Erziehung

Das Mama-Mobil

Von der Schule zum Sport, zum Kieferorthopäden, zum Klavierunterricht, zur Geburtstagsparty - Mütter sind ständig in Fahrbereitschaft

"Bin ins Wasser gefallen. Holst du mich ab?", smst mein Jüngster, den ich vor einer halben Stunde zum Rudern gebracht habe. Na klar, mein Schatz! Hab ja sonst nichts zu tun. Außer seine Schwester zur Klavierstunde zu kutschieren, auf dem Rückweg seinen Bruder vom Kindergeburtstag abzuholen und zwischendurch irgendwie den Einkauf zu schaffen. Da kommt schon die nächste sms: "Bringst du mich zum Reiten? Fahrrad ist platt", meldet die Große. Jahrelang geht das schon so. Mama macht mobil - bei Arbeit, Sport und Spiel. Als A-nach-B-Hinbringerin und B-nach-A-Zurückholerin, Fuhrparkleiterin und Chef-Chauffeuse in einer Person, ausgestattet mit einem Handy, das nie aus ist und der Bereitschaft, auch noch den letzten Cent zur Tankstelle zu tragen. Nach dem Füttern habe ich mir das Fahren auf Verlangen praktisch zur zweiten Natur gemacht. Gut, aber nicht immer nur gerne tue ich all das und werde dabei nicht müde zu beteuern, dass es mir nichts ausmacht, im Auto zu warten, bis der letzte Elfmeter geschossen ist, das Ruderboot verstaut, das Pferd im Stall vertäut, die Eigentümerschaft an einem rosa Glitzer-Haargummi zwischen zwei Primaballerinas geklärt ist.

Doch, doch, ich mag es, in Wartezimmern in alten Ausgaben der ApothekenUmschau zu blättern. Ich beiße die Zähne zusammen und mache in engen Fluren von Ballettschulen schlechten Small Talk mit anderen Müttern und finde eisern alle wirklich nett. Stündlich entscheide ich neu, was ich mit den ungenutzten Minuten zwischen Bringen und Abholen anfange. Reicht es, um das andere Kind zum Fußball zu bringen oder riskiere ich mutig die Knolle, parke im Parkverbot und schaffe den Wochenendeinkauf?

Den Versuch ist es wert, auch wenn ich niemals verstehen werde, warum immer ausgerechnet vor mir in der Schlange an der Kasse ein Trottel steht, der seine Geheimnummer vergessen hat. Ich tarne meine Mordgelüste mit einem Lächeln. Nein, ich schreie auch nicht in der Gegend herum, wenn ich über die Stadtautobahn flitze und per sms aufgefordert werde, die vergessenen Schienbeinschoner nachzuliefern. Pünktlich, ganz klar, am besten vor Trainingsbeginn. Und schon steckt der Schlüssel im Schloss, heult der Motor auf, während ich im Rückspiegel den ordnungsgemäß hilfsbereiten und freundlichen Gesichtsausdruck überprüfe, den man zu diesen Gelegenheiten trägt.

Als fahrbarer Untersatz von vier vielbeschäftigten Kindern kommt man ganz schön rum. Und so bin ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, ein Teil von jener tadelnswerten Kraft, die nur das Gute will und damit stets das Böse schafft. Ich rangiere, fahre rückwärts, überhole, behindere und drehe voll auf. Vom Stau in der 30er Zone bin ich ein Teil. Mit flotten fünfzig Sachen fliege ich in der verkehrsberuhigten Straße über die Schwellen, für deren Errichtung ich einst gekämpft habe. Vor Fußballplätzen, Zahnarztpraxen und Schwimmbädern halte ich nassforsch in dritter Reihe, schalte das Warnblinklicht an und habe nur Augen für meinen kleinen Sonnenschein: Ich lass dich hier raus. Aber pass auf, wenn du aussteigst!

Werde ich angehupt, angepampt und angemotzt, reagiere ich zum Schein schuldbewusst und schlage die Augen schamhaft nieder - ja, ich weiß ja, aber was soll ich denn machen? Ist doch nicht meine Schuld, wenn die Großstädte heutzutage nicht nur unwirtlich, sondern auch so gefährlich sind, dass man kein Kind alleine auf die Straße schicken kann.

Ohne pausenlose Fahrbereitschaft jedenfalls stehen alle Räder still, wenn die Mutter nicht mehr will. Kein Junge könnte mehr kicken, kein Ruderboot käme zu Wasser, kein Zahn würde gerichtet, Kieferorthopäden träfe man nur noch im Job Center, kein Mädchen übte mehr den pas de chat, Pferde blieben unbewegt und ungekost, Kindergeburtstagspartys wären praktisch unbekannt und niemand würde mehr schwimmen lernen.

Doch einmal muss Schluss damit sein. "Ab heute fahrt ihr mit der U-Bahn!", rufe ich in dem stark enthusiasmierten Tonfall, in dem ich gewöhnlich tolle Überraschungen verspreche. Geschickt lasse ich den Brief verschwinden, den ich eben aus dem Kasten gefischt habe. Darin steht, dass ich meinen Führerschein beim nächsten Polizeirevier abgeben muss, wo sie ihn drei Monate lang für mich aufbewahren wollen. Ich hole tief Luft und schwärme vier verdatterten Gesichtern von den Vorzügen einer CO2-neutralen Kindheit vor, von den Abenteuern, die man in Bussen und Bahnen erleben kann, vom Rausch der Selbstständigkeit, der das Finden eigener Wege in der Stadt wie im Leben begleitet. "Ab heute sind nur noch Freunde, Sportarten und Kieferorthopäden erlaubt, die ihr allein erreichen könnt. Kindergeburtstage jenseits von Schöneberg sind gestrichen."

"Und wenn ich Moritz in Charlottenburg besuchen will?", fragt mein Jüngster. "U-Bahn", sage ich. "Da muss man umsteigen", meint er. "Üben wir", sage ich.

Im Flur hängt jetzt ein Poster mit allen Berliner Bus- und Bahnverbindungen, vor dem ich abends spannende kleine Quizrunden mit leichtem Wettbewerbscharakter veranstalte. Spielerisch lasse ich sie Fahrzeiten heraussuchen, Umsteigemöglichkeiten beschreiben und frage die U-Bahnlinien, Busrouten und Fußwege ab. Wer die aktuellen Schienenersatzverkehrstrecken kennt, wo die U-Bahn umgebaut wird, kann einen Extra-Punkt ergattern. Wer die U-Bahn-Linien in den richtigen Farben und Himmelsrichtungen aufsagen kann, ohne den Geschwister-Joker zu bemühen, liegt ganz weit vorne. Zum Geburtstag schenke ich jedem Kind eine ganz tolle Monatskarte.

Eines Tages ist es so weit: Bestens vorbereitet tritt der Jüngste seine erste selbstständige Fahrt an. Ich bringe ihn zum Bahnhof, setze ihn in den Zug. Er winkt herzerweichend durchs Fenster, als sei's ein Abschied für immer. Als der Zug los fährt, wird mir plötzlich ganz mulmig. Was alles passieren kann! Wenn die U-Bahn nun stecken bleibt? Entführt wird? Ein Brand ausbricht? Ich muss jetzt sehr tapfer sein. Er hatte mir hoch und heilig versprochen, per sms die glückliche Ankunft fünf Stationen weiter mitzuteilen. Eine bange halbe Stunde später - immer noch nichts. Ich wollte gerade ein bisschen hysterisch werden, da kommt die sms: "Bin jetzt da. Gehe gerade über den Kaiserdamm. Hdgdl. Kuss!"