Aussteiger

Dusche, WC, Fahrerkabine

Die Schneiders aus Charlottenburg haben sich einen Traum erfüllt: Mit einem umgebauten Lastwagen bereisen sie ferne Länder

Manchmal lässt sich ein richtiges Zuhause mit wenigen Schritten durchmessen. Manchmal wackelt dieses Zuhause dabei auch ein bisschen, und man muss Kopf und Bauch einziehen, um nirgendwo gegenzustoßen. Uschi und Hermann Schneider könnten ihr Wohnmobil auch im Stockdunkeln durchqueren, ohne irgendwo anzuecken, schließlich leben sie seit mehr als zwei Jahren fast ausschließlich darin. Das Rentnerpaar ist mit "Hermicar", wie es sein Gefährt liebevoll nennt, schon kreuz und quer durch Europa gefahren. Die vergangenen Nächte haben die Berliner auf einem Lkw-Parkplatz in einer abgelegenen Ecke des Hamburger Hafens verbracht und nicht nur wegen des dortigen Betriebes schlecht geschlafen. Mehrmals war die Abfahrt verschoben worden, doch an diesem Freitag geht es mit dem Frachtschiff gen Südamerika - für zwei Jahre.

Aussteigerdasein in Etappen - ein lang gehegter Traum des Paares, das seit 26 Jahren verheiratet ist und früh die gemeinsame Liebe zum Reisen im "Eigenheim" entdeckte. Im März 2006 kauften sich die ehemalige Krankenschwester und der pensionierte Krankenpfleger via Internet einen Lkw mit Ladefläche und dazu als Kabine einen "Funkkoffer" aus Bundeswehr-Beständen.

Da der 63-jährige Hermann Schneider früher mal Automechaniker gelernt hat, zimmerte er innerhalb von einem dreiviertel Jahr ein sozusagen maßgefertigtes Wohnmobil daraus. Das Paar kann sich mittlerweile kaum noch vorstellen, dauerhaft in seiner Charlottenburger Wohnung zu wohnen. Selbst wenn es Freunde in Deutschland besucht, würde es nie in deren Gästezimmer übernachten.

"Ich bin ein absoluter Fan des Minimierens", sagt Uschi Schneider. Beim Blick ins Innere von "Hermicar" muss man ihr glauben: Das Bett schließt an die enge Sitzecke an, diese liegt neben den Türen zu Dusche und WC und kurz einmal gebückt geht es auch schon in die Fahrerkabine, die sich mittels eines Vorhanges von einem "Arbeitszimmer" abtrennen lässt. Alles und jedes hat seinen festen Platz in Schubladen und Regalen und wird schnellstmöglich wieder verstaut. Dem Kopfschütteln mancher Freunde zum Trotz - die Enge hat die beiden nie gestört. "Auch nicht die in der Dusche", sagt Hermann Schneider. Da das Wasser knapp sei, sei ein warmer Guss immer etwas Besonderes. "Dafür haben wir aber ein beheiztes Bett", erklärt der Konstrukteur stolz.

Auf viele einzelne Reisen der Rentner folgte zuletzt als vorläufiger Höhepunkt der rund zweijährige Trip durch das Baltikum, Spanien und Marokko, streckenweise immer wieder begleitet von Freunden mit ähnlichen Fahrzeugen. An der Rückwand hängt ein Foto, das "Hermicar" in der nordafrikanischen Wüste zeigt. "Auf all unseren Reisen ist uns nie etwas Negatives passiert", erzählt Hermann Schneider. "Vielleicht, weil wir auch nie Angst vor dem Neuen hatten." Und das, obwohl beide kaum Englisch sprechen. Die Verständigung hat trotzdem immer irgendwie geklappt.

"Dass man sich immer mal im Sand festfährt, ist klar", sagt seine Frau. Derartige Zwischenfälle können die beiden nicht aus der Ruhe bringen. Viel wichtiger ist ihnen das Erkunden anderer Länder.

"Das Tolle an unserem Wohnmobil ist, dass man in der Ferne ist und trotzdem zu Hause", sagt die 68-Jährige. "Egal ob ich in der Wüste, am Meer oder im Wald stehe - ich habe immer mein eigenes Bett." In vier bis fünf Wochen wird nach der Ozeanüberquerung vor den Scheiben des ehemaligen Lastwagens Buenos Aires auftauchen, dann soll es nach Uruguay gehen, nach Santiago de Chile und in die Anden.

Die Schneiders treten ihre Reise mit zwei Bekannten aus Berlin und deren Autos an. Alle sind vollkommen autark und werden ihre Reise individuell gestalten, was sie eint, ist das Fernweh. Und immer mal wieder ein gemeinsamer Abend an Grill oder Lagerfeuer. Aus der Heimat haben die Schneiders neben ein bisschen Proviant (Vollkornnudeln, Sauerkraut und Bratheringe bekommt man auf der anderen Seite der Welt so schlecht) auch noch Bücher und DVDs mitgenommen.

Die Vorhänge im holzvertäfelten "Hermicar" hat eine Freundin gehäkelt, und die gesteppte Bettdecke hat Uschi Schneider zusammen mit einer anderen Freundin genäht. Maskottchen und Schutzengel sind über das ganze Wohnmobil verteilt. Der wahre Schatz des Paares ist jedoch eine kleine Fotowand, auf die der Blick sofort fällt, nachdem man den Wohnbereich über eine hohe Stiege erklommen hat. Von diesem kleinen Rechteck lächeln vier Kinder, sechs Enkelkinder, Verwandte und Freunde um die Wette. "Die Abschiede waren schwer, vor allem der letzte", erzählt der gebürtige Münchner und gibt zu, bei der Abfahrt auf einem Berliner Parkplatz Anfang der Woche ein "bisschen weinerlich" gewesen zu sein. Nur der Jüngste, der 16 Monate alte Enkel Vincent, habe am Lenkrad von "Hermicar" gesessen und nicht verstanden, warum die Erwachsenen weinten. "Bis wir ihn wiedersehen, wird er einen großen Sprung gemacht haben", sagt die Großmutter, "man muss sich quasi jedes Mal aufs Neue kennenlernen." Nächstes Jahr soll es deshalb auf jeden Fall für ein Vierteljahr zurück nach Berlin gehen, denn zu viel will man auch nicht verpassen. Trotzdem - daran gedacht, ihren Traum von der lang geplanten Reise, der größtmöglichen Freiheit aufzugeben, hat das Paar nie wirklich. "In unserem Alter sagt man sich: Wann, wenn nicht jetzt? Worauf sollen wir warten?"

Zum Kennenlernen einer neuen Stadt gehören für die beiden deshalb nicht nur die Suche nach einem geeigneten Stellplatz und anschließende Exkursionen, sondern immer auch die Suche nach einem Internet-Café. "Wir kontaktieren unsere Familien regelmäßig über Skype, so können wir nicht nur telefonieren, sondern sie auch sehen", sagt Hermann Schneider. Über seinen Neffen erreiche er so sogar seine betagte Mutter. "Und mithilfe meines Bruders kann ich mit meinen Eltern sprechen", sagt Uschi Schneider. Und die sind schon fast 100 Jahre alt. Reiseberichte und Fotos schickt Hermann Schneider regelmäßig an seinen Stiefsohn, damit dieser die eigene Website www.uschiundhermann.de bestücken kann. "Mein Cousin hat mich mal gefragt: Was macht ihr bloß den ganzen Tag?", erzählt Uschi Schneider. Ihre Antwort war simpel: "Man lebt einfach."

Nun wartet jedoch erst einmal ein Monat auf einem Frachtschiff auf die kleine Gruppe, inklusive Essen in der Offiziersmesse. Wenn da die Zeit auf dem Meer einmal lang werden sollte, gibt es genug Reiseführer, in denen die Schneiders lesen können. Und wie oft ihr Blick auf die kleine rechteckige Fotowand fallen wird, das werden sie wohl erst bei Ankunft in Argentinien zählen können.

"Das Tolle am Wohnmobil ist, dass man in der Ferne ist und trotzdem zu Hause"

Uschi Schneider, Rentnerin und Weltreisende