Beim Friseur im Seniorenheim

Waschen, schneiden, reden

Schönheit riecht hier nach Ammoniak und brennt in der Nase. Frau Peters sitzt am Waschbecken und hat eine Plastikhaube auf dem Kopf, mit der sie ein bisschen wie ein Chirurg aussieht. Ihre jüngere Schwester hatte sie hierher gebracht und sich dann verabschiedet mit den Worten: "Tschüs, bis später, meine Liebe, dann lass dich mal hübsch machen!"

Die beiden wohnen in Pankow und kommen regelmäßig mit dem Taxi nach Niederschönhausen. Spätestens alle drei Monate lässt sich Frau Peters im Friseursalon im Haus Immanuel des Elisabeth Diakoniewerks eine frische Dauerwelle machen. Schönheit für Kopf und Seele.

Friseurin Petra Gohel (59) schneidet hier seit 20 Jahren Haare. Graue und weiße sind es hauptsächlich. Das Haus Immanuel ist ein Seniorenwohnheim. Die meisten ihrer Kundinnen und Kunden wohnen hier, Frau Peters ist eine Ausnahme. Unten im Erdgeschoss, gleich neben dem Eingang, hatte Petra Gohels Chefin Marina Kaiser den kleinen Frisiersalon kurz nach der Eröffnung des Seniorenheims 1991 eingerichtet. Cremefarbene Wände, Vorhänge in Orange, ein großer Fikus im Topf. Drei Waschbecken, zwei Trockenhauben, zwei Rollwagen mit Scheren, Bürsten und Wicklern, Stapel sauberer Handtücher. An drei Tagen die Woche ist Petra Gohel für jeweils vier Stunden da. Bis zu etwa acht Kunden macht sie in der Zeit das Haar, schätzt sie. Gefragt sind vor allem Kurzhaarschnitte und Dauerwellen, plus Schnitt und Einlegen kosten die 27 Euro.

Frau Peters kratzt an der Plastikhaube über ihren Lockenwicklern, die Dauerwellenflüssigkeit juckt. Ihr gegenüber sitzt Frau Winkler, graues Haar bis zu den Ohrläppchen, auch sie hat den Kopf voller Lockenwickler. Ihr Haar sieht damit aus wie eine Mozart-Perücke. Friseurin Petra Gohel schiebt die alte Dame unter die Trockenhaube in der Ecke. Die Wärme trocknet eingedrehtes Haar zu Locken und macht runzlige Wangen rosig.

Die Glastür zum Salon öffnet sich, ein Rollstuhl wird hereingefahren. Frau Walter, glatte weiße Ponyfrisur. Der Zivi verabschiedet sich, Petra Gohel grüßt noch einmal, man kennt sich. Sie legt der alten Dame ein schneeweißes Handtuch um die Schultern. "Na, dann wollen wir mal sehen, was wir Ihnen heute Schönes machen, was, Frau Walter?"

"Ach, oje, oje, machen Sie mich mal nicht so nass, bitte." Nervöses Kopfschütteln. Der Rollstuhl ruckelt.

"Na, sie wollen doch nen schicken Haarschnitt, oder? Da müssen wir erst mal ordentlich waschen."

"Aber ich hab ja gar kein Geld dabei."

"Ach, Frau Walter, Sie brauchen doch kein Geld, das macht doch immer Ihre Tochter."

"Aber ich habe gar kein Geld. Oje, oje."

Shampoo, warmes Wasser. Petra Gohel massiert Frau Walter sanft den Kopf. Die alte Dame beruhigt sich. Petra Gohel kämmt und schneidet, kämmt und schneidet. Zu hören ist jetzt nur das Scherengeklapper und das Brummen der Trockenhaube in der Ecke. Die Damen dösen. Draußen, vor der Glastür, kommt Bewegung ins Seniorenheim. Das Mittagessen wird aufgetragen. Drinnen fallen noch immer weiße Haarsträhnen auf ockerfarbene Fliesen. In der Ecke schläft Frau Winkler weiter unter der großen blauen Trockenhaube, mit der sie aussieht wie ein Astronaut. Ein Astronaut beim Seniorenfriseur.

Frau Peters beobachtet Petra Gohel beim Arbeiten. "Ich habe ja zu Hause noch extra Kaffee getrunken, damit die Dauerwelle besser wirkt." Dann erzählt sie von dem Taxifahrer, der sie und ihre Schwester hierher gebracht hat. "Früher bin ich ja viel Rad gefahren, aber heutzutage ist das ja ganz schön gefährlich." Die Friseurin nickt und kämmt. "Ich habe übrigens hier hinten so einen Puschel", Frau Peters tippt mit dem Zeigefinger auf ihre Haube, "ich habe schon versucht, den mit Öl zu bändigen..." Petra Gohel hält eine weiße Haarsträhne zwischen Zeige- und Mittelfinger, während sie von dem Kopf vor sich aufschaut: "Ich denke, Ihr Haar ist da zu trocken, da guck ich nachher mal, was wir tun können." Sie nickt hinüber zum Rollwagen, auf dem diverse Tiegel und Döschen stehen. "In meiner Zauberkiste finden wir schon was." Sie lächelt Frau Peters aufmunternd zu und nimmt eine riesige Flasche Haarschaum, so groß wie ihr Unterarm, knetet etwas was davon in das frisch geschnittene Haar von Frau Walter und zieht ihr einzelne Strähnen in die Stirn. "Frau, Walter, ist's recht so? Mit den Fransen?" - "Ja, schön. Aber ich hab ja gar kein Geld dabei." Frau Walter sieht jetzt wieder besorgt aus. Unruhig guckt sie zur Glastür, ruckelt an ihrem Rollstuhl. Petra Gohel streicht ihr über die handtuchbedeckte Schulter. "Ach, Frau Walter, das macht doch Ihre Tochter." Beim Föhnen schließt Frau Walter die Augen. Sie lächelt.

Petra Gohel kennt die alte Dame schon seit sie im Haus Immanuel arbeitet. Anfangs kam Frau Walter noch allein und zu Fuß, erzählte viel von ihrer Tochter und von früher. Mit den Jahren veränderte sich das, nun ist sie dement und auf den Rollstuhl angewiesen. Ihre Frisur ist dieselbe geblieben. Alle zwei Wochen bucht die Tochter einen Termin bei Petra Gohel. Das Haar von Frau Walter ist kurz und dünn, viel zu schneiden gibt es eigentlich nicht. Aber ihr Äußeres war der Dame immer wichtig, früher. Der Friseurbesuch als Konstante.

Walter öffnet die Augen und betrachtet sich im Spiegel. Ihr schneeweißes Haar ist nun bauschig wie Watte. Sie strahlt. "Oh, das ist ja schön." Ihr Kichern klingt jetzt wie das eines jungen Mädchens. "Sieht aus wie ein Vogelnest." Auch Frau Peters muss lachen. Frau Walter guckt sich ängstlich um. "Ob die mich noch holen?"

Frau Winkler ist soweit, Petra Gohel weckt die alte Dame mit einem sanften Griff. Als die dünnen grauen Plastikwickler wieder im Fach auf dem Rollwagen liegen, hat sie einen krausen Lockenkopf. Silbergrau, wie bei der Queen. Königlich ist jetzt auch ihre Körperhaltung: aufrecht und stolz sitzt sie im Rollstuhl.

Die Tür geht auf, ein Zivi holt Frau Walter ab ("Na, Frau Walter, Sie sehen aber schick aus!"). Der Geruch nach Deftigem strömt herein. "Ich hoffe, dass es heute Kartoffelsuppe mit Würstchen gibt", sagt Frau Winkler. Seit zwei Stunden sitzt sie schon im Salon. Ihr wurde das Haar gewaschen und eingedreht, sie hat geplaudert und gedöst. Zwei Stunden lang, zwischen Frühstück und Mittagessen, war richtig was los. Alle 14 Tage lässt sie sich die Haare einlegen.

84 Seniorinnen und Senioren leben im Immanuel-Haus, 36 weitere im anliegenden Dorothea-Haus, dazu gibt es 16 Plätze in der Kurzzeitpflege und noch mal 16 in der Tagesbetreuung. Mehr als die Hälfte der Bewohner, schätzt Petra Gohel, kommen regelmäßig zu ihr, auch, um sich die Haare waschen zu lassen. "Viele können das einfach nicht mehr so gut allein und die Pflegekräfte haben ja meist gar keine Zeit für ein bisschen Schönheitspflege." Kunden, die bettlägerig sind, besucht Petra Gohel auch schon mal auf Station, shampooniert Haar in ihrem mobilen Waschbecken.

Bei der großen Mehrheit von Petra Gohels Kundschaft geht es nicht bloß ums Haare schneiden. Es geht um Wohlbefinden. Um ein bisschen Abwechslung im oft eintönigen Wohnheimalltag. Um Rituale und Gewohnheiten von früher, menschlichen Kontakt, Gespräche. Und um Würde. Eine gepflegte Frisur bedeutet, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Es bedeutet, dass man theoretisch ausgehen könnte, zu Kaffee und Kuchen, raus in ein Café, ins Theater oder spazieren gehen. Nur wenige tun das tatsächlich. Wichtig ist: sie könnten.

Die Seniorinnen und Senioren lassen sich in dem kleinen Friseurgeschäft unten in ihrem Wohnheim hübsch machen und verwöhnen. Petra Gohel fragt sie nach dem Befinden, nach den Verwandten, dem Speiseplan der Woche. Was eben so gerade beschäftigt. "Man merkt, wie das den Leuten gut tut, wie sie aufblühen und irgendwie als anderer Mensch wieder rausgehen als sie gekommen sind", sagt Friseurin Petra Gohel. Auch der Leiter des Elisabeth Diakoniewerks Niederschönhausen, Peter Molle, weiß den kleinen Friseursalon zu schätzen: "Dort werden nicht nur die Haare gemacht, das ist für viele auch Pflege der Seele."

Petra Gohel ist Friseurin, Gesprächspartnerin, auch ein bisschen Therapeutin, für viele vielleicht sogar eine Art Ersatztochter. "Es ist erschreckend zu sehen, wie einsam viele der alten Leute sind", sagt Petra Gohel. Die Damen und Herren schütten ihr Herz bei ihr aus. "Sie erzählen mir von ihren Kindern und Enkeln, die sich kaum melden, von Streitereien mit Mitbewohnern und natürlich ganz viel von früher." Petra Gohel kennt die Biografien ihrer meisten Kunden gut.

Sie kämmt die frische Wasserwelle aus.

"Frau Winkler, ziept's?"

"Ach, ein bisschen. Geht."

"Kommt Ihre Tochter heute?"

"Ich weiß nicht."

"Bestimmt. Die kommt doch immer dienstags und freitags."

"Ja. Hoffentlich."

Petra Gohel sprüht großzügig Haarspray auf die weichen Wellen. Dann setzt sie ihr die Brille wieder auf. Frau Winkler strafft den Rücken, betrachtet sich mit kritischem Blick im Spiegel. Nickt. Sie ist zufrieden. Jetzt kann es zum Essen gehen.

Eine alte Dame in roter Strickjacke öffnet die Glastür. Petra Gohel schaut auf. "Na, Frau Paul?" - "Haben Sie vielleicht ein bisschen Haarspray für mich? Hier oben?" Die großgewachsene Frau zupft sich an der weißblonden Kurzhaarfrisur. "Aber natürlich, kommen Sie rein." Frau Paul hat einen Gips am rechten Arm. "Ich habe mir das Handgelenk gebrochen. Ich schaffe es einfach nicht, mich ordentlich zu kämmen." Sportlehrerin war sie, 83 Jahre lang wohnte sie allein, direkt gegenüber. Nun lebt auch sie im Seniorenheim. Petra Gohel kämmt und sprayt und kämmt und sprayt. Frau Paul hat störrisches Haar. Mit 94 Jahren ist sie eine der ältesten Kundinnen, aber auch eine der fittesten. Sie möchte gleich zur Werkarbeit. "Ich male doch so gern Blumen aus." Petra Gohel nickt. Neben dem Spiegel hängt ein Bild mit einer Sonnenblume in kräftigem Gelb, das ihr Frau Paul vor einiger Zeit geschenkt hat.

Frau Paul bleibt dann doch noch ein wenig, plauscht angeregt mit Frau Peters, während die ihre Fixierung aufgetragen bekommt. Sie erzählt vom Mittagessen, es gab Frikassee. Frau Winkler ist ein bisschen enttäuscht, keine Kartoffelsuppe also. Die Tür öffnet sich, eine Dame mit Rollator kommt herein. "Ach, Frau Neugebauer, sind Sie denn heute dran?", fragt Petra Gohel und angelt nach ihrem Terminbuch. "Nein, nein, ich wollt nur mal Hallo sagen."

"Viele können das nicht mehr so gut allein und die Pflegekräfte haben keine Zeit für Schönheitspflege"

Petra Gohel, Friseurin

"Beim Friseur werden nicht nur die Haare gemacht, das ist für viele auch Pflege der Seele"

Peter Molle, Leiter des Elisabeth Diakoniewerks Niederschönhausen