Sprachwissenschaft

"Jugendsprache ist eine Notwendigkeit"

Verfall der Ausdrucksweise? Oder wichtiger Entwicklungsschritt? Ein Wissenschaftler erklärt die Sprache der Teenager

Foto: ja / ja/Grafik BM

"Isch könnt abreihern", "Hör auf rumzustressen" und "Boah, ey, Alter" - Eltern zucken bei der Ausdrucksweise ihrer Kinder nicht selten zusammen. Aber ist durch die Jugendsprache tatsächlich der Verfall der deutschen Sprache programmiert? Nils Bahlo ruft bei dem Thema zu mehr Gelassenheit auf. Der Sprachwissenschaftler befasst sich seit Jahren mit dem Thema Jugendsprache und hat an der Freien Universität Berlin von 2008 bis 2011 an dem Projekt "Jugendsprache im Längsschnitt" mitgearbeitet. Mit Nils Bahlo sprach Annette Kuhn.

Berliner Morgenpost: Was ist vor allem typisch für die Jugendsprache heute?

Berliner Morgenpost: Nils Bahlo: Es gibt gar nicht die eine Jugendsprache. Schon in Berlin sprechen die Jugendlichen nicht überall gleich. Das hängt von vielen Faktoren ab. Es handelt sich eher um verschiedene jugendsprachliche Stile. Diese Stile unterscheiden sich hinsichtlich der Zeit, der Situation, des soziokulturellen Hintergrunds und der Region. Typisch für die Jugendsprache insgesamt sind emotionale Marker. Das hängt mit der Entwicklung der Jugendlichen während der Pubertät zusammen. Emotionalität und Expressivität spielen in dieser Phase eine wichtige Rolle. Auch der Gebrauch von Platzhaltern wie "dings" oder "hier" ist auffällig, um den Gesprächsfluss nicht abbrechen zu lassen. Generell auffällig ist in Großstädten wie Berlin der starke Einfluss aus dem türkisch-arabischen Raum: Zum einen zeigt sich das in bestimmten Ausdrücken wie Cüs oder Yallah, zum anderen im Weglassen des Artikels, denn im Türkischen gibt es keine Artikel. Mit sprachlichen Versatzstücken aus unterschiedlichen medialen Kontexten basteln sich Jugendliche ihre eigene Sprache zusammen.

Berliner Morgenpost: Die meisten Jugendlichen haben Spaß am Türkendeutsch, auch wenn sie gar keinen Kontakt zu Migrantenfamilien haben. Woran liegt das?

Berliner Morgenpost: Berührungspunkte gibt es trotzdem, in der U-Bahn, auf der Straße. Außerdem haben die Medien hier einen großen Einfluss. Wörter und Sprechweise von der Straße werden aufgegriffen und wieder auf die Straße zurückgegeben. Das ist ein Kreislauf. So erklärt sich zum Beispiel auch, dass Ethno-Comedy bei deutschen Jugendlichen so gut ankommt.

Berliner Morgenpost: Welchen Einfluss spielt heute das Englische in der Jugendsprache?

Berliner Morgenpost: Englisch als Weltsprache hat tagtäglich Einfluss auf unseren Sprachgebrauch. Gerade die neuen Medien, die eine besondere Anziehungskraft auf Jugendliche ausüben, kommen ohne Englisch nicht aus. Dennoch ist die Anzahl an Anglizismen im Sprachgebrauch Jugendlicher nicht signifikant erhöht.

Berliner Morgenpost: Jedes Jahr werden von manchen Verlagen Sprachführer für Jugendsprache herausgebracht und das Jugendwort des Jahres gekürt. In den vergangenen Jahren wurden Begriffe wie Gammelfleischparty (Ü-30-Party), hartzen (rumhängen) und Niveaulimbo(ständiges Absinken des Niveaus) gekürt. Sind diese Begriffe wirklich authentisch?

Berliner Morgenpost: Nicht zwangsläufig. Diese Wörterbücher basieren auf den Ideen kreativer Medieninstitute bzw. dem Eintrag auf Webseiten. Dabei muss der kreative Kopf nicht unbedingt jugendlich sein. Stellt man Jugendlichen solche Wortlisten vor, stellt sich schnell heraus, dass vieles erfunden ist. Das liegt natürlich auch daran, dass der Kontext bzw. die situative Einbettung fehlt. Jugendsprache ist nur dann authentisch, wenn sie zwischen Jugendlichen ausgetauscht wird. Hinzu kommt, dass es ja nicht die eine Jugendsprache gibt, sondern viele Spielarten. Was für den einen Jugendlichen gängiges Vokabular ist, ist für den anderen unverständlich und unauthentisch. Ich glaube aber auch nicht, dass es das Ziel der Verlage ist, das Geheimnis der Jugendsprache zu lüften. Sie wollen eher durch die Kreativität amüsieren - und das gelingt ihnen ja recht gut.

Berliner Morgenpost: Ist Jugendsprache eine Modeerscheinung?

Berliner Morgenpost: Sicher, jede Sprachveränderung unterliegt der Mode. Das war schon immer so und lässt sich gar nicht unterbinden, auch wenn viele Kritiker durch neue Einflüsse einen Sprachverfall befürchten. Aber wo soll man da ansetzen, was ist der Maßstab, an dem man sich orientieren soll? Ist es das Deutsch zu Goethes Zeiten? Viele Ausdrücke aus der Jugendsprache gelangen nach einiger Zeit in die allgemeine Umgangssprache. Vor 50 Jahren gehörte das Wort toll zum Beispiel zur Jugendsprache, heute sagt es jeder. Und "ey" war 1990 noch absolut jugendsprachlich, steht aber inzwischen sogar in der Dudengrammatik. Ebenso ist das Wort geil heute schon umgangstauglich. Vor 30 Jahren hatte es noch eine eindeutig sexuelle Konnotation, heute wird es von dem ursprünglichen Kontext losgelöst im Sinne von toll oder lustig gebraucht und gehört eher zum Sprachgebrauch der 30- bis 40-Jährigen, als der Jugendlichen. Auch das Wort cool spielt bei den Jugendlichen heute kaum noch eine Rolle.

Berliner Morgenpost: Besteht nicht trotzdem die Gefahr des Sprachverfalls, wenn Jugendliche keine Artikel mehr verwenden?

Berliner Morgenpost: Man sollte die sprachlichen Veränderungen nicht überschätzen. Der Wortschatz der Jugendlichen ist nah am Standardwortschatz dran, die Abweichungen, Varianten und neuen Vokabeln machen nicht einmal zehn Prozent aus. Aber in der Tat entsteht dann ein Problem, wenn Jugendliche nicht mehr in der Lage sind umzuschalten, wenn sie ihre Sprache nicht mehr an die jeweilige Situation anpassen können Das macht sich zum Beispiel in den Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz bemerkbar. Viele Jugendliche sind heute nicht mehr in der Lage, ein Anschreiben fehlerfrei und mit korrektem Satzbau zu formulieren. Jugendliche merken nicht einmal, wenn sie vom Standard-Sprachgebrauch abweichen. Es ist eine gewaltige Herausforderung, diese Standards zu halten, zumal der Bildungsstand an vielen Berliner Schulen schlecht ist und zu viele Deutschstunden ausfallen.

Berliner Morgenpost: Wie lässt sich diese Herausforderung denn bewältigen?

Berliner Morgenpost: Es ist wichtig, das Thema Sprachreflexion im Schulunterricht zu behandeln. Schon heute steht das Thema zwar auf dem Lehrplan, aber das Unterrichtsmaterial ist oft einige Jahre alt, und daher bei dem Tempo, mit dem sich die Jugendsprache verändert, veraltet. Jugendliche akzeptieren das Material dann auch nicht mehr, sie empfinden es als unauthentisch. Ich denke, hier müsste man mit den Jugendlichen viel praktischer arbeiten.

Berliner Morgenpost: Seit wann wird das Thema Jugendsprache eigentlich erforscht?

Berliner Morgenpost: Schon 1903 kam das "Handbuch der Pennälersprache" heraus. Die tatsächliche Forschung setzte allerdings erst in den 80er-Jahren ein. Zunächst wurden Jugendlichen Fragebögen gegeben, auf denen ihr Sprachverhalten abgefragt wurde. Seit 1989 hat die Sprachforschung dann verstärkt mit Tonbandaufnahmen gearbeitet, was die Authentizität natürlich erhöhte, insbesondere durch die Aufnahmen in unbeobachteten Situationen.

Berliner Morgenpost: Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit Jugendsprache zu beschäftigen?

Berliner Morgenpost: Ich habe immer schon viel mit Jugendlichen zusammengearbeitet, früher habe ich oft Jugendliche im Zeltlager begleitet. Und als ich dann ein Thema für meine Staatsexamensarbeit gesucht habe, war es naheliegend, dass ich mich mit Jugendsprache beschäftige. Für meine Studien habe ich mehr als 300 unbeobachtete Aufnahmen aus dem Zelt gesichtet - natürlich mit dem Einverständnis der Jugendlichen, dazu Facebook-Seiten, E-Mails und SMS-Nachrichten.

Berliner Morgenpost: Wie hat sich die Jugendsprache denn in den letzten Jahrzehnten verändert?

Berliner Morgenpost: Viele Wörter wurden durch andere ersetzt. Und auffällig ist auch, dass das Tempo der Veränderung zunimmt. Hier spielen sicherlich auch das Internet und die sozialen Netzwerke wie Facebook eine wichtige Rolle. Neue Wortschöpfungen und Sprachstile verbreiten sich schneller und weitreichender, dadurch erklärt sich auch, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen juventulektalen Stilen immer weiter abnehmen.

Berliner Morgenpost: Welche sprachlichen Unterschiede gibt es zwischen Mädchen und Jungen?

Berliner Morgenpost: In den Untersuchungen hat sich gezeigt, dass die Unterschiede erheblich geringer sind, als man annehmen würde. Am auffälligsten ist, dass der Pornodiskurs von Jungen viel stärker verfolgt wird als von Mädchen. Sexuelle Fantasien sind eben vor allem ein jungentypisches Thema. Auch spiegeln sich in der Sprache klassische Rollenbilder: Jungen zeigen sich machtbetonter und verwenden entsprechend mehr Kraftausdrücke als die meisten Mädchen.