Pflegefamilie

Abschied von Riccarda

Fast drei Jahre lebte das Mädchen als Pflegekind bei Familie B. Doch nun muss es wieder zurück zu seinen leiblichen Eltern

Foto: David Heerde

Tanja B. erinnert sich noch genau an das Gefühl, als sie Riccarda (Name geändert) im September 2008 das erste Mal in den Armen hielt. "Sie war klein und viel zu leicht für ihre acht Wochen", erinnert sich die 33-Jährige, "und sie zeigte kaum Regungen". Tanja und Tino B. erklärten sich bereit, Riccarda zur Krisenpflege bei sich aufzunehmen. Das Mädchen wurde im Juli 2008 geboren, es ist das vierte Kind seiner Eltern. Im Alter von zwei Monaten fanden Familienhelfer das Baby untergewichtig, apathisch und trotz warmer Temperaturen so fest eingewickelt vor, dass es sich kaum rühren konnte. Es lag unbeaufsichtigt in einem Nebenzimmer, ans Bett ein Fläschchen gebunden, aus dem sich der Säugling selbst bedienen sollte. Die Hunde, die auch im Haushalt wohnen, sprangen auf dem Bett herum, die Wohnung war dreckig. Der Kindergesundheitsdienst meldete potenzielle Lebensgefahr für Riccarda, das Jugendamt Spandau nahm sie in Obhut. All das erfahren die Pflegeeltern, als ihnen das Baby übergeben wird.

Vorgesehen ist, dass eine Krisenpflege längstens drei Monate dauert, bis geklärt ist, wo das Kind in Zukunft untergebracht wird. Riccarda blieb fast drei Jahre bei der Familie in Spandau, in der neben Tanja und Tino B. ihre zwei leiblichen Kinder und seit sechs Jahren eine weitere Pflegetochter leben. Seit Mitte Juli lebt Riccarda wieder bei ihren leiblichen Eltern. Die Geschichte eines langen Abschieds.

September 2008 Als Riccarda zu ihren Pflegeeltern kommt, braucht sie viel Zuwendung. "Anfangs hat sie nicht einmal geschrien, wenn sie Hunger hatte", sagt Tanja B. - so als habe sie schon gelernt, dass dies nicht hilft. In der Pflegefamilie nimmt das Mädchen schnell zu, sein Gesundheitszustand stabilisiert sich. Doch in den nächsten Monaten zeigen sich Entwicklungsstörungen in der Motorik sowie eine Epilepsie. Bei Riccarda wird ein partielles fetales Alkoholsyndrom (FAS) diagnostiziert. Die Mutter habe Alkoholkonsum während der Schwangerschaft aber abgestritten, so Tino B.

Februar 2009 Während der ersten Monate in der Pflegefamilie sieht Riccarda ihre leiblichen Eltern nur selten. "Ein Kontaktangebot gab es", sagt Tino B., "aber es wurde von Seiten der Eltern nur selten wahrgenommen". Die Mutter ist erneut schwanger und oft krank, der Vater sagt die Termine häufig ab. Riccardas Bindung an ihre Pflegefamilie wächst. Insofern überrascht es Tanja und Tino B. auch nicht, als die Sachverständigen zu dem Schluss kommen, Riccarda solle in der Pflegefamilie bleiben. Die Pflegeeltern erklären sich einverstanden - die Eltern nicht.

Mai 2009 Die Kontakte zu den Eltern werden nicht intensiver. Der Vater hat zwischenzeitlich Kontaktverbot, weil der Verdacht besteht, dass er Riccardas dreijährige Schwester sexuell missbraucht haben soll. Nach diesem Vorfall wird bekräftigt, Riccarda solle bei ihren Pflegeeltern bleiben. Tanja und Tino B. stellen sich auf eine Dauerpflege Riccardas ein.

Juni 2009 Plötzlich ist von einem Missbrauchsverdacht keine Rede mehr. Riccardas Schwester soll sich nur missverständlich ausgedrückt habe. Beide Mädchen, also auch Riccarda, sollen zurück zu ihren Eltern. "Das war für mich ein Schock", erinnert sich Tanja B., "sie war mir doch längst genauso ans Herz gewachsen wie meine eigenen Kinder und meine zweite Pflegetochter." Riccardas Herkunftsfamilie soll in ein Wohnprojekt außerhalb Berlins ziehen. Das Konzept sieht eine Art betreutes Wohnen für Familien vor, bei dem die Familie eine Wohnung gestellt und zwei Jahre lang wöchentlich 80 Stunden Familienhilfe bekommt.

November 2009 Riccardas Familie ist in das Familienprojekt umgezogen, Riccarda soll nachkommen. "Zu ihren Eltern, die sie kaum gesehen hat, die nichts von ihrem Kind wissen, die nie nächtelang am Bett des kranken Kindes gesessen und ihren Kopf gestreichelt haben", sagt Tanja B. Sie und ihr Mann stellen einen Antrag, damit Riccarda bei ihnen bleiben kann. Es ist der Beginn eines monatelangen Tauziehens, in dem eine Vielzahl an Sozialarbeitern und das Familiengericht, später sogar das Berliner Kammergericht involviert sind. "Uns wurde vom Jugendamt vorgeworfen, dass wir uns wohl als die besseren Eltern sehen", sagt Tino B. Dabei kennt er die Rolle von Pflegeeltern genau, schließlich arbeitet der 34-Jährige selbst als Familienhelfer.

Mai 2010 Riccarda soll mehrfach bei ihren Eltern übernachten, damit der vom Familiengericht bestellte Gutachter sieht, wie das inzwischen fast zweijährige Mädchen reagiert. Die Termine werden immer wieder verschoben, weil Riccarda häufig krank ist. "Kein Termin ist ohne Krankschreibung vom Amtsarzt ausgefallen", versichert Tanja B. Die Übernachtungen habe Riccarda laut ihrer Pflegemutter nur schlecht verarbeitet: "Vorher war sie immer ganz still und hinterher sehr anhänglich, ich durfte kaum aus dem Haus gehen." Im Gutachten heißt es dagegen: Riccarda sei robust und habe keinen großen Trennungsschmerz bei den Übergaben an die Eltern gezeigt. Sie habe sich nicht gewehrt und nicht geweint. Tino B. kann dieser Einschätzung nicht folgen: "Man weiß doch, wie gut Kinder funktionieren, wie viel sie erdulden können. Nur die wenigsten Kinder sind so stark, dass sie sich wehren."

März 2011 Das Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg beschließt die "Rückführung" Riccardas - wie es im Jugendamtsdeutsch heißt. Fünf Tage hintereinander soll das Mädchen am Bahnhof Spandau morgens ihren Eltern übergeben und abends wieder von den Pflegeeltern entgegengenommen werden. Die Pflegeeltern legen Beschwerde ein. Sie bekommen die Auskunft, dass Riccarda bis zur endgültigen Entscheidung des Kammergerichts bei ihnen bleiben soll. Einen Tag vor der ersten Übergabe bekommt Riccarda einen epileptischen Anfall. Tanja B. fährt mit ihr in die Klinik. Zur Überprüfung müssen sie über Nacht im Krankenhaus bleiben. Während Tanja B. am nächsten Morgen auf die Entlassungspapiere wartet, kommt plötzlich die vom Jugendamt bestellte Vormünderin Riccardas in Begleitung von drei anderen Frauen der Sozialdienste ins Krankenzimmer. Die Vormünderin überreicht Tanja B. einen Zettel, auf dem ihr mitgeteilt wird, dass das Pflegeverhältnis mit sofortiger Wirkung beendet sei. "Ich hatte nur wenige Minuten, um mich zu verabschieden", sagt Tanja B., "Riccarda hat sich an mir festgekrallt und geschrien, es war schrecklich". Später liest sie in einem Bericht der Sozialarbeiterin eine andere Version. Demnach habe sich das Mädchen schnell von den ihr fremden Frauen beruhigen lassen. Tanja B. hingegen habe sich nicht kooperativ gezeigt.

Nur wenige Minuten, nachdem die vier Frauen mit Riccarda verschwunden sind, trifft der Bescheid des Kammergerichts ein: Riccarda soll vorerst bei den Pflegeeltern bleiben. Aber da ist sie ja nun schon nicht mehr. Zwei Stunden warten Tanja und Tino B. vor der Wohnung von Riccardas Familie in der Sozialeinrichtung. Man lässt sie nicht hinein. In ihrer Verzweiflung gehen sie zur Polizei, und am Abend ist Riccarda schließlich wieder bei ihnen. Heute sagen die Pflegeeltern: "Wir hätten das vielleicht auch besonnener angehen können, aber wir wussten in diesem Moment keinen anderen Ausweg."

Juli 2011 Das Kammergericht folgt der Entscheidung des Amtsgerichts. Riccarda wird ihren leiblichen Eltern übergeben.

Oktober 2011 : Riccarda lebt nun seit drei Monaten wieder bei ihren Eltern. Wie es ihr dort geht, wissen Tanja und Tino B. nicht. Die Vormünderin habe ihnen gesagt, sie dürften vorerst keinen Kontakt haben, Riccarda solle sich erst einmal "ohne Störungen" eingewöhnen. Der Schmerz für die Pflegefamilie ist groß. "Riccarda war immer so präsent", sagt Tanja B. Wenn sie den Kühlschrank öffne, spüre sie den kleinen Arm, der sich früher so oft an ihrem vorbeischlängelte, um Riccardas Lieblingsquark herauszufischen. Doch der steht längst nicht mehr im Kühlschrank.

Hoffnung, dass Riccarda wieder zu ihnen zurückkommt, haben die Pflegeeltern nach drei Monaten kaum noch. Aber sie wollen sie zumindest wiedersehen, sich vergewissern, wie es ihr geht. Auch wenn sie von Anfang an wussten, dass Riccarda unter Umständen nicht auf Dauer bei ihnen bleiben würde, so hat das Mädchen doch einen festen Platz im Herzen von Tanja und Tino B. Viele Fragen treiben das Ehepaar um. Zum Beispiel, was mit Riccarda wird, wenn das Wohnprojekt für Riccardas Herkunftsfamilie endet und die Familie nicht mehr 80 Stunden Hilfe bekommt, sondern in einer eigenen Wohnung weitgehend auf sich gestellt ist.

Tanja und Tino B. würden gern glauben, dass es Riccarda bei ihren leiblichen Eltern gut geht. "Es geht ja schließlich vor allem um sie", sagt Tanja B.. Und dann fügt sie leise hinzu: "Aber wir machen uns sehr große Sorgen."

Die noch amtierende Spandauer Jugendstadträtin Ursula Meys und die Leiterin des Jugendamtes Maria Loh wollen sich zu dem "Fall" Riccarda gegenüber der Berliner Morgenpost nicht äußern. Zu Einzelfällen gebe es keine Auskünfte. Jugendamtsleiterin Maria Loh beruft sich auf die Entscheidung der Gerichte und sagt noch: "Wir achten streng darauf, dass ein Kind nicht in Gefährdung gebracht wird."