Interview mit Hans Bertram

"Eltern müssen Arbeitszeit mitbestimmen"

"Zeit für Familie": So überschrieb die Sachverständigenkommission ihren achten Familienbericht für das Bundesfamilienministerium, der Ende Oktober vorgelegt wurde. Das Ergebnis: Eltern wünschen sich mehr Zeit mit ihren Kindern - stärker als mehr Geld oder eine bessere Kinderbetreuung.

Doch wie sollte diese Zeit aussehen? Beatrix Fricke sprach darüber mit Professor Hans Bertram. Er ist Leiter des Lehrstuhls für Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität Berlin und Vater von drei erwachsenen Söhnen.

Berliner Morgenpost: Wie viel Zeit verbringen Mütter und Väter denn derzeit in Deutschland mit ihren Kindern?

Professor Hans Bertram: Die Mehrheit der Mütter, nämlich 57 Prozent, verbringt laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr an Werktagen drei bis sechs Stunden mit ihren Kindern. Bei den Vätern sind es überwiegend zwei Stunden. Auch am Wochenende sind die Mütter länger als die Väter mit den Kindern zusammen. Ich finde allerdings noch viel spannender zu fragen, was die Eltern in dieser gemeinsam verbrachten Zeit mit den Kindern machen.

Berliner Morgenpost: Was denn?

Professor Hans Bertram: Die Zeit, die sich Mütter und Väter aktiv mit ihrem Nachwuchs beschäftigen, ist deutlich geringer. Und das spüren Kinder genau. Die haben wir auch befragt. Vor allem die Väter werden von ihren Kindern ziemlich schlecht beurteilt. Nur ein Viertel der befragten Kinder zwischen sechs und 14 Jahren hat gesagt, dass sie sich wirklich auf sie konzentrieren. Bei den Müttern sagt das mehr als die Hälfte der Kinder.

Berliner Morgenpost: Wie erklären Sie sich das?

Professor Hans Bertram: Offenbar fällt es Müttern leichter, sich in der verfügbaren Zeit auf die Bedürfnisse ihrer Kinder zu konzentrieren. Männer brauchen vielleicht etwas Nachhilfe darin, was angesagt ist. Viele Beschäftigungen, die Kindern Spaß machen, finden ja eigentlich auch Männer toll. Ich jedenfalls habe mit meinen Söhnen immer gern komplizierte Lego-Autos zusammengebaut.

Berliner Morgenpost: Kann es denn helfen, Rituale einzuführen?

Professor Hans Bertram: Ja, Kinder mögen das. Das gemeinsame Frühstück und Abendessen zum Beispiel ist ganz wichtig, aber auch immer wiederkehrende Unternehmungen mit Mama oder Papa sind eine gute Sache. Rituale sind darüber hinaus nützlich für den Alltag: So lernen Kinder Ordnungsstrukturen. Und was die Eltern angeht: Sie sollten dringend lernen, den Beruf in der Familienzeit mal zu vergessen.

Berliner Morgenpost: Wie sähe die ideale Eltern-Kind-Zeit aus?

Professor Hans Bertram: In den Entwicklungsphasen des Kindes gibt es unterschiedliche Bedürfnisse. Heute ist Stillen wieder in. Also ist die Mutter in den ersten Lebensmonaten existenziell. Vor allem im Schulalter wird dann der Vater besonders wichtig. Er ist mit seinem Verhaltensspektrum eine gute Ergänzung und Alternative zum weiblichen Part und gerade für Jungen ein wichtiges Rollenmodell. Eine amerikanische Studie hat gezeigt: Väter, die sich mit ihren acht- bis 14-jährigen Kindern intensiv beschäftigen und sich tolerant zeigen, legen die Basis für ein sehr gutes Verhältnis auch im Erwachsenenalter. Wenn die Väter jedoch in dieser Zeit Zwang ausüben oder gleichgültig sind, lässt sich das in der Eltern-Kind-Beziehung kaum mehr reparieren. Das gilt für Jungen wie für Mädchen.

Berliner Morgenpost: Apropos Rollenmodell: Was halten denn Kinder davon, dass Papa sich im Haushalt beteiligt und Mama arbeiten geht?

Professor Hans Bertram: Da sind die Kinder weiter als wir Erwachsene. Den Kindern ist es egal, wer welche Aufgaben verrichtet. In den 60er-Jahren haben Männer übrigens etwa eine Stunde pro Woche im Haushalt geholfen. Heute arbeiten sie 16 bis 17 Stunden im Haushalt. Das ist zwar noch deutlich weniger als bei den Frauen mit 32 bis 35 Stunden pro Woche, aber immerhin etwas. Und wenn die Mutter beides managt - Haushalt und Job - macht es Kinder stolz. Sie sehen und schätzen auch die ökonomische Sicherheit, die sich daraus ergibt. Die typisch deutsche Debatte über das schlechte Gewissen wegen des Arbeitens kann man sich sparen - so lange genug aktive Eltern-Kind-Zeit übrig bleibt.

Berliner Morgenpost: Hat sich denn der Spagat zwischen Job und Familienleben nicht verschärft?

Professor Hans Bertram: Mit Sicherheit. Das liegt an den flexiblen Arbeitszeiten. Sie haben sich richtiggehend in die Familienzeit "reingefressen". Wer noch um 20 Uhr als Verkäuferin arbeitet, kann eben nicht mit der Familie gemeinsam am Abendbrottisch sitzen. Die Liberalisierung will ja keiner mehr missen, aber man muss sich bewusst werden, dass dies zu einem Managementproblem in den Familien führt. Noch liegt die Zeitsouveränität beim Arbeitgeber. Das muss sich ändern. Mütter und Väter müssen über die Arbeitszeit und die Arbeitsorganisation mitbestimmen dürfen.

Berliner Morgenpost: Wie kann das aussehen?

Professor Hans Bertram: Es gibt viele gute Ideen. Eine große US-Softwarefirma bietet zum Beispiel an, dass die Kinder die Sporteinrichtungen und die Mensa auf dem Unternehmensgelände mitbenutzen. Das ist praktisch für die Eltern und für die Kinder. Beim Hessischen Rundfunk betreuen pensionierte Redakteure Kinder von Mitarbeitern. Die Betriebe müssen Ideen entwickeln und umsetzen - so, wie sie für die individuellen Bedürfnisse passen.

Berliner Morgenpost: Aber wird denn etwas passieren, so lange es politisch keinen Druck gibt?

Professor Hans Bertram: Natürlich sollte auch die Politik etwas tun. Das Kernproblem ist doch, dass die Arbeitswelt am männlichen Lebensverlaufsmodell orientiert ist. Und da kommt das Kinderkriegen und -versorgen nicht vor. So lange sich das nicht ändert, gibt es auch keine Lösung für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Berliner Morgenpost: Was schlagen Sie konkret vor?

Professor Hans Bertram: Man könnte zum Beispiel den Rechtsanspruch auf Teilzeit ausweiten auf einen Rechtsanspruch auf Organisation der Arbeitszeit. Oder Lebensarbeitszeitkonten einführen. Auf diese Weise könnten sich Arbeitnehmer für eine bestimmte, längere Zeit freistellen lassen - etwa für die Erziehung der Kinder oder die Pflege von Angehörigen. Die Kontinuität des Arbeitens wird hierzulande völlig überbewertet. Wer drei Jahre ausgesetzt hat, kann doch problemlos wiederkommen und trotzdem gut sein. Und auch die Anwesenheitspflicht ist womöglich nichts anderes als ein fehlerhaftes kulturelles Muster.

Berliner Morgenpost: Dennoch ist die Familienzeit doch heute kürzer als früher, oder?

Professor Hans Bertram: Das ist ein Trugschluss. Auch früher hatten Kinder schon viele andere Bezugspersonen. Sie passten auf die Kinder auf, wenn die Eltern arbeiteten. Es ist sogar ganz wichtig, dass die Kinder aus dem familiären Kontext herauskommen, um ihren Erfahrungshorizont zu erweitern. Am Anfang braucht das Kind eine Person, die "crazy" für es ist. Dann kommt die Welterweiterung - mit sechs Monaten oder mit einem Jahr, je nach Charakter, Neugier und Interesse des Kindes. Die neuen Bindungen in Krippe und Kita stehen dabei nie in Konkurrenz zu denen zu den Eltern. Sie ersetzen sie nicht, sondern ergänzen sie.