Interview

"Kinder haben feine Antennen für Gefühlslagen"

Warum Kinder ihren Eltern nacheifern - und später Popstars verehren: Elterntrainerin Bettina Schade über Vorbilder und falsche Idole

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"Nimm dir mal ein Beispiel an..." ist ein Satz, den Kinder und Jugendliche nicht gern hören. Sie suchen sich lieber ihre eigenen Vorbilder. Das können auch die eigenen Eltern sein. Doch wie verhält man sich vorbildlich? Mit der Berliner Pädagogin und Elterntrainerin Bettina Schade sprach Beatrix Fricke. Schade ist selbst Mutter von drei Kindern.

Berliner Morgenpost: Was genau ist überhaupt ein Vorbild?

Bettina Schade: Ein Vorbild ist eine Person, die ein gutes Beispiel vorgibt, an dem man sich orientieren und das richtungsweisend sein kann. Indem sich Kinder und Jugendliche an Vorbildern orientieren, wachsen sie in die Gesellschaft und die Kultur hinein. Es findet also ein sozialer Anpassungsprozess statt.

Berliner Morgenpost: Kinder beginnen ja schon im Babyalter, ihre Eltern nachzuahmen. Werden diese so automatisch zum Vorbild?

Bettina Schade: Ja. Vor allem im zweiten und dritten Lebensjahr ist das so genannte Lernen am Modell stark ausgeprägt. So eignen sich Kinder beispielsweise Sprache an und auch das soziale Handeln. Wie weit das geht, zeigen Beobachtungen an Kindern von Eltern mit einer Gehbehinderung: Diese ahmen zeitweise sogar das Nachziehen des Beins nach.

Berliner Morgenpost: Adaptieren Kinder nur Verhaltensweisen oder auch Einstellungen und Gefühle?

Bettina Schade: Beides. Kinder sind sehr gute Beobachter. Sie schauen genau, wer was wann tut oder sagt. Sie haben aber auch feine Antennen für Gefühlslagen.

Berliner Morgenpost: Doch lernen Kinder ja nicht nur durch das Vorleben, sondern auch durch Erziehung...

Bettina Schade: Ja, aber auch in der Erziehung spielt das Vorbildhafte eine große Rolle. Friedrich Fröbel, der Begründer der Kindergartenbewegung, sagte: "Erziehung ist Liebe und Vorbild, sonst nichts." Je älter Kinder werden, desto wichtiger wird es, auch Erklärungen abzugeben, Erwartungen zu formulieren und Regeln abzusprechen. Ein praktisches Beispiel: Selbst wenn die Eltern beim Betreten der Wohnung stets vorbildlich und ordentlich Schuhe, Jacke und Tasche an ihren Platz räumen, werden sie damit kaum verhindern, dass die Kinder alles fallen lassen und zum Spielen ins Kinderzimmer rennen. Das zeigt die Grenzen des Vorbilds.

Berliner Morgenpost: Vorbild zu sein, bedeutet auch Verantwortung übernehmen. Was also sollten Eltern tun, was besser lassen?

Bettina Schade: Es gibt das Sprichwort, dass man nicht Wasser predigen und Wein trinken sollte. Das heißt, dass das Reden der Eltern mit ihrem eigenen Handeln übereinstimmen sollte. Wer von seinen Kindern verlangt, dass sie einen Fahrradhelm aufsetzen, selbst aber keinen benutzt, ist wenig überzeugend. Authentizität ist sehr wichtig.

Berliner Morgenpost: Ist es aber nicht auch sinnvoll, sich hin und wieder zu verstellen, um den Kindern bestimmte Verhaltensweisen zu vermitteln?

Bettina Schade: In bestimmten Situationen: Ja. So sollte man den Nachbarn höflich grüßen, auch wenn man ihn nicht ausstehen kann. Das demonstriert dem Kind, dass man lernen muss, seine Gefühle zu kontrollieren und soziale Konventionen zu beachten. Auch sollte sich eine ängstliche Mutter auf dem Spielplatz ruhig mutiger geben, als sie ist, um das Kind nicht zu beschränken. Ich finde es auch okay, wenn Eltern lieber heimlich als offen rauchen. Wenn das Kind das spitzkriegt, sollte man darüber reden und seine Schwächen zugeben.

Berliner Morgenpost: Kann man auch mal ganz offen vom Vorbildlichen abweichen?

Bettina Schade: Man kann das Abweichen von der Norm ja richtiggehend zelebrieren. Zum Beispiel das gemeinsame Essen: Gute Manieren und Rücksichtnahme sind wichtig. Doch ab und an ein "Pippi-Langstrumpf-Essen", bei dem sich jeder so benehmen kann, wie er mag, schadet nicht, sondern macht allen Spaß! Das würde ich allerdings eher mit älteren Kindern machen.

Berliner Morgenpost: Was ist, wenn Mutter und Vater den Kindern Unterschiedliches vorleben wollen?

Bettina Schade: Unterschiedliche Erziehungsstile sind normal. Auch die Erzieherin in der Kita ist ja anders als die Eltern. Unterschiede können bereichernd sein: Sie fördern die Vorstellung von Vielfalt und die Anpassungsfähigkeit des Kindes. Allerdings sollten Eltern doch eine grobe gemeinsame Linie haben, was Eckpunkte wie Schlafenszeit und Medienkonsum angeht. Und wenn es mal keine gemeinsame Auffassung gibt, ist es wichtig, wie die Eltern damit umgehen.

Berliner Morgenpost: Inwiefern?

Bettina Schade: Vor den Kindern sollten sich die Partner lieber auf die Zunge beißen und später in einem ruhigen Moment miteinander sprechen. Nicht immer wird man Einigkeit erzielen oder einen Kompromiss finden können. Dann hilft nur Verständnis dafür, dass der Partner gute Gründe für sein Verhalten hat. Ganz wichtig ist, dass die Eltern sich nicht gegeneinander ausspielen - gerade bei getrennten Paaren. Man sollte sich also nicht mit den Worten einschmeicheln: "Weil Mama/Papa immer so streng ist, darfst du bei mir länger fernsehen." Damit instrumentalisiert man die Kinder.

Berliner Morgenpost: Und wenn sich die Kinder ganz anders entwickeln, als man ihnen vorgelebt hat?

Bettina Schade: Ja, das kann passieren. Vielleicht waren die Eltern sehr dominant, und das Kind muss sich "freischwimmen". Oder das Kind hat schlichtweg andere Begabungen, Interessen und Bedürfnisse als seine Eltern. Kinder müssen nicht in allem in die Fußstapfen ihrer Eltern treten, sondern sollten ihren eigenen Charakter und ihre eigenen Talente entfalten dürfen. Und in der Pubertät gehört Abgrenzung von den Eltern zu den Entwicklungsaufgaben zwingend dazu.

Berliner Morgenpost: Oft werden dann außerfamiliäre Vorbilder für die Kinder wichtig. Warum?

Bettina Schade: Andere Personen können dem Jugendlichen dabei helfen, eine eigene Identität zu entwickeln und sich räumlich wie emotional vom Elternhaus abzulösen. Oft werden auch Idole verehrt, zum Beispiel Popstars oder Sportler. Damit signalisieren die Jugendlichen nach außen, welcher Subkultur sie sich zugehörig fühlen. Und die Idole dienen als Projektionsfläche für Wunschfantasien, so wie kleine Kinder die mutige Pippi Langstrumpf oder Star-Wars-Helden verehren.

Berliner Morgenpost: Ist das problematisch?

Bettina Schade: Nein, meist ist diese Phase vorübergehend. Nur sehr selten kommt es zu einer Überidentifikation mit dem Star. Dies wäre gefährlich - es könnte zu einer Selbstentwertung führen und die Persönlichkeitsentwicklung zum Stagnieren bringen.

Berliner Morgenpost: Was sollten Eltern tun, wenn sie die außerfamiliären Vorbilder nicht gut finden?

Bettina Schade: Gelassenheit tut gut. Und Vertrauen in das Kind - und die eigenen Fähigkeiten als Mutter und Vater. Viele Eltern sind sehr ängstlich und selbstkritisch in Bezug auf die Erziehung. Sie schauen zu viel auf ihre Fehler und machen sich zu viele Sorgen, anstatt das zu betrachten, was ihnen gelungen ist. Eltern sollten sich ruhig häufiger mal auf die Schulter klopfen.

Berliner Morgenpost: Was kann man tun, wenn die anderen Vorbilder so übermächtig werden, dass der Kontakt zum Kind sogar abzureißen droht?

Bettina Schade: Ich würde versuchen, im Gespräch zu bleiben. Das geht nicht über Misstrauen, Verbote und Strafandrohungen - die bewirken nur das Gegenteil, nämlich den Rückzug. Sondern über "Ich-Botschaften". Ich würde meinem Kind mitteilen, dass ich es wertschätze und ihm viel zutraue. Aber dass ich eben auch Bedenken und Sorgen habe. Wichtig ist aber auch, dass Eltern sehen: Es gibt Grenzen der Erziehung und Grenzen ihres Einflusses.

Berliner Morgenpost: Haben die Eltern als Vorbild irgendwann ausgedient?

Bettina Schade: Nein. In Studien geben die meisten Jugendlichen an, dass sie ihre Eltern als Vorbild sehen, auch wenn sie anderes demonstrieren. Nur entwickeln Kinder manchmal andere Schwerpunkte. Wenn der Vater bei der CDU aktiv ist, wird das Kind vielleicht Mitglied der Grünen. Das zeigt, dass der Vater Vorbild ist hinsichtlich des politischen Engagements - auch wenn die Ausrichtung verschieden ist.

Berliner Morgenpost: Müssen Eltern vollkommen sein, um gute Vorbilder abzugeben?

Bettina Schade: Natürlich nicht. Wer sagt denn überhaupt, was perfekt und richtig ist? Ich finde, dass die "drei Z" des Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi immer noch eine hohe Gültigkeit haben. Sie heißen "Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit" und bilden eine sehr gute Grundlage für die Beziehung zu den eigenen Kindern. Wenn Kinder sich geliebt und angenommen fühlen, dann ist es auch in Ordnung, als Mutter und Vater mal ein nicht so "pädagogisch wertvolles" Verhalten an den Tag zu legen. Wenn Kinder sich geliebt und angenommen fühlen, dann ist es auch in Ordnung, als Mutter und Vater mal ein nicht so "pädagogisch wertvolles" Verhalten an den Tag zu legen.