Geburtshilfe

Die preußische Hebamme

Etwa 10 000 Kindern hat sie auf die Welt geholfen, darunter jüngst die Tochter von Familienministerin Kristina Schröder. Über ihre Erfahrungen aus 43 Jahren im Kreißsaal hat Luise Kaller jetzt ein Buch geschrieben

Foto: David Heerde

Es ist nicht leicht, einen Termin bei Luise Kaller zu bekommen. Sie gehört zu den wohl begehrtesten Hebammen in Berlin. Und zu den dienstältesten. Seit 43 Jahren arbeitet sie als Hebamme und ist auch mit ihren 66 Jahren immer noch Vollzeit dabei. 10 000 Kindern hat sie nach eigenen Schätzungen auf die Welt geholfen. In Berlin gilt sie auch als Promi-Hebamme. Es fing mit den Kindern von Lena Stolze an. Die Schauspielerin reichte die Hebamme an Kolleginnen weiter, und so stand Luise Kaller zum Beispiel auch Nadja Uhl, Mariella Ahrens und Anna Loos bei ihren Entbindungen zur Seite. Und im Sommer hat sie die Geburt der Tochter von Familienministerin Kristina Schröder begleitet.

Nach 33 Jahren Schichtdienst in der Klinik arbeitet Luise Kaller jetzt seit zehn Jahren als freiberufliche Beleghebamme. Das heißt, sie geht mit den Schwangeren in die Klinik und betreut dort die Entbindung. 120 Geburten sind es etwa im Jahr. Mehr schafft sie nicht, ihr Terminkalender zeigt kaum weiße Stellen, Handy und Festnetztelefon klingeln ständig. Zum Beispiel auch an diesem Morgen. In der Früh um fünf hat sie eine Hochschwangere mit starken Wehen aus dem Bett geklingelt. Der errechnete Geburtstermin war eigentlich erst drei Wochen später, "aber Babys kommen eben nicht nach Terminkalender", sagt Luise Kaller lachend, wie überhaupt jede Geburt nicht wie die andere sei. Auch nach so vielen Geburten erlebt die Hebamme das noch so. Über ihre Erfahrungen aus dem Kreißsaal hat sie jetzt ein Buch geschrieben, "Bauchgefühl", in dem sie ihr geballtes Hebammenwissen weitergibt.

So wie Luise Kaller sich mit ihren rot lackierten Fingernägeln, mit ihrer Leidenschaft für hochhackige Schuhe und schnelle Autos nicht einreiht in das landläufige Klischeebild einer Hebamme, so bildet dieses Buch einen Kontrapunkt zu den vielen Ratgebern rund um Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit. Es verströmt beim Lesen nicht den Duft von ätherischen Ölen und lässt auch keine Windspiele in den Ohren klingen. Luise Kaller mag es geerdet, ohne Firlefanz. In ihrem Buch gibt es vor allem praktische Tipps. Rigoros streicht sie etwa die Einkaufsliste fürs Baby zusammen, und sie macht auch kein Geheimnis daraus, dass sie Geburtsvorbereitungskurse für unnötig hält. "Während der Wehen haben die meisten Frauen alles wieder vergessen, aber wer es möchte, kann da natürlich hingehen", sagt sie. Von Globuli hält sie manches, aber jede Geburt würden sie auch nicht weiterbringen. Gar nichts hingegen hält sie von Hausgeburten. "Nur weil man ein Kind bekommt, muss man ja nicht wie im Mittelalter entbinden", sagt sie und warnt: "Die Geburt ist eine der gefährlichsten Situationen im Leben einer Frau und ihres Kindes." Außerdem ist Luise Kaller überzeugt: "Wenn man Wehen hat, ist einem sowieso egal, ob die Gardinen vor den Fenstern rosa gestreift oder weiß sind."

Dabei kam Luise Kaller selbst 1945 zu Hause zur Welt. Zwei Monate vor Kriegsende, in der sächsischen Oberlausitz. Hausgeburten waren damals üblich und die Krankenhäuser ohnehin voll mit verletzten Soldaten. Nach der Schule wollte Luise Kaller eigentlich Kosmetikerin werden, war aber für die Ausbildung mit 16 Jahren zu jung. Daher lernte sie Krankenschwester - den Beruf Hebamme kannte sie 1961 noch nicht. Aber als sie ihn später kennenlernte, wusste sie: Das wird meiner. Sie absolvierte eine zweite Ausbildung und arbeitete ab 1968 als Hebamme in einem kleinen Krankenhaus in Sachsen, wo sie noch in den 70er-Jahren manchmal sechs Kinder in einer Schicht holte. Sie heiratete, bekam zwei Söhne und arbeitete weiter. Mitte der 80er-Jahre ging die Ehe in die Brüche, Luise Kaller stellte einen Ausreiseantrag. Drei Jahre musste sie auf die Bewilligung warten, dann konnte sie mit ihren Söhnen endlich nach West-Berlin. Alle drei nur mit einem Koffer in der Hand - mehr durften sie aus ihrem bisherigen Leben nicht mitnehmen.

Nur wenige Monate vor dem Mauerfall begann ihr neues Leben im Westen. Alles war neu und fremd für Luise Kaller, ihr Beruf wurde zur Konstante - "die Geburt selbst ist ja in Ost und West gleich". Dennoch musste die damals eigentlich schon erfahrene Hebamme vieles neu lernen. Als sie bei ihrer ersten Stelle in der Frauenklinik Pulsstraße den Medikamentenschrank öffnete, "kam ich mir vor wie ein Schwein, das in ein Uhrwerk schaut - ich erkannte nichts". Von der Charlottenburger Entbindungsstation wechselte sie später ins Virchow-Klinikum, wo sie noch heute als Beleghebamme entbindet. Ein Arbeiten, das sie sehr schätzt, weil sie die werdenden Mütter - und Väter - vorab besser kennenlernt: "Man kann sich so viel besser auf sie einstellen, wenn man weiß, welche Geschichte dazugehört."

Ihr ist es vor allem wichtig, den werdenden Eltern das Gefühl von Sicherheit zu geben - auch dem Vater: "Von überall hört er, wie er als guter Vater zu sein hat und dass er bei einer Geburt dabei sein muss, sonst stimmt wohl mit seiner Beziehung etwas nicht." Dabei ist es noch gar nicht so lange üblich, dass Väter im Kreißsaal willkommen sind. Luise Kaller erinnert sich an das Schild, das in den 70er-Jahren in ihrem Krankenhaus an der Tür zur Säuglingsstation hing: "Neugeborene werden den Vätern einmalig von 18 bis 18.30 Uhr gezeigt".

Heute ist das undenkbar und das findet sie auch gut so. Den meisten Frauen tue es gut, wenn der Partner bei der Geburt dabei sei. Allerdings gebe es auch Männer, die es mit ihrer Vaterrolle ein wenig übertreiben würden. Sie kennt es schon, wenn Männer im Kreißsaal als erstes Stativ und Kamera auspacken, das macht sie mit. "Aber ich hatte mal eine Frau, die nach ein paar Stunden Wehen so erschöpft war, dass sie nach einer PDA verlangte. Doch der Mann blockte ab: ,Schatz, wir wollten doch keine Schmerzmittel!'" Das sind Momente, in denen Luise Kaller tief Luft holen muss, aber nur selten geht sie soweit, dass sie einen Mann deshalb aus dem Kreißsaal schickt. Eher dann, wenn sie merkt, dass er überfordert ist. "Dann schlage ich ihm vor, sich mal einen Kaffee zu holen", erzählt sie, "das tut oft beiden gut". Die Frau könne dann eher loslassen, der Mann sei dankbar für die Auszeit, weil er seine Frau nicht leiden sehen muss. "Nur zugeben will das keiner", sagt Luise Kaller. Der Druck sei einfach zu groß.

Zum einen machten sich die werdenden Eltern oft selbst zu viel Druck. Sie würden sich heute lieber einlesen, als sich auf ihre Intuition zu verlassen. Sie würden die Geburt und die Zeit danach minutiös planen, "und dann stellen sie fest, dass das Baby sich nicht wie eine Spülmaschine programmieren lässt, und fallen in ein Loch." Natürlich liege das auch daran, dass Frauen heute später Kinder bekommen. Da sind sie es vom Beruf her gewohnt, dass alles nach Plan läuft und sie den Tag genau takten können. "Viele Frauen brauchen dann einige Wochen, bis sie sich auf den Rhythmus der Babys einstellen können." Erschwerend komme der Druck von außen dazu. Jeder wolle heute mitreden, wenn es um Geburt oder Stillen gehe. "Aber es gibt da eben nicht den einen richtigen Weg", sagt Luise Kaller. Was als Norm gilt, sei doch auch abhängig von der jeweiligen Zeit. War zum Beispiel Stillen ab Mitte der 60er-Jahre verpönt, wird eine Mutter, die nicht 100-prozentig stillt, heute wahlweise mitleidig oder kopfschüttelnd angeschaut.

Viel wichtiger ist es Luise Kaller, dass es der Mutter bei allem gut geht. Wenn die Mutter entspannt ist, entspannt sich auch das Kind - so einfach sei die Rechnung. Dennoch falle es den Frauen heute sehr schwer, die Geburt auf sich zukommen zu lassen. Sie würden lieber bei der Anmeldung im Krankenhaus schriftlich angeben, in welcher Haltung sie entbinden wollen. Aber Luise Kaller ist sich sicher: "Wer vorher sagt, dass er in Hockstellung sein Kind bekommt, liegt dann wahrscheinlich doch auf dem Bett."

Zu viel Ehrgeiz im Kreißsaal - das ist nicht Luise Kallers Sache. Daher empfiehlt sie auch schon mal eine Periduralanästhesie, kurz PDA: "Wieso soll ich denn eine Frau leiden lassen? Ich gehe doch auch nicht zum Zahnarzt und lasse mir einen Zahn ohne Spritze ziehen." Luise Kaller will eine Geburt nicht ewig in die Länge ziehen. Natürlich gebe es keine festen Regeln, aber nach zehn, zwölf Stunden sollte schon Schluss sein. Auch beim Thema Kaiserschnitt zeigt sich Luise Kaller offener als die meisten Hebammen. Die Kaiserschnittrate von inzwischen über 30 Prozent hält sie zwar auch für zu hoch, aber sie ist überzeugt, dass die Frauen, die sich für einen Wunschkaiserschnitt entscheiden, sich das vorher genau überlegt haben. Und dann trägt sie diese Entscheidung mit: "Viele sagen, man müsste den Geburtsschmerz erlebt haben, aber das halte ich für Quatsch."

Sätze, mit denen sie die Kritik vieler Kolleginnen auf sich gezogen hat. Sätze, deretwegen Luise Kaller im Moment in Talkshows gefragt ist. Von einer Schwangeren wurde sie mal als zu preußisch kritisiert. Luise Kaller hat die negative Kritik für sich positiv umgedeutet: "Ja, ich bin gern eine preußische Hebamme." Natürlich würde sie nicht über den Kopf der werdenden Mutter hinweg entscheiden, aber sie nimmt sie gern an die Hand. Den werdenden Müttern, die heute ja oft nur ein Kind bekommen, werde zu viel selbst überlassen, das verunsichere sie. Aber natürlich will sie nicht in die Anfangszeit ihrer Berufszeit zurück, als die Frauen in die Klinik kamen, die Männer erst einmal nach Hause geschickt wurden und im Kreißsaal eine Schwangere kein Mitspracherecht hatte.

Nostalgie erleben hier nur manchmal Großmütter, hat Luise Kaller beobachtet. War ihr Wissen früher gefragt, als die Ratgeberabteilungen in den Buchläden noch nicht mit Schwangerschaftsratgebern gefüllt und die werdenden Mütter meist viel jünger waren, zeigen sich die Mütter heute weniger empfänglich für die Tipps der Großmuttergeneration. "Dann müssen sich die Mütter in pikiertem Tonfall Sprüche anhören wie: ,Wir haben ja wohl früher alles verkehrt gemacht.'" Das sei Unsinn und obendrein schürten solche Sätze völlig überflüssige Konflikte, warnt die Hebamme. "Viele Dinge macht man heute eben anders". Aber Luise Kaller sieht das mit großer Gelassenheit, dafür hat sie schon zu viele Trends, zu viele Duftöle, Hechelübungen und Gebärhocker kommen und gehen sehen.

Und sie hat schon viel erlebt in ihren 43 Berufsjahren. Sie erinnert sich, wie sie während ihrer Hebammenausbildung in einem Fahrstuhl notfallmäßig Geburtshilfe leisten musste. Sie weiß noch, dass ihre erste Frau, die sie als ausgebildete Hebamme im Kreißsaal betreute, ihr 13. Kind erwartete und eigentlich viel mehr Profi war als sie selbst. Sie muss noch heute lachen, wenn sie an die Frau denkt, die auf ihren schwangeren Bauch einen riesigen Tiger tätowiert hatte. Das Krankenhaus-Team taufte sie den "Tiger von Eschnapur" und amüsierte sich, als das Raubtier nach der Geburt zusammenschrumpelte. Und ihr fällt die Frau ein, die unbedingt zu Wagners "Walküre" entbinden wollte. Wenn es hilft, ist das für sie in Ordnung.

Dass es in ihrem Beruf immer wieder Neues gibt und dass sie andere Menschen kennenlernt, das schätzt Luise Kaller sehr. Allerdings zahlt sie dafür auch einen hohen Preis: "Das Privatleben bleibt auf der Strecke." Wie oft saß sie bei Freunden und musste aufbrechen, bevor es mit dem Essen überhaupt losging. Dennoch kann sie sich gut vorstellen, noch ein paar Jahre Geburten zu begleiten. Bis sie 70 ist, will sie auf jeden Fall weitermachen. Auch darin unterscheidet sie sich von vielen ihrer Kolleginnen: "Die meisten wollen nicht so ein Leben auf Abruf", sagt Luise Kaller. Sie hat es selbst erlebt: "Welcher Partner macht das schon mit?" Spätestens wenn Hebammen selbst Kinder bekommen, steigen viele aus dem Klinikalltag aus, geben Kurse und betreuen Mütter vor und nach, aber nicht mehr während der Geburt.

Für Luise Kaller aber ist die Geburt immer noch der schönste Moment in ihrem Beruf. Wenn sie den ersten Schrei des Babys hört und wenn sie die Gewissheit hat: Es ist alles gut gegangen. Nach 10 000 Entbindungen weiß sie: "Die Geburt ist doch kein Selbstzweck. Was wirklich zählt, ist, dass die Mutter am Ende ein gesundes Kind in den Armen hält."

Luise Kaller: "Bauchgefühl", List Verlag, 16,99 Euro.

Viele sagen, man müsste den Geburtsschmerz erlebt haben, aber das halte ich für Quatsch

Luise Kaller, Beleghebamme