisse er den Anblick des glitzernden Wassers des Kaspischen Meeres in Nordiran. Und die Familie natürlich, wirft Mojdeh ein. Doch zurück würden sie nicht wollen, "dann wären die elf Jahre Warten ja umsonst gewesen." Doch die Zeit ohneeinander habe ihre Beziehung verändert, sagt Farid und blickt Mojdeh in die Augen, "die Liebe wird durch das Warten noch größer."