Psychologie

"Wir stellen uns den eigenen Monstern"

Warum sich Kinder zu Halloween gerne gruseln, erklärt der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke

Foto: David Heerde

Am 30. Oktober wird auch in Berlin wieder Halloween gefeiert. Dann werden viele Kinder als Monster und Geister verkleidet durch die Nachbarschaft ziehen und Leute erschrecken. Warum wir uns manchmal so gerne gruseln, wozu Angst gut ist und ob Geister real sind, das alles beantwortet der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke im Interview. Mit ihm sprach Anne Klesse.

Berliner Morgenpost: Herr Benecke, Sie sind Experte für Insekten, die auf Leichen siedeln und Präsident der Transsilvanischen Dracula-Gesellschaft. Gibt es überhaupt etwas, wovor Sie sich gruseln?

Mark Benecke: Natürlich. Gerade war ich bei einem im Knast, der ganz nebenbei erzählte, dass er seine Schwester umgebracht hat, als wäre das etwas Nebensächliches. Mit welcher Beiläufigkeit manche Täter von ihren Taten berichten... Das sind echte Psychopathen. Die sind schon gruselig.

Berliner Morgenpost: Am Montag ist Halloween, auch in Berlin werden dann wieder Kinder als Geister und Monster verkleidet durch die Straßen ziehen. Warum bringt es Menschen Spaß, sich gegenseitig zu erschrecken?

Mark Benecke: Menschen mögen Anregungen. Die einen machen Bungee Jumping oder buchen einen Fallschirmsprung. Das sind Leute, die ein vergleichsweise hohes Anregungsniveau haben. Andere Menschen lesen abends zu Hause im Bett gerne Krimis, brauchen weniger Anregung um sich zu gruseln. Bei beiden werden ganz normale menschliche Instinkte angesprochen wie zum Beispiel der Fluchtreflex. Diese Reflexe sind in unseren Gehirnen einprogrammiert. Sie anzuregen, macht Spaß. Auf der psychologischen Ebene könnte man es auch so deuten: Wenn wir uns gruseln, stellen wir uns unseren eigenen Monstern. Das bemerke ich auch bei meinen Vorträgen, in denen ich von Kriminalfällen berichte. Da gehen die Leute raus und sagen: Okay, ich hab vielleicht dieses oder jenes Problem, aber es gibt Leute, denen passieren schlimmere Dinge, denen geht es schlechter als mir. Kinder und Jugendliche gruseln sich vor allem vor Monstern, vor Kreaturen, die von bösen Erwachsenen erschaffen wurden, Freddy Krüger zum Beispiel. An Halloween ziehen sich Kinder wie solche Monster an, vor denen sie sich selbst gruseln. Es hat auf jeden Fall etwas Gutes: An Halloween wird für die dunkle Zeit trainiert, die jetzt anfängt. Denn die meisten Kinder haben ja Angst im Dunkeln.

Berliner Morgenpost: Warum ist das so?

Mark Benecke: Die Dunkelheit ist etwas Ungewisses für Kinder und auch für Erwachsene - für alle. Man kann nichts sehen, weiß nicht, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet. Davor Angst zu haben, ist beim Menschen urtümlich und programmiert genauso wie schlafen oder gähnen. In dem Moment, in dem man sich erschreckt, hat man keine Möglichkeit, zu denken, zu grübeln oder zu sondieren. Die Reaktion ist automatisch. Wenn man, wie an Halloween, aber vorher weiß, dass es gruselig wird, ist das auch eine Art Training. In kontrollierter Umgebung kann man üben, das Angstzentrum im Gehirn an- und abzustellen. Wenn das Angstzentrum nicht ab und zu aktiviert wird, macht das Leben keinen Spaß, das sieht man an Gefängnisinsassen: Das Schlimme am Freiheitsentzug ist, dass der Trieb, etwas Neues auszuprobieren, darunter auch etwas, wovor wir vielleicht Angst haben, unterdrückt wird.

Berliner Morgenpost: Warum gruseln wir uns überhaupt vor bestimmten Dingen wie Spinnen oder Geistern?

Mark Benecke: Nach aktuellem Stand der Forschung ist die Angst vor Spinnen oder Schlangen eine urtümliche Angst vor Dingen, vor denen man sich vor Jahrtausenden in Acht nehmen musste. Wenn sich im Wald plötzlich ein Ast bewegte, musste man aufpassen. Das ist eine Primärfunktion. Dann gibt's übergeordnete Sachen, vor denen Menschen Angst haben wie schleimige Dinge wie Fische oder Pilze. Das kann mit Traumatisierungen zu tun haben, die diese Menschen erlebt haben. Bei Menschen, die den schwarzen Lord oder die dunkle Prinzessin toll finden, könnte es sein, dass sie sich mit dem bösen Superstar identifizieren, weil sie im realen Leben immer abgelehnt wurden, immer ausgeschlossen waren. In ihrer Fantasiewelt haben sie selbst die Macht über andere. Und dann ist da noch die Angst vor dem Ungewissen: Was keine Form hat, wo es dunkel ist, ist unbekannt, das können wir nicht einschätzen und deshalb sind wir alarmiert. Das ist letztendlich eine Schutzfunktion: Es ist gut so, dass wir den dunklen Speicher gruselig finden, man muss Angst davor haben, denn sonst wären wir vielleicht übermütig und würden uns verletzen.

Berliner Morgenpost: Auf das Gruseln reagieren Menschen auch körperlich, mit Gänsehaut, Herzklopfen, Schweißausbrüchen. Warum ist das so?

Mark Benecke: Das sind Urreaktionen, die man haben muss: Wenn man Angst hat, muss man wach sein. Wenn man vor Jahrtausenden nachts ein Geräusch hörte, war das möglicherweise ein wildes Tier und die Angst war begründet. Es sind logische Reaktionen: die Aufmerksamkeit ist erhöht, das Denken wird abgeschaltet, man verhält sich instinktiv. Das ist bei uns Menschen auch heute noch so einprogrammiert. Es gibt Leute, die auf solche Reize nicht mehr reagieren. Das sind meist traumatisierte Leute, die in der Realität erlebt haben, dass sie nichts tun konnten. Bei denen schlägt Angst um in totale Passivität und Rückzug nach innen. Es ist also völlig normal, gut und richtig, dass wir Aufmerksamkeit- und Fluchtreflexe haben.

Berliner Morgenpost: An Halloween ist alles nur Spiel. Aber gibt es Geister wirklich?

Mark Benecke: Das weiß keiner. Dass etwas den körperlichen und seelischen Tod verhindert, dafür gibt's keine Hinweise. Aber alles, woran wir glauben, ist für uns präsent. Geister hat man im Kopf. Wenn man zum Beispiel über einen Verstorbenen sagt, man werde ihn nie vergessen, dann ist er da, wenn wir an ihn denken. Für uns ist er dann real, wenn wir mit ihm sprechen. Und auch unser Gehirn reagiert so, als wäre die Person tatsächlich da. Kinder, die von einem Film erzählen, tun das so, als wäre die Handlung wirklich passiert. Im Gehirn kann man messen, dass derselbe Bereich aktiviert ist wie der, der aktiv ist, wenn das Kind über etwas real Passiertes erzählt. Ich sage mal so: Ich würde gerne mal einen Geist sehen. Falls Geister dies hier lesen, sollen sie sich bitte bei mir melden.