Interview

"Ohne Beweise hat die Frau kaum Chancen vor Gericht"

Die Dunkelziffer beim Thema häusliche Gewalt ist enorm hoch, heißt es bei der Hilfehotline BIG

Was sollte eine Frau tun, wenn der Partner gewalttätig gegen sie wird? Mit Jennifer Rotter von der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen e.V. sprach Anne Klesse.

Berliner Morgenpost: Von den knapp 16 000 Fällen häuslicher Gewalt in Berlin, die bei der Polizei 2010 angezeigt wurden, kamen 13 500 vor Gericht, 10 000 dieser Verfahren wurden aus Mangel an Beweisen wieder eingestellt. Was für Beweise wären denn in so einem Fall nötig und würden auch vor Gericht bestehen?

Jennifer Rotter: Im Grunde ist das nicht anders als bei anderen Verfahren auch: Zeugen und ärztliche Atteste haben als Beweismittel vor Gericht Bestand. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Ärzte zweifelsfrei erkennen müssen, dass eine Frau nicht von der Treppe gefallen ist, sondern geschlagen wurde. Im Projekt "Signal - Intervention im Gesundheitsbereich gegen Gewalt an Frauen e.V." werden Ärzte und medizinisches Personal im Umgang mit potenziell Betroffenen geschult und darin, Anzeichen häuslicher Gewalt zu erkennen. Betroffene müssen nicht unbedingt sichtbare Verletzungen wie ein blaues Auge oder ein gebrochenes Bein haben, sie leiden oft an psychischen Verletzungen, haben Depressionen, Essstörungen. Das alles muss gerichtsfähig dokumentiert werden, das ist nicht einfach.

Berliner Morgenpost: In der deutschen Rechtsprechung gilt die Unschuldsvermutung. Wenn Aussage gegen Aussage steht - die Frau sagt, ihr Mann habe sie geschlagen, der streitet das ab - hat die Frau dann überhaupt eine Chance?

Jennifer Rotter: Es gibt zwei Möglichkeiten: ein familiengerichtliches Verfahren und ein Strafverfahren. Bei beiden hat die Frau die Beweislast. Es ist immer die Frage, wem das Gericht mehr glaubt, aber ohne Beweise hat die Frau kaum Chancen.

Berliner Morgenpost: Wie hoch schätzen Sie denn die Dunkelziffer an Fällen häuslicher Gewalt, die gar nicht erst zur Anzeige kommen?

Jennifer Rotter: Wir wissen, dass bei der sexualisierten Gewalt die Anzahl der Anzeigen zurückgegangen ist. Nicht, weil es weniger Fälle gibt, sondern zum Beispiel wegen bestimmter Abläufe während der Verfahren. Etwa weil Frauen vor Gericht die erfahrene Gewalt noch einmal durchleben müssen und so weiter. Im Bereich häusliche Gewalt haben wir keine gesicherten Zahlen dazu, wie viele Fälle es tatsächlich gibt. Die Dunkelziffer dürfte aber um einiges höher sein als die Zahl der angezeigten Fälle. Nach einer Studie zu häuslicher Gewalt von 2004 vom Bundesfamilienministerium haben im Durchschnitt 25 Prozent aller Frauen, also jede vierte Frau, schon einmal Gewalt durch den Partner oder Expartner erlebt. Nur acht bis 16 Prozent dieser Frauen haben den Täter angezeigt.

Berliner Morgenpost: Die tatsächliche Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt dürfte in Berlin also bei etwa 200 000 liegen. Warum wird der Großteil der Fälle nicht angezeigt?

Jennifer Rotter: Da gibt es viele verschiedene Gründe. Es gibt weder den einen Gewalttäter noch das eine Opfer. Viele Täter schlagen ja nicht sofort lebensbedrohlich zu. Es gibt viele verschiedene Formen von Gewalt und genauso viele Gründe, warum Frauen die nicht anzeigen. Oft wollen sich Frauen trotzdem nicht von dem Mann trennen, weil Gewalt beispielsweise nur ein Aspekt der Beziehung ist und der Mann außerhalb der Gewaltphasen ein liebevoller Partner ist. Betroffene sind da häufig ambivalent. Dazu kann es auch pragmatische Gründe geben, die Angst vor einer Trennung machen: die Sorge um den finanziellen Absturz etwa. Manche Frauen haben auch Angst vor einer Anzeige, weil sie um ihr Leben fürchten. Dazu kommen Scham und Schuldgefühle.

Berliner Morgenpost: Ist es in so genannten bildungsnahen Schichten ein noch größeres Tabu, darüber zu sprechen und sich als Opfer von Gewalt zu offenbaren?

Jennifer Rotter: Es gibt viele Tabus in den bildungsnahen Schichten. Das kann schon das Polizeiauto vor dem Haus sein. Wenn das in Neukölln oder Kreuzberg mal vor der Tür steht, ist das nichts Ungewöhnliches. In einer Einfamilienhaussiedlung ist es das durchaus. Da ist dann die Angst da, dass Nachbarn etwas mitbekommen, dass die Kinder deswegen in der Schule geärgert werden. Mit der Polizei zu tun zu haben, kann ein soziales oder berufliches Stigma bedeuten. Wir wissen: In Kreuzberg oder Neukölln rufen auch mal Nachbarn die Polizei, das passiert in den bürgerlichen Stadtteilen nicht so selbstverständlich. Da ist die Schwelle einfach höher, die Polizei einzuschalten.

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