Partnerschaft

Die Tücken des Pärchen-Universums

Um 19 Uhr schaute ich immer diese Kochsendung. Danach variierte meine Abendgestaltung je nach Wochentag, dienstags ging ich zur Bauch-Beine-Po-Gymnastik, mittwochs liefen Serien. Dazu gab es Essen, das ich mir nur in den Ofen schieben musste, perfektes Dinner hatte ich ja im Fernsehen. Eigentlich ein schönes Leben. Ein Single-Leben.

Über drei Jahre durfte ich es führen, jetzt ist es vorbei. Plötzlich soll ich nämlich kein Single mehr sein, und - ich undankbares Geschöpf - nach all den Dating-Desastern, über die ich sonst gejammert habe, ist mir das auch wieder nicht recht.

Es gibt rund 17 Millionen Singles in Deutschland. Auch wenn es ihnen häufig unterstellt wird: Längst nicht alle sind verzweifelt oder auf der Suche. Manche Singles sind gern alleine, definieren sich über andere Dinge als eine Partnerschaft. So einer war ich. Doch trotzdem passiert sie: die Liebe. Und wo eigentlich Happy End draufsteht, beginnt etwas, das manch einen zunächst überfordert.

Als Single wusste ich, wie alles funktioniert in meinem Leben. Ich hatte mich eingerichtet in einer ganz angenehmen Routine. Eigentlich war da gar kein Platz für einen Dauergast in meinem Leben - habe ich doch meinen Job, tolle Kollegen, Abende, die sich auch ohne Mann spielend füllen lassen mit Spannung, Spaß und meinen vielen Single-Freundinnen. Insgeheim wollen wir natürlich alle einen Mann, für den wir "die Eine" sind. Aber es muss eben nicht gleich jetzt sein - vor allem, wenn man erst Mitte 20 ist, wie wir. Später reicht auch noch. Denn bis dahin fühlt man sich doch auch ein bisschen cool, wenn man sich über Pärchen lustig machen kann. "Pärchen sind eklig", sagt meine Freundin Saskia immer, "guck mal, die haben Käse und Trauben auf Zahnstocher gespießt. Peinlich." Wir trinken dann Alkohol aus Flaschen und lachen. Ach nein, tranken muss es heißen, ich habe ja die Seiten gewechselt.

Manchmal machte es auch Spaß, das Single-Sein nicht so spaßig zu finden. Dann tranken wir erst recht Alkohol und jammerten ein bisschen, weil auch das gefühlt trillionste Date ein Desaster war und seufzten, wie einst Charlotte in "Sex and the City": "Ich habe Dates, seit ich 15 bin. Ich bin erschöpft. Wo ist er?" Das erörterten wir, lästerten noch ein bisschen über die spießigen Pärchen und waren gleichzeitig froh, alleine nach Hause gehen zu können und uns da nicht schämen zu müssen, weil wir nur mit Schlafbrille und Ohropax schlafen können. Sieht ja keiner. Nein, sah keiner! Und überhaupt, beim Schlafen störte auch keiner, das war viel wert, weil man ja immer viel vorhatte. Da waren zum Beispiel all diese Verabredungen, bei denen die kleinen und großen Dramen passierten, über die ich wieder ein paar Tage mit meinen Freundinnen sprechen konnte. So war ich irgendwie die ganze Zeit auf der Suche, lebte aber gleichzeitig ein Leben, in dem Männer wie Happenings auftauchten und wieder verschwanden. Bevor es ernst wurde und die Gefahr bestand, Kompromisse eingehen und Erwartungen erfüllen zu müssen, hatte ich längst etwas gefunden, was nicht passte und die Rückkehr in die heile Single-Welt erlaubte. Dort war es immer lustig. Filme hören ja auch meist auf, sobald sich zwei gefunden haben.

Und dann wurde plötzlich alles anders. Der Film lief weiter. Der Mann tauchte in meinem Leben auf, zu einem Zeitpunkt, an dem ich fand, dass alles auch oder gerade ohne Mann ganz gut war.

Ich soll nun also plötzlich das Pärchen sein, über das ich kürzlich noch Witze gemacht habe. So komisch es klingen mag - die Umstellung fällt erst mal schwer. Der Anfang einer Beziehung ist eigentlich die Zeit, in der man Hand in Hand über Wiesen läuft und sich mit Erdbeeren füttert. Das Verlieben, das Zusammenkommen, das Pärchen-Werden wird überall als pures Glück präsentiert - aber nachdem man lange Single war, ist man zunächst verunsichert. Wie geht es eigentlich noch mal, Pärchen zu sein? Ich will nicht glauben, dass ich nun Teil von einem sein soll und warte auf diesen Punkt, der sonst immer kam. Der Punkt, an dem sich die Männer, die ich traf, als schizophren, psychopathisch oder dumm entpuppt haben, an dem sie mich enttäuscht oder sich einfach nicht mehr gemeldet haben. Doch dieser Punkt kommt nicht.

Er, der Mann, der mich zum Paar machen will, hat keine Probleme, das zu sagen und viel dafür zu tun. Auch nach mehreren Wochen ist er erfreut und nicht bekifft, wenn ich ihn anrufe, es tauchen keine zwei Kinder auf, die er bisher verschwiegen hat. Alles schon passiert. Es läuft beängstigend gut in Richtung echte Beziehung und an diesen Gedanken muss sich der Langzeit-Single in mir erst mal gewöhnen.

Michael Mary berät seit über 30 Jahren Paare und Singles und veröffentlichte im September den Ratgeber "Wo bist du und wenn nicht, wieso?" Darin stellt auch er fest: "Single zu sein ist kein Makel und nicht automatisch von Nachteil. Ganz im Gegenteil: Es können sich auch erhebliche Vorteile mit diesem Zustand verbinden."

Also gut, ich bin jetzt kein Single mehr und möchte das ja auch gar nicht schlecht finden. Jetzt, da ich so mit Zuneigung verwöhnt werde, scheine ich vergessen zu haben, dass ich als Single natürlich Momente durchlebte, in denen ich mir sehnlich gewünscht habe, Teil eines Paares zu sein. Doch diese Momente scheinen im Angesicht dieser realen Beziehung plötzlich weit weg. Paarberater Michael Mary erkennt in dieser Phase einer Beziehung ein Problem als zentral: "Wenn man lange Single war, konnte man sich ungestört als Individuum ausleben und will darauf auch in einer Partnerschaft nicht verzichten. Das soll man aber auch gar nicht. Wenn ich für einen Partner plötzlich auf vieles verzichte, dann nehme ich ihm das irgendwann übel - obwohl eigentlich ich den Fehler der Selbstverleugnung gemacht habe." Daher solle man sich von Anfang an so zeigen, wie man ist, sagen, was man will und was nicht. Also sage ich dem neuen Mann, dass ich immer noch fernsehen, ausgehen, stundenlang telefonieren oder meine Froschkönig-Sammlung (wie gesagt, ich war länger Single) bewundern will. Er hat zum Glück Verständnis. Und so gucke ich weiter meine Lieblingssendungen - allerdings immer öfter bei ihm.

Auch für Single-Freundschaften kann es schwierig sein, wenn der Beziehungsstatus einer Freundin sich plötzlich ändert. Ein paar Sachen musste ich meinen Freundinnen versprechen: Ich darf nie sagen "Ich muss erst schauen, ob wir Zeit haben", einen Spiele-Abend "mit befreundeten Paaren" veranstalten oder Pärchen-Handschuhe kaufen. Dennoch muss man sein Leben umstrukturieren.

Es ist immer wieder eine Herausforderung, kein Single mehr zu sein. Soll ich jetzt nur noch zu zweit Urlaub machen? Müssen wir immer ganz viel über unsere Gefühle reden? Nein, ich kann das viel entspannter sehen, meint Mary: "Man sollte all diese Konzepte vergessen, wie es zu sein hat, was angeblich eine gute Beziehung ausmacht. Man sollte die Art von Partnerschaft leben, die beiden entspricht und die sich miteinander ergibt." Dafür seien auch gar keine Kompromisse nötig: "In der Liebe macht man keine Kompromisse. Sondern Geschenke - auf die der andere aber keinen Anspruch hat."

"Wenn ich für einen Partner auf vieles verzichte, nehme ich ihm das irgendwann übel"

Michael Mary, Paarberater