Ernährung

Vollkommen durchgenudelt

Das Für und Wider der Teigwaren - und die Erkenntnis unserer Autorin: Kinder wollen sowieso nichts anderes essen

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Was ist harmloser als eine Nudel? Mehl, Wasser, ein bisschen Salz, je nach Nudelart auch Mal ein Ei - zusammengerührt, gut durchgeknetet, dann geformt oder geschnitten und getrocknet. Viele Kinder lieben Nudeln über alles. Nudeln mit Tomatensauce, mit Bolognese, mit Butter oder trocken, nur mit Parmesankäse bestreut. Und da es am 25. Oktober sogar einen Weltnudeltag gibt - so steht es im Kalender der Vereinten Nationen - wäre es doch passend, über Kinder und Nudeln zu schreiben. Am besten anhand eines speziellen Falles: einem kindlichen Extremnudelesser. Meinem sechsjährigen Sohn. Der ist ein zutiefst schlichter, geradezu monotoner Esser und die Nudel mit Butter, die schmeckt ihm halt. Warum, denkt er sich, sollte ich etwas anderes auf meinem Teller dulden? Er gehört zu den Kindern, die sich vehement weigern, vielfältig zu essen. Was Neues probieren - igitt! Wir locken, wir drohen, wir fluchen, wir schmeicheln. Hilft nichts, sein Dickschädel ist größer als unserer. Aber: Kann ein Kind auf der Grundlage von Nudeln mit Butter groß und stark werden? Oder wird unser Sohn an Vitaminmangel zu Grunde gehen? Skorbut kriegen wie die Seemänner des 16. und 17. Jahrhunderts?

Die Tipps der Experten

Zeit zum Telefonhörer zu greifen und Experten anzurufen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in Bonn, das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund, aber auch den Verband der Teigwarenhersteller Deutschlands, der übrigens im Berliner Westen sitzt. Welche Überraschung! Aber welche Überraschung! Selten schienen die Bedenken der Interviewpartner so groß zu sein wie bei diesem Thema - jeder möchte die wörtlichen Zitate autorisiert sehen, alle würden den Text gerne vorher zum Durchlesen vorgelegt bekommen, der Verband der Teigwarenhersteller ruft glatte drei Mal zurück und lässt sich das Thema genau erläutern, bis die Expertin endlich zum Gespräch bereit ist. Meine Güte, die Nudel, sie ist doch harmlos. Und der kleine Text hier sollte auch nicht bösartig werden. Weshalb die Besorgnis?

Weil es hier um Kinder, Ernährung und Erziehung geht. Da gibt es eine riesige Schere: auf der einen Seite all die Tipps und Vorschläge der Experten für gesundes Kinderessen. Mischkost, viel Vollkorn, viel Obst, viel Gemüse, am besten auch Rohkost, wenig Süßkram und Chips. Kennt man ja. Auf der anderen Seite die Kinder, die nur selten mitziehen. Welches Kind isst schon freiwillig nur gesund und ausgewogen. Kaum eins. "Mein Sohn will nur Nudeln", sage ich ins Telefon - und die zweite Expertentippwelle rollt an mein Ohr: Gemeinsam kochen, Vorbild sein, keine Ausnahmen beim Essen machen. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Je länger man redet, desto reeller wird das Gespräch. "Bloß nicht zu schnell nachgeben", meint eine Expertin, eine studierte Ernährungswissenschaftlerin. Zur Not könnten Kinde auch mal zwei, drei Tage mit wenig Essen auskommen, danach hätten sie dann richtig Hunger - und dann könnte man neue Gerichte einführen. Sie muss selber ein bisschen lachen, über ihren radikalen Vorschlag, und wörtlich zitieren darf ich ihn natürlich nicht. Denn der stünde so nie in einer Experten-Broschüre. Aber ich weiß genau, was sie meint. Irgendwann ist man als Elternteil regelrecht verzweifelt, wenn man immer auf seinem Gekochten sitzen bleibt. "Soll ich dir schnell Nudeln machen?", fragt man dann, viel zu nachsichtig. Das Kind nickt. Und schon hat man es wieder ein bisschen verzogen. Die ewige Extrawurst.

Das Problem sei, sage ich zu der netten Dame vom Forschungsinstitut für Kinderernährung, die für die Telefonberatung zuständig ist, mein Sohn interessiere sich nicht besonders fürs Essen. Dem seien tausend andere Sachen wichtiger - besonders Fußball. Essen ist so eine langweilige Sache, die man schnell hinter sich bringen muss. "Das ist häufig so", sagt Christa Schada. "Solche Kinder gibt es immer wieder." Und wenn er viel draußen Fußball spiele, sei das schon mal gut, in der Sonne bildet sich Vitamin D aus. Uff, ein Vitamin hätten wir schon mal. Aber ich solle dranbleiben, sagt sie, Alternativen anbieten. Meistens wachse sich die Essmonotonie aus.

Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist strenger - und wahrscheinlich hat sie Recht. Nur Nudeln, das sei einfach nicht gut, an dieser ernährungswissenschaftlichen Einsicht führe kein Weg vorbei. Sie erkundigt sich, was denn sonst noch auf dem Speiseplan steht. Morgens Milch mit Cornflakes: Die Milch ist gut, die Cornflakes besser durch Müsli ersetzen. Im Übrigen würde ein Obstsalat als Nachtisch nach dem üblichen Nudelgericht schon alles rausreißen. Dann hätte man die wichtigsten Vitamine zusammen. Ich lache ins Telefon. Obstsalat? Mein Sohn? Sie redet mir ins Gewissen, konsequenter zu sein. "Man verbaut dem Kind langfristig den Weg, wenn man immer nur Kinderessen kocht", mahnt sie. Aber muss auch zugeben, dass Kinder enorm widerständig sein können. Es gilt, einen Kompromiss zu finden, zwischen Beharren und Entgegenkommen.

Am Abend nach dem Telefonat mit Frau Restemeyer findet mein Sohn beim Abendbrot zwei Apfelschnitze auf seinem Teller. Mein Ton ist heute sehr entschieden: "Die werden gegessen!" Und sieh an, er ist folgsam. Allerdings nicht, ohne vorher noch mal zu verhandeln. Einmal Apfelessen kostet mich eine Tüte Match-Attax-Fußballkarten. Ob die Deutsche Gesellschaft für Ernährung diese kleine Erpressung tolerieren würde?

Gemüsesugo macht Nudeln gesund

Aber zurück zur Nudel. Spricht denn eigentlich etwas gegen sie? Nein, gegen die Nudel sei nichts zu sagen, meint Sandra Wunderlich vom Verband der Teigwarenhersteller. Klar, muss sie ja auch, ist schließlich ihr Job, die Nudel hochzuhalten. Aber Frau Wunderlich ist Ernährungswissenschaftlerin wie die anderen, auch sie weiß, wovon sie spricht. Und als gute Ernährungswissenschaftlerin rät sie zur Vollkornnudel, denn die sind einfach ein wenig gesünder. Grundsätzlich finden sich in Nudeln Mineralien, angeblich wurde auch mal ein Vitamin gesichtet, aber da würde selbst Frau Wunderlich nicht drauf rumreiten. Nudeln ein vitaminreiches Lebensmittel zu nennen, wäre Quatsch. Aber sie bieten Kohlenhydrate - und zwar gute Kohlenhydrate, die viel Kraft geben und den Blutzucker nicht zu schnell ansteigen lassen. Anders als Süßigkeiten und Chips. Außerdem, meint Sandra Wunderlich, könnte man ja durch die Soßen noch viel rausholen. Eine gute Tomatensoße, gesunder Gemüsesugo. Gemüsesugo. Es ist zum Verzweifeln. Mir bleibt ein Trost. Meine Freundin hat zwei ältere Söhne, groß gewachsene, gesunde, nette Kerle, Überflieger in der Schule. Die jahrelang hauptsächlich nur eines gegessen: Nudeln mit Butter. Irgendwie scheint das gereicht zu haben.