Gesundheit

Mein lieber Matz

Wie erklärt man Kindern eine manische Depression? Was ist, wenn der Vater für längere Zeit in der Psychiatrie bleiben muss? Der ehemalige Theaterregisseur Sebastian Schlösser hat seinem Sohn Briefe aus dem "Wolkenkuckucksheim" geschrieben, in denen er vom "Meisendoktor" erzählt

Foto: Marcelo Hernandez

Sommer 2005. Sebastian Schlösser ist 28 Jahre alt und Theaterregisseur am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und anderen Häusern, er wird in der Branche als Newcomer gefeiert, bekommt gute Kritiken. Doch dann geht plötzlich nichts mehr. Einen Abend vor der Premiere des von ihm inszenierten Stücks an einer Berliner Bühne wird er im Bademantel durch die Stadt irrend von der Polizei aufgegriffen. In jenen Tagen agiert er wie ein Größenwahnsinniger, dann wieder leidet er an Selbstzweifeln und denkt an Selbstmord. Was folgt, ist der psychische Zusammenbruch. Auch seiner Familie zuliebe lässt er sich in die Psychiatrie einweisen. Die Diagnose: manische Depression aufgrund einer sogenannten bipolaren Störung: Menschen, die daran leiden, haben willentlich nicht kontrollierbare extreme Schwankungen der Stimmung, des Antriebs und der Aktivität.

Aus der Psychiatrie schreibt Sebastian Schlösser Briefe an seinen damals andertalbjährigen Sohn. Es ist ein Versuch der Erklärung. Einer Erklärung, wie es zu dem Zusammenbruch kommen konnte, aber auch, was ihn in der Einsamkeit der Klinik bewegt. Heute ist sein Sohn Matz* acht Jahre alt. Die Briefe erscheinen in diesen Tagen nun als Buch: "Lieber Matz, Dein Papa hat 'ne Meise" (240 Seiten, Ullstein Verlag, Berlin. 18 Euro). Mit Sebastian Schlösser sprach Redakteurin Anne Klesse.

Berliner Morgenpost: Herr Schlösser, in den 50 Briefen an Ihren Sohn Matz durchleben Sie noch einmal einzelne Phasen Ihres Lebens - die leidenschaftliche, aber nervenaufreibende Arbeit als Theaterregisseur, die Geburt Ihres Sohnes, Beziehungsprobleme mit der Ehefrau - waren die Briefe auch eine Art Therapie für Sie?

Sebastian Schlösser: Auf jeden Fall. Ich würde sogar sagen, dass sie die produktivste Therapie waren, neben den Medikamenten. Sie sind meine Form der Therapie, nach der ich lange gesucht habe. Diese Briefe waren total wichtig für mich. Mein Arzt, der Meisendoktor, wie ich ihn meinem Sohn gegenüber nenne, war sehr zufrieden mit mir und sagte, das Briefe schreiben sei eine sehr schöne therapeutische Maßnahme von mir gewesen. Ich habe die Briefe an meinen Sohn adressiert, aber eigentlich habe ich sie auch für mich geschrieben.

Berliner Morgenpost: Die Briefe wurden also nie abgeschickt?

Sebastian Schlösser: Nein. Aber irgendwann werde ich ihn sie lesen lassen, ganz sicher. Später. Jetzt wird er bald acht und hat gerade Lesen gelernt. Natürlich hat er ein bisschen was von dem Thema auch so schon mitbekommen, aber für die ganze Fülle der Dinge ist er noch zu jung. Schreibend habe ich an ihn gedacht, was dabei herausgekommen ist, ist doch eher für Erwachsene. Ich glaube, er wird fragen, wenn er alt genug ist. Ich werde da auf ihn warten und das nicht forcieren. Ich habe auch ein bisschen Angst vor dem Moment. Denn er wird mein furchtbarster Kritiker sein.

Berliner Morgenpost: Der große psychische Zusammenbruch kam, als Sie in Berlin im Sommer 2005 am Theaterdiscounter inszenierten. Sie schliefen kaum noch, fuhren im Bademantel per Taxi durch Berlin, beschimpften Menschen, die Ihnen nahe standen. Am Abend vor der Premiere brach alles zusammen. Über die Zeit davor schreiben Sie, es sei der Sommer Ihres Lebens gewesen, Berlin sei eine Stadt voller Extreme. Hat diese Stadt der Extreme vielleicht erst das Extreme in Ihnen hervorgeholt?

Sebastian Schlösser: Ich glaube, das hat es verstärkt. Man hat die Veranlagung dafür und dann müssen diverse Sachen dazu kommen, damit das ausbricht. Bei mir ist die manische Depression schon einmal ausgebrochen, da war ich gerade 19 und habe mein Auto angesprüht, mir teure Dinge gekauft, die ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte. Ich hatte extreme Ängste, da war so eine Perspektivlosigkeit nach dem Abitur, dann kam der Tod meiner Großmutter dazu. Die Depression wurde damals aber nicht diagnostiziert. Es ging dann irgendwie - bis zum Sommer 2005. Eigentlich war ich da in einer guten Phase, hatte ein festes Engagement an einem Theater in Essen in Aussicht. Aber als sich das dann alles so eingependelt hat, stagniert hat, mit der Tendenz nach unten, da konnte ich das nicht aushalten. Das hat mir Angst gemacht. In dieser Phase kamen die Umstände in Berlin dazu. Ich war euphorisiert von der Stadt, der kleinen Produktion am "Theaterdiscounter" mit nur vier Schauspielern, das war sehr persönlich, freundschaftlich, das passte alles sehr gut. Ich habe getrunken, Party gemacht, wenig geschlafen. Das waren sicherlich alles Brandbeschleuniger, sozusagen.

Berliner Morgenpost: In den Briefen beschreiben Sie die Depression als Meise in Ihrem Kopf, weswegen Sie zum Meisendoktor gehen. Wie erklärt man einem Kind eine psychische Krankheit, wie übersteht man das als Familie?

Sebastian Schlösser: Mein Sohn war damals noch so klein, das hat er noch nicht verstanden. Wir haben ihn dann bei der Oma abgegeben, die hat sich um ihn gekümmert, solange meine Frau und ich das nicht konnten. Das war großes Glück. Wäre er schon älter gewesen, dann wäre er jetzt eventuell verhaltensgestört. Wenn die Eltern psychisch krank werden, ist das für Kinder stark traumatisierend. Kinder schämen sich ganz gewiss für das Verhalten des Vaters, der in einer manischen Phase ist.

Berliner Morgenpost: War es Ihnen unangenehm, vor Ihrer Familie Schwäche zu zeigen? Haben Sie überhaupt gemerkt, dass Sie gerade dabei sind, Beziehungen zu zerstören?

Sebastian Schlösser: Ja, schon, die Ahnung hatte ich schon währenddessen. Da gab es immer wieder so Schockmomente. Später vor allem, in der depressiven Phase, aber auch in der Manie. Ich hatte immer mal wieder Momente des völligen Schuldbewusstseins, in denen ich dachte 'Das kann nicht wahr sein, was habe ich nur getan?'. Das treibt einen dann aber wieder zu neuen Idiotien. Mich hat aber vor allem diese Sorge um mich herum gestresst, diese besorgten Gesichter, die konnte ich nicht ertragen. Ich wollte, dass das aufhört. Und irgendwann wusste ich: Okay, die hören nicht auf, also muss ich aufhören.

Berliner Morgenpost: Das war aber sehr reflektiert dafür, dass Sie mitten in einer manischen Phase waren...

Sebastian Schlösser: Ja. Aber dazu kam, dass ich unbedingt weiter arbeiten wollte. Im Herbst am Theater in Essen als fester Hausregisseur anzutreten, wie ich es vorhatte, - das wäre unmöglich gewesen. Ich hätte denen die ganze Bude auseinander genommen, in jeglicher Hinsicht. Ich war damals eine Art Sprengmeister. Ließ mir von niemandem etwas sagen. Und dazu einerseits die Freude, der Stolz über das feste Engagement, andererseits aber das ständige Hingehaltenwerden, die Demütigungen und Selbstzweifel. Man frisst das so in sich hinein und holt es dann pöbelartig hervor. Ich war so weit, denen das einfach so um die Ohren zu hauen. Und ich glaube nicht, dass ich dann lange dort geblieben wäre.

Sebastian Schlösser: Andererseits hat es ja auch etwas befreiendes, auszusprechen, was man denkt. Ich bin ein ehrlicher Typ, der auch jetzt sagt, was er denkt. Ungerechtigkeit und Unaufrichtigkeit tun mir weh. Das bricht sich dann manchmal Bahn. Da bin ich jetzt aber gewappneter. Ich sage jetzt früher, was ich will und was mich stört. Ich versuche jetzt, Situationen schon vorher, im Geist, zu entschärfen. Jetzt kann ich besser damit umgehen.

Berliner Morgenpost: In den Briefen klingt es manchmal, als sei Ihr Sohn der einzige Lichtblick gewesen, das einzig Positive in Ihrem Leben.

Sebastian Schlösser: Das habe ich damals auch so empfunden. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich mich wohl viel mehr gehen lassen. Vielleicht könnte ich dann gar nicht dieses Gespräch führen. Dann wäre mein weiteres Leben sicherlich anders abgelaufen. Die Verantwortung für ihn - auch wenn mich genau das auch immer wieder in Verzweiflung gestürzt hat, weil ich die nicht einlösen konnte - war auch eine große Motivation zu gesunden.

Berliner Morgenpost: Haben Sie sich manchmal als Zumutung gefühlt?

Sebastian Schlösser: Ihm gegenüber nicht, dazu war er zu klein. Aber allen anderen gegenüber. Meiner Frau, meiner Familie, Freunden. Ich habe die oft überfordert und total beleidigt. Meinen Vater, der zur Premiere nach Berlin kam, habe ich in aller Öffentlichkeit wüst beschimpft. Ich fand sie alle unerträglich. Das habe ich natürlich oft bereut. Obwohl es schwer ist, das zu bereuen, weil ich mir ja nicht vorgenommen hatte, sie zu beleidigen. Aber geschämt habe ich mich. Im Nachhinein.

Berliner Morgenpost: Das ist jetzt sechs Jahre her. Inwiefern hat sich das Verhältnis zu Ihrer Familie seither verändert?

Sebastian Schlösser: Ich habe wirklich Glück gehabt. Der Großteil meiner Familie ist nicht nachtragend. Sie sind alle sehr emotional und impulsiv, aber auch sehr treu. Da wird man nicht so schnell verstoßen. Und manche Familienmitglieder, mein Onkel oder meine Frau zum Beispiel, kannten die Krankheit und deren Auswirkungen. Meine Frau hat das Netzwerk aufrechterhalten, so dass mir trotz allem Freunde geblieben sind, ich mich nicht über alle Maßen verschuldet habe usw. Dafür bin ich sehr dankbar.

Berliner Morgenpost: Das Buch endet mit einem Brief, in dem Sie beschreiben, wie schön es ist, nach den Ausbrüchen mit anderen Frauen, exzessiven Sauf- und Drogennächten und dem Aufenthalt in der Psychiatrie schlussendlich wieder zu Hause bei Ihrer Frau und Ihrem Sohn zu sein. Ist jetzt alles wieder gut?

Sebastian Schlösser: Das ist es. Ungefähr ein Jahr hat es gedauert, bis alles wieder gut war. Erst dann haben wir uns wieder Vertrauen schenken können. Irgendwann gab es wieder eine gewisse Normalität, die bis heute anhält. Wir haben inzwischen noch eine Tochter, sie ist mittlerweile drei Jahre alt und eigentlich Ausdruck des Vertrauens zwischen uns. Alle drei bis sechs Monate überprüft mein Arzt meinen Lithiumspiegel im Blut. Glücklicherweise muss ich nur noch relativ wenig Medikamente nehmen und fühle mich nicht betäubt, sondern ganz nah am Leben, es gibt kaum Einschränkungen. Da diese bipolare Störung erblich ist, gibt es eine 15- bis 20-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass mein Sohn auch irgendwann manisch-depressiv wird. Ich denke aber, je reflektierter das Umfeld damit umgeht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er gesund bleibt.

Berliner Morgenpost: Als Sie den Zusammenbruch hatten, waren Sie Theaterregisseur, heute studieren Sie Jura und bereiten sich gerade auf Ihr Erstes Staatsexamen vor. Haben Sie Ihre Leidenschaft für Ihre Gesundheit aufgegeben?

Sebastian Schlösser: Nein, überhaupt nicht. Ich mache Jura genauso leidenschaftlich wie damals das Theater. Am Theater vermisse ich nur gewisse Probensituationen, in denen Schauspieler etwas umsetzen, was vorher nicht da war. Das waren immer ganz spezielle Momente. Zurzeit bin ich doch oft allein. Aber vielleicht gibt es später, beispielsweise bei erfolgreichen Verhandlungen als Rechtsanwalt, ähnlich beglückende Momente. Ich bin generell ein leidenschaftlicher Mensch und mache alles mit Leidenschaft. Ich koche auch leidenschaftlich gern. Ich kann mir viele Tätigkeiten vorstellen und fand schon damals die Vorstellung, mein Leben lang Theater zu machen, nicht erfüllend. Mich hat es immer gereizt, neue Dinge auszuprobieren. Am liebsten wäre ich eine Katze mit sieben Leben, dann hätte ich die Zeit, viele verschiedene Sachen zu probieren.

* Sebastian Schlösser hat alle Namen seiner Familie für das Buch verändert.