Erziehung

"Druck und Angst fördern nur Blockaden"

Ein Neurowissenschaftler erklärt, wie viel Förderung Kinder wirklich brauchen - und wie sie am besten lernen

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Lange Schultage, wenig Freizeit und ehrgeizige Eltern: Kinder und Jugendliche stehen heute unter enormem Leistungsdruck. So gut gemeint die Förderung ist - leicht kippt sie in Überforderung um. Wie viele Aktivitäten sind gut für ein Kind? Warum sind freies Spiel, Musik und Sport für die Entwicklung so wichtig? Darüber sprach Beatrix Fricke mit Prof. Manfred Spitzer. Er leitet das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) an der Universität Ulm und ist Vater von sechs Kindern.

Berliner Morgenpost: Mädchen und Jungen haben heute häufig schon im Kitaalter einen Acht-Stunden-Tag - so lang wie der Arbeitstag ihrer Eltern. Ist das nicht ein ganz schön hartes Pensum?

Prof. Spitzer: Die Kinder machen in der Kita ja interessante Dinge, lernen viel und - was das Wichtigste ist - sind selbstbestimmt tätig. Daher würde ich das nicht mit Arbeit vergleichen. Erst wenn von oben, mit Druck Wissen eingetrichtert wird, wird es anstrengend für die Kinder - und für das Lernen ineffektiv.

Berliner Morgenpost: Wie meinen Sie das?

Prof. Spitzer: Lernen sollte Spaß machen, oder, um es wissenschaftlich auszudrücken, mit positiven Emotionen verbunden sein. Druck und Angst fördern Blockaden und versetzen den Menschen in eine Art Flucht- bzw. Kampfmodus.

Berliner Morgenpost: Wie schafft man denn ein gutes Lernklima?

Prof. Spitzer: Lernen geschieht durch Anknüpfen an persönliche Interessen. Das heißt: Je neugieriger ein Kind auf etwas ist und je mehr Verknüpfungen man mit bereits gespeichertem Wissen schafft, desto mehr bleibt hängen. Es geht also darum, die Art des Lernens zu verbessern. Jeder kennt das: Wenn man von etwas gefesselt ist, vergeht die Zeit im Nu. Und man behält sich, was man erlebt hat.

Berliner Morgenpost: Wie kann man das umsetzen?

Prof. Spitzer: Zum Beispiel durch spielerische Vermittlung des Lernstoffs. Da können sich die Schulen von den Kitas einiges abschauen. Beispiel Fingerspiele: Eine Studie hat gezeigt, dass die Kinder, die in ihrer Kita viele Fingerspiele kennengelernt haben, später bessere mathematische Fähigkeiten aufweisen - weil die Zahlen über die Finger gelernt werden. Leider wird diese spielerische Vermittlung auch in den Kitas immer häufiger vernachlässigt.

Berliner Morgenpost: Inwiefern?

Prof. Spitzer: Da kommt dann der Englischlehrer für eine Stunde in die Kita und macht Fremdsprachenunterricht - ob die Kinder nun gerade Lust haben oder nicht. Das bringt gar nichts. Viel besser ist es, wenn ein Muttersprachler mit den Kindern Ball spielt und dabei Englisch redet. Dann lernen die Kinder ganz nebenbei.

Berliner Morgenpost: Viele Kinder besuchen nach einem langen Kita- und Schultag noch weitere Kurse. Ist das zu viel?

Prof. Spitzer: Nein - so lange es freiwillig geschieht. Es ist toll, wenn Kinder sich verausgaben. Das können und sollen sie. Häufig passiert ja gerade das Gegenteil: dass sie vor dem PC oder dem Fernseher vor sich hindösen. Wenn aber die Kinder ständig Ausreden erfinden, quengeln oder auch die Eltern von dem Programm genervt sind, ist es Zeit, Aktivitäten zu reduzieren.

Berliner Morgenpost: Der Gedanke von Eltern ist ja eigentlich ein guter: Kinder sollen in ihren Fähigkeiten gefördert werden, und zwar so früh und umfassend wie möglich...

Prof. Spitzer: Ja, sie meinen es wirklich gut, wollen kein Entwicklungsfenster verpassen. Doch braucht Lernen auch Zeit, Ruhe und Gelassenheit. Das ist vielleicht sogar das Wesentliche. Genauso wie Zeit zum Entspannen und Träumen. Dass viele Kinder gestresst sind und vermeintlich keine Zeit haben, ist doch oft hausgemacht.

Berliner Morgenpost: Also: Lernen soll Freude machen und freiwillig geschehen. Aber wie viel Disziplin braucht man, um Erfolg zu haben?

Prof. Spitzer: Disziplin und Durchhaltevermögen lernt man nicht über den erhobenen Zeigefinger. Das lehrt das Kind nur ängstlich zu kuschen, und wir wollen unseren Kindern ja gerade beibringen, selbstgesteuert eine Sache durchzuziehen. Aufforderungen wie "Reiß dich zusammen!" oder "Jetzt bleib mal bei der Sache!" bewirken genau das Gegenteil, denn sie haben einen negativen Charakter. Das Kind wird sich dagegen auflehnen und sich gerade nicht besser selbst steuern lernen.

Berliner Morgenpost: Wie also dann?

Prof. Spitzer: Am besten ist es, wenn das Kind es schafft, selbst eine Belohnung zu produzieren. Also etwa dadurch, dass das eingeübte Musikstück oder die Turnübung am Ende gut klappt. Die Fähigkeit, nicht nur reflexhaft zu reagieren, sondern planvoll auf ein erstrebtes Ziel hin zu handeln, reift im Frontalhirn heran. Und diese Selbstkontrolle braucht Training, jahrzehntelang - ähnlich wie ein Muskel. Also ist es gut, dem Kind Gelegenheit zum Training zu geben, das heißt: viele Möglichkeiten, sich Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Ohne Druck von außen, von selber!

Berliner Morgenpost: Mit welchen Tätigkeiten kann man die Selbstkontrolle denn am besten trainieren?

Prof. Spitzer: Früher geschah das ganz selbstverständlich. Der Mensch musste als Jäger und Sammler planvoll vorgehen, sorgfältig das Feuer hüten - sonst wäre er verhungert. Heute öffnen wir den Kühlschrank und drehen die Heizung auf. Nicht umsonst haben funktionierende Kulturen Musik, Sport und Spiel erfunden und kultiviert. Ob Musik, Sport, Theater oder Kunst: Hier muss man einen Plan haben, sich abstimmen, auch mal durch Widrigkeiten durch - und wird schließlich mit Erfolg belohnt. Und es macht Spaß. Genau deshalb braucht man ja auch keinen erhobenen Zeigefinger. Und nur ohne den wird Selbstkontrolle gelernt.

Berliner Morgenpost: Was ist mit dem freien Spiel?

Prof. Spitzer: Das wird stark unterschätzt, genauso wie die Freiarbeit. Hier muss man lernen, sich zu beherrschen und zu strukturieren. Ein Kuchen etwa wird nie fertig, wenn man schon vor dem Backen über den Teig herfällt. Das ist Frontalhirn-Training par excellence. Werden solche Tätigkeiten gemeinschaftlich ausgeübt, schult das auch noch die Sozialkompetenz.

Berliner Morgenpost: Und was passiert, wenn der "Willensmuskel" nicht trainiert wird?

Prof. Spitzer: Dann lässt sich das Kind leicht ablenken, ist nicht wirklich Herr seiner Aktionen. Wie wichtig das Training von Selbstkontrolle für den späteren Erfolg im Leben ist, zeigt eine Langzeitstudie von US-Wissenschaftlern. Sie untersuchten die Selbstkontrolle von Kindern regelmäßig - bis hinein ins Erwachsenenalter. Dabei zeigte sich, dass Gesundheit, Wohlstand und die sozialen Lebensumstände vom Ausmaß der Selbstkontrolle in der Kindheit abhängen. Wer als Kind Selbstkontrolle trainiert hatte, neigte später deutlich weniger zu Verarmung, Kriminalität und Suchterkrankungen. Die Studie zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, dass Kinder Gelegenheiten haben, sich an Aufgaben, die ihnen Freude machen, zu bewähren.

Berliner Morgenpost: Was sollten wir daraus folgern?

Prof. Spitzer: Ich möchte betonen, wie wichtig Einrichtungen sind, die genau dies leisten. In Berlin das FEZ in der Wuhlheide. Dort findet durch Musik, Sport, Gestalten, Werken und nicht zuletzt Spielen Frontalhirntraining, Persönlichkeitsbildung und sozialer Kompetenzerwerb statt. Das FEZ braucht daher mehr Förderung, nicht weniger, wie jetzt geplant ist. Die Grundlage unserer Kultur und unseres Wohlstands liegt in den Gehirnen der nächsten Generation. Diese brauchen Gelegenheiten des Erlebens von Kompetenz, des Lernens und der Bewährung - das ist hundertmal billiger und zugleich hundertmal wichtiger als ein Stadtschloss.