Interview: Eva Illouz

"Liebe darf wehtun"

Die Israelin Eva Illouz erforscht, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse auf unser Gefühlsleben auswirken. In ihrem neuen Buch "Warum Liebe wehtut" (Suhrkamp, 24,90 Euro) untersucht die Soziologin und Bestsellerautorin die Suche nach dem idealen Partner und erklärt, wieso Männer auf dem Markt mehr Chancen haben als Frauen.

Berliner Morgenpost: Warum tut Liebe weh?

Eva Illouz: Das tat sie schon immer. Aber die soziale Organisation des Liebesleids hat sich verändert.

Berliner Morgenpost: Die soziale Organisation? Geht es bei Liebeskummer nicht erst einmal um Gefühle?

Eva Illouz: Liebe und damit auch der Kummer, den wir mit ihr erfahren, ist von konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen geformt. Und manche Menschen verfügen über größere Kapazitäten als andere, die Bedingungen festzulegen, unter denen sie geliebt werden. Seitdem Männer ihre Arbeitskraft verkaufen können, bedürfen sie nicht länger einer Familie, um sich gesellschaftliches Ansehen zu verschaffen. Frauen können und wollen noch immer Mütter werden, sie sind also mehr auf die Ehe angewiesen als Männer. Somit sind es heute Frauen, die die größere Bindungsbereitschaft zeigen.

Berliner Morgenpost: Aber viele Menschen heiraten gar nicht mehr. Und nicht wenige Frauen entscheiden sich für ein Leben ohne Kinder.

Eva Illouz: Das stimmt. Wenn ich Ehe sage, meine ich generell das Zusammenleben von Mann und Frau. Ich spreche aus weiblicher Sicht, meine Theorie gilt ausschließlich für diejenigen Frauen, die am heterosexuellen Mittelklasseprojekt "Ehe und Familie" interessiert sind.

Berliner Morgenpost: Und Ihre Theorie gilt für Männer, die nicht so sehr am Projekt Familie interessiert sind. Immerhin wünschen sich ja auch viele Männer Frau und Kinder.

Eva Illouz: Zumindest ist Familie für Männer optional. Um in unserer Gesellschaft als erfolgreich zu gelten, brauchen sie sie nicht so sehr wie Frauen. Dazu kommt: Es herrscht eine Norm, die es Männern ermöglicht, Frauen zu heiraten, die sehr viel jünger sind als sie selber. Ein 35-jähriger Mann kann Frauen im Alter zwischen, sagen wir, 25 und 40 wählen, und mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status. Eine 35-jährige Frau macht sich lächerlich, wenn sie sich für Männer entscheidet, die sehr viel jünger sind als sie selbst. Außerdem neigen Frauen dazu, Männer zu wählen, die entweder denselben sozioökonomischen Status innehaben wie sie oder höhergestellt sind. Gleichzeitig steigt das Ausbildungsniveau von Frauen seit drei Jahrzehnten kontinuierlich. Die Kombination dieser beiden Faktoren führt dazu, dass Männer unter sehr viel mehr Frauen wählen können, als Frauen Männer zur Verfügung haben. Das wiederum verschafft Männern einen Vorteil auf dem Markt der Begegnungen. Somit sind sie es, die die Bedingungen diktieren.

Berliner Morgenpost: Was schlagen Sie vor?

Eva Illouz: Ich möchte, so schwer das auch ist, die Diskussion darüber anstoßen, dass etwas nicht stimmt mit diesem männlichen Modell von Sexualität. Die sexuelle Befreiung und die Gleichstellung der Geschlechter waren enorm wichtig, aber ich lehne die Idee ab, unverbindlichen Sex zum einzigen Gradmesser unserer Befreiung zu machen. Ich glaube, dass Frauen, speziell wir Frauen, die wir uns als Töchter des Feminismus sehen, das aktuelle Modell der sexuellen Freiheit ein wenig zu schnell für uns angenommen haben. Denn für manche Frauen eignet es sich nicht. Auf gar keinen Fall bin ich für die Rückkehr zur Jungfräulichkeit vor der Ehe oder zur sexuellen Abstinenz. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir sexuelle Freiheit leben können, ohne die Frage auszuklammern, welche persönliche und ethische Verantwortung wir füreinander tragen.

Berliner Morgenpost: Lassen Sie uns über die männliche Bindungsunfähigkeit sprechen.

Eva Illouz: Ich würde vorschlagen, dass wir dieses Verhalten als eine Reaktion auf die veränderten Heiratsmärkte begreifen. Nicht die Psyche der Männer ist mangelhaft, sie leiden vielmehr unter einem Problem der Wertzuweisung. Uns fehlen, anders als noch im 18. und 19. Jahrhundert, die soziologischen Mechanismen, Menschen untereinander zu vergleichen. Es gibt keine Standes- und Moralgrenzen mehr, die uns sagen, wer der richtige Partner für uns ist. Das führt dazu, dass wir uns selbst zuwenden und uns ständig mit unserer eigenen Psyche beschäftigen. Wir suchen den Fehler in unserem Selbst. Und die kognitive Psychologie zeigt: Wenn wir zu viel Auswahl haben, ruft das entweder Entscheidungsunfähigkeit oder Leidenschaftslosigkeit hervor. Wir können keine klare Auswahl mehr treffen. Im Ergebnis zersetzt zu viel Auswahl unsere Fähigkeit, uns zu binden.

Berliner Morgenpost: In Internetpartnerbörsen wird versucht, diesem Problem der großen Auswahl mithilfe von detaillierten Persönlichkeitsprofilen zu begegnen.

Eva Illouz: Wir suchen also jemanden, der blond ist, Nichtraucher, der einen Universitätsabschluss hat, Sport macht und eine bestimmte Partei wählt. Wir nähern uns anderen als einer Liste von versprachlichten Attributen. Wenn wir hingegen jemanden auf der Straße treffen, reagieren wir intuitiv und oft ganz klar mit Sympathie oder Antipathie auf ihn. Intuition ist unser Erfahrungswissen darüber, wer wir sind und welche Art von Leuten wir mögen. Das hilft uns, ohne allzu viele Informationen zu verarbeiten, schnell eine Entscheidung zu fällen. Im Internet sehe ich dann auch noch Leute, die ganz anders sind als ich und manchmal sogar sehr viel besser als das, was ich in meinem direkten Umfeld finden könnte. So werden Menschen zu Maximierern, die von einer zur anderen Person zappen, in der Hoffnung, dass etwas an ihnen ihre Aufmerksamkeit fesselt. Aber wissen Sie was? Wir sind uns alle mehr oder weniger ähnlich. Wir sollten nicht glauben, dass ein Katalog von 500 Fragen es uns einfacher macht, einen Partner zu finden. Mehr Auswahl verbessert unser Leben nicht. Wenn wir Wege fänden, sie wieder einzuschränken, hätten wir weniger Probleme.

Berliner Morgenpost: Die Rationalisierung der Liebe beschränkt sich nicht nur auf Online-Partnerbörsen. Sie sagen, die entscheidenden Errungenschaften der Moderne hätten unsere Fähigkeit zerstört, leidenschaftlich zu lieben.

Eva Illouz: Heute weiß jeder, der einigermaßen gebildet ist und schon einmal etwas von Neurobiologie, Psychoanalyse oder feministischer Theorie gehört hat, dass das Ideal der romantischen Liebe entweder eine Illusion ist, die unser Gehirn produziert, die Suche nach dem verlorenen Objekt oder die Ideologie des Patriarchats. All dieses Wissen schafft eine riesige, ironische Distanz zwischen der profan gewordenen Liebe und uns. Wir leben unter Umständen, unter denen wir es uns selbst sehr schwer machen, uns auch nur nach einem Ideal der romantischen Liebe zu sehnen, geschweige denn, es zu leben.

Berliner Morgenpost: Liebten wir also glücklicher, wenn wir weniger über die Liebe wüssten?

Eva Illouz: Es ist keinesfalls so, dass ich die vormoderne Ahnungslosigkeit vorziehe. Ich würde auch keinen Mann bevorzugen, der weiß, wie er eine Frau umwirbt, der sie aber am Arbeitsplatz oder innerhalb der Familie dominiert. Es könnte nur sein, dass wir einen Preis zahlen für all dieses Wissen: das Erkalten der Liebe.

Berliner Morgenpost: Sie plädieren für neue Formen des leidenschaftlichen Zusammenlebens. Wie könnten die aussehen?

Eva Illouz: Wenn ich recht damit habe, dass wir in einem hyperironischen Zeitalter leben, müssen wir gemeinschaftlich ein neues Ideal der romantischen Liebe erfinden. Weil Männer das Gefühl haben, in Beziehungen ihre Autonomie und Kontrolle zu verlieren, engagieren sie sich oftmals weniger als Frauen. Wir müssen also ein neues männliches Modell für Leidenschaft definieren, das auf der Gleichheit von Männern und Frauen basiert und Männlichkeit an sich nicht bedroht. Wir sollten Abhängigkeit, Hingabe und Leidenschaft als etwas Neues definieren, das unsere Freiheit nicht gefährdet. Und: Liebe darf wehtun.