Pixi-Bücher

Geschichten auf 10 x 10 Zentimetern

In diesem Jahr ist die 200. Serie der Pixi-Bücher erschienen. Ein kleine Literaturgeschichte aus 57 Jahren

Foto: Glanze

Das Jahr 1954. Deutschland wird Fußballweltmeister, in Duisburg werden die ersten Parkuhren der Bundesrepublik aufgestellt, mehr als 70 000 Haushalte bekommen einen Fernseher. Es geht wieder aufwärts. Gleichzeitig leben noch 700 000 Menschen in Notunterkünften, nur jeder fünfte Haushalt hat einen Kühlschrank, wer sich überhaupt einen Urlaub leisten kann, verreist mit Zelt oder Wohnwagen innerhalb Deutschlands. Für Kinderbücher ist in den Familien nicht viel Geld übrig, die Büchereien müssen erst langsam wieder aufgebaut werden. Der dänische Verleger Per Hjald Carlsen sucht nach einer Möglichkeit, "möglichst gute Bücher zu einem möglichst kleinen Preis" für Kinder zu entwickeln, erzählt Eleonore Gregori vom Carlsen Verlag. So entstehen die ersten Pixi-Bücher: zehn mal zehn Zentimeter groß, ohne festen Einband. Geschichten für Kinder, die an Tankstellen, in Drogeriemärkten und Kaufhäusern verkauft werden. "Die geniale Idee war, dass immer acht Bücher gleichzeitig auf einem Bogen gedruckt werden - so wird der Druckbogen vollständig ausgenutzt", erklärt Eleonore Gregori, die heute als Lektorin die Pixi-Bücher betreut. Das erste Pixi-Buch kostet 50 Pfennig und ist damit deutlich billiger als andere Kinderbücher. "Der kleine Wassermann" von Otfried Preußler beispielsweise, 1956 vom Thienemann Verlag herausgebracht, kostete 5,50 Mark.

Benannt sind die Bücher nach dem englischen Kobold "pixy". Der Namensträger kam erst lange danach als Figur dazu: 1982 zeichnete die Illustratorin Eva Wenzel-Bürger den ersten Wichtelmann mit roter Mütze und Stiefeln. Noch heute stellt der Kobold auf der Rückseite der Pixi-Bücher Basteltipps oder Spiele vor. Die erste Geschichte mit Pixi gab es viel später: 1993 erschien die Serie "Pixi hat Geburtstag".

Am bekanntesten aber ist die Pixi-Figur, die vor Buch- und Spielzeugläden steht: In Kinderhöhe trägt sie eine durchsichtige Plastikschüssel voller Pixi-Bücher. "Bezahlt werden die Bücher von den Eltern", sagt Eleonore Gregori, "aber weil die Kinder sehen können, was in der Schütte ist, können sie sie selbst aussuchen." 95 Cent kostet ein Pixi-Buch heute, da sagen die Eltern schnell ja, wenn die Kinder ein Buch mitnehmen wollen. Und praktisch sind die Mini-Bücher auch noch: Klein und biegsam passen sie in die Handtasche oder ins Reisegepäck und können Eltern unterwegs ein paar quengelfreie Minuten mehr verschaffen. Beim Vorlesen reisen Mütter und Väter oft noch einmal in die eigene Kindheit: Sie sind mit Petzi aufgewachsen, mit Peter Igel, mit den Pixi-Märchenbüchern. Die Geschichten um den Bären Petzi beispielsweise gibt es immer noch zu kaufen. Und auch die Serie 111 mit "Tante Thea" ist bis heute lieferbar, ebenso die Serie 65 mit "Mama Miezemau" und Küken "Federbällchen". Wer die modernen Ausgaben allerdings mit den Originalen vergleicht, wird einige Veränderungen feststellen: Die Texte wurden "vorsichtig an modernere pädagogische Konzepte angepasst", sagt Eleonore Gregori. Dass Petzis Freunde, die Schweinchen Konrad und Jochen in der Originalausgabe von 1966 für ihre Streiche am Ende vom Lehrer übers Knie gelegt werden, ist im Nachdruck von 1989 nicht mehr vorstellbar. Außerdem heißt Jochen in der Neuauflage nun Jakob. Die Illustrationen aber sind gleich geblieben - und sogen für den Wiedererkennungseffekt.

"Die Retroserien kaufen heute vor allem Leute, die sich an die eigene Jugend oder an die Jugend ihrer Kinder erinnern", sagt Eleonore Gregori - also Eltern und Großeltern. Die Kinder entscheiden sich eher für Conni, das blonde Mädchen mit dem Dauerlächeln, mit dem viele Eltern wenig anfangen können. Eleonore Gregori verteidigt ihre Serienheldin: "Die Kinder sehen sich selbst in Connis Erlebnissen gespiegelt. Und die Geschichten bereiten neue Schritte vor, den ersten Tag in der Kita zum Beispiel oder den Besuch beim Zahnarzt." Damit richtet sich Conni genau an die Zielgruppe der Pixi-Bücher: Kindergarten- und Vorschulkinder.

Welches Pixi-Buch sich in den fast sechs Jahrzehnten am besten verkauft hat, lasse sich nicht feststellen, sagt Eleonore Gregori, "weil sie ja immer als Achter-Serie ausgeliefert werden". Zu den erfolgreichsten Serien zählen neben Conni auch die Nachdrucke der frühen Tiergeschichten wie "Mama Miezemau".

Eleonore Gregori kennt alle Pixi-Figuren und ihre Geschichten. Pixi, den hilfsbereiten Kobold, den heute die Illustratorin Dorothea Tust zeichnet. Petzi, den unternehmungslustigen Bär, den der Däne Vilhelm Hansen und seine Frau Carla 1951 unter dem Namen Rasmus Klump als Comicstrip für eine Zeitung zeichneten, und der 1966 erstmals in einem Pixi-Buch auftauchte. Den manchmal ein bisschen ängstlichen Hasen Hansi, dessen Geschichten Heribert Schulmeyer schreibt und illustriert. Oder Yasmin und Fabian, die gemeinsam Laufrad fahren, in den Kindergarten und in die Schule kommen und sich ganz nebenbei mit ihren alleinerziehenden Eltern zu einer Patchwork-Familie zusammenfinden. "Jede Figur hat ihre Fans", sagt Eleonore Gregori. Und deshalb tauchen sie fast alle mehrmals im Pixi-Sortiment auf.

Zum Jubiläum schreiben Promis

200 Pixi-Serien hat der Carlsen Verlag inzwischen auf den Markt gebracht. Die 100. Serie wurde 1996 mit Nachdrucken von Pixi-Büchern aus vier Jahrzehnten gefeiert, das 1000. Pixi-Buch bekam ein Goldfolien-Cover. Für die 200. Serie in diesem Jahr bat der Carlsen Verlag Prominente wie Jörg Pilawa, Sarah Wiener, Fatih Akin um eine Pixi-Geschichte. Anke Engelke schrieb über den reichsten Mann der Welt und zeichnete auch gleich die Bilder dazu. Heidi Klum will mit dem Märchen vom "Kleinen schwarzen Wackelzahn" zum sorgfältigen Zähneputzen anhalten. Und Cornelia Funke schreibt von einem bücherfressenden Monster auf dem Dachboden.

Auf der Rückseite werben sie alle für ein Kinderprojekt ihrer Wahl - aber Eleonore Gregori ist sich sicher, dass die prominenten Autoren nicht nur deshalb mitmachten: "Pixi ist einfach beliebt", sagt sie. Das erfährt die für die kleinen Bücher zuständige Lektorin immer dann, wenn sie neue Bekanntschaften schließt: "Wenn ich bei einer Party sage, was ich beruflich mache, gerät mein Gesprächspartner in Verzückung." Denn wer in Deutschland aufgewachsen ist, für den sind Federbällchen, Petzi oder Conni ein Stück Kindheit.